Also grundsätzlich finde ich es schade, dass diese Rochade nun durchgeführt wird. An sich hat Medwedew gute Impulse gegeben, in irgendeinem russischen Journal stand letztens als Einschätzung (frei übersetzt): Obwohl im die Hände gebunden sind, versucht er alles anzupacken, wo er noch rankommt. Ich empfinde schon eine gewisse Modernisierung in seiner Amtsperiode - in den Behörden stehen nun Computer, für den Pass kann man sich elektronisch anmelden, ebenso für die Technosmotr (als es sie noch gab). Es ist ja nicht so, dass es bis 2008 keine PCs gegeben hätte - aber erst mit Medwedew kamen die in der russischen Verwaltung an.
Vielleicht ist die Rochade so doch etwas näher an der Realität - Putin ist die glänzendere Figur für öffentliche Auftritte, für Außenpolitik und so weiter. Medwedew ist jener, der die langweiligen, aber dennoch nötigen Dinge anpackt. Im Grunde ist der Wechsel eigentlich nur eine Anpassung an die Realität.
Aber dennoch finde ich es ein trauriges Schauspiel - denn allein die Hörigkeit, dass bei über 1000 Delegierten nur eine Gegenstimme kommt und diese dann auch noch in lächerlicher Weise angegriffen wird, kotzt mich an. Dies erinnert zu sehr an alte Zeiten. (Ja, auch in deutschen Parteien werden Kandidaten meist mit über 90 Prozent aufgestellt und bekommen 15 Minuten Applaus - aber eine gewisse innerparteiliche Kritik ist dennoch erlaubt. Hier offensichtlich nicht.)
Zur Diskussion hier: Die Politik der letzten 10 Jahre halte ich im großen Maßstab für gelungen. Schulden wurden abgebaut und Investitionen in die Infrastruktur wurden nicht in Boomzeiten gemacht - wo wären denn die Preise für Neubauten gelandet, wenn es im gleichen Zeitraum noch ein Infrastrukturpaket gegeben hätte?! Das Schimpfen über die Wirtschaftspolitik kann ich auch nicht nachvollziehen: die Autoindustrie wurde erfolgreich angelockt, auch auf moderne Technologien wie Nanotechnik versucht man aufzuspringen - wobei das zugegeben eine eher peinliche Show ist. Aber wie soll man es sonst angehen.
Kritik gibt es natürlich ausreichend, da muss man auch meiner Meinung nach dringend anpacken: Die Korruption muss dringend in den Griff bekommen werden - das Geld für das Bolschoi Teatr und Sochi war faktisch alle, bevor der erste Ziegel gesetzt wurde. Die Struktur von Edinnaja Rossija ist ein schlechter Scherz - ein Sammelbecken korrupter Nichtskönner. Ich habe selber entfernte Freunde, die sich dort nur für ihren persönlichen Vorteil engagieren, weil sie es anders zu nichts bringen. Aber wer wirklich schlau ist, lässt aus persönlichem Stolz die Finger von der Bande.
Es ist also eine zwiespältige Geschichte. Die Show war schlecht, aber die Idee dahinter kann ich nicht grundsätzlich verteufeln.
pippie hat geschrieben:Wenn man Komfort braucht, sind das schon Wohlstandssorgen. Ich würde mich auch freuen, wenn in Deutschland der öffentliche Nahverkehr so dicht ausgebaut wäre, wie hier. Da bräuchte ich nicht die neuesten Busse. Ein paar mehr am Tag oder überhaupt einer würden mir völlig reichen!
Also Moment, ihr vergleicht Äpfel mit Birnen. Es gibt Stadtteile von Novosibirsk, da fährt der letzte Privatbus um 20:00. Staatliche Busse wurden weitestgehend abgeschafft. (Die Privatbusse sind technisch schlecht gewartet, Arbeitsschichten von 14 Stunden normal - das Risiko für die Fahrgäste unglaublich hoch.) In jenem Dorf, wo wir unsere Datscha haben, gab es nie einen Bus - die nächstgelegende Elektrischka ist 12 km zu Fuß (am Wochenende im Sommer kann man auf dem Anhänger eines Traktors die ersten 8 km fahren). Diese Elektritschka fährt fünfmal am Tag - 5:30, 8:30, 14:00, 18:00, 20:00. Der Zug am Vormittag wurde vor vier Jahren abgeschafft. Alternativ kann man noch 5 km laufen, wo es eine stündliche Busverbindung mit einmal umsteigen gibt. Das Dorf ist ganze 60 km von Nowokusnjezk entfernt - eine Stadt mit 700.000 Einwohnern!
Vergleich in Deutschland: In einem vergleichbaren Mini-Dorf bei Mönchengladbach, wo meine Ex-Freundin wohnte, gab es eine Anruflinientaxi, welches zehnmal am Tag angeboten wurde (zum normalen Bustarif). In Dresden haben alle Stadtteile bis 22:45 einen 15-Minuten-Takt, bis 0:45 alle 30 Minuten, dann über die Nacht alle 70 Minuten. Es gibt ein gut koordiniertes Nachttreffen aller Straßenbahnen und Busse, so dass man in einer halben bis dreiviertel Stunde von jedem Stadtteil in jeden anderen gelangt. Alle Verkehrsmittel sind sauber, technisch zuverlässig und die Arbeitskräfte haben nie Schichten über 8 Stunden, unter Beachtung von Lenkpausen.
Fazit: Sowohl der Anschluss kleiner Dörfer als auch der Stadtverkehr ist in Russland im Vergleich zu Deutschland in meinen Augen eine Katastrophe! (Einzig wenn ich die Berliner S-Bahn mit der Moskauer U-Bahn vergleiche, gewinnt Russland. 8) )