Gunnar hat geschrieben:
Aber zurück zum Thema. Ich sehe einen unguten Nationalismus, der durch dauerhafte Desinformation der Bürger gepaart mit einer völkisch anmutenden Romantik großrussische Fantasien (Wir erinnern uns: Niedergang der Sowjetunion = größte Katastrophe usw.) beflügen soll.
Die sowjetische Schuld wird nicht Gott klären, sondern mann kann von einem amtierenden und Teile der Ukraine annektierenden russischen Präsidenten erwarten, dass er auch mal was zu der Sowjetischen Schuld von Holodomor in seiner Rede erwähnt, wenn er schon die Tausendjährige russische Geschichte bemüht. usw. usw.
Holodomor wird selbst in einigen Ländern wie Österreich nicht als Volksverbrechen anerkannt, weil er auch viele Millionen Russen das Leben gekostet hat.
Du und der Artikel machen an der Stelle Faschismus für mich einen entscheidenden Fehler.
Der Autor - Diktatur- und Gewaltforscher UdSSR - sucht seine eigene Berechtigung und Aufwertung mit diesem Artikel.
Er pickt einzelne Merkmale heraus wie Imperialismus, Führerkult belegt diese, bzw. macht sie passend.
Dann folgert er daraus Putin = Faschismus ... was wissenschaftlich nicht haltbar ist.
Der Faschismus ist sicher imperialistisch, nicht-demokratisch ...
Aber noch längst nicht alles, was imperialistisch, nicht-demokratisch ist, ist auch faschistisch.
Man muss schon alle Wesensmerkmale des Faschismus abprüfen und kann nicht einzelne hochziehen,
die zB Merkmale autokratischer Systeme sind.
Es fehlen wesentliche Merkmale des Faschismus ganz,
* wie eben die ethnische, rassische oder auch religiöse Fixierung - der Kreml nimmt hier eine diametral andere Position ein: multi-ethnisch, multi-religiös
* keine Ausgrenzung von rassischen, ethnischen, religiösen o.a. Minderheiten um Sündenböcke für Fehlentwicklungen zu finden.
* es gibt keine Feindbilder, Sündenböcke, gegen die man im Inland vorgehen müsste, um Repression zu rechtfertigen ... sie findet schleichend statt
* auch die gesellschaftliche und politische Vorherrschaft des Militärs kann ich nicht erkennen
* Verherrlichungen von Gewalt, Kampf und Militarismus sehe ich nicht
* Geringschätzung Intellektueller und der Künste
* Antidemokratische, antiliberale und antiparlamentarische politische Ideologie - die Realitäten mögen oft so sein - ideologisch haben sie keinen Einzug gehalten
Andere Merkmale haben andere Ursachen oder sind nicht nur in Ansätzen vorhanden
* Führerkult ist zwar teilweise vorhanden, hat aber vor allem seine Gründe darin, dass die Rolle eines starken Staates in RUS vom Volk eher gewünscht, und auch größen- und systembedingt eher nötig ist. (Jelzin-Chaos)
* Patriotismus, negativ formuliert Nationalismus dient dem inneren Zusammenhalt, der Identitätsfindung eines fragilen, multi-ethnischen Riesenreiches
* Einen nach aussen gerichteten expansiven Nationalismus kann ich (noch) nicht ausmachen - "Schutz von Russen" wird erst dann zum Problem, wenn gegen den dort herrschenden Volkswillen durchgesetzt wird
* Auch Sexismus ist zwar nicht als totale männliche Dominanz in RUS vorhanden, aber tendenziell über männliche Führung und Homophobie schon - der Traditionalismus soll die verlorenen Werten der SU ersetzen
* Arbeitnehmerrechte werden unterdrückt ... ?
* landesweite Polizeieinheit mit praktisch unbegrenzter Macht....
Viele Merkmale des Faschismus kann man mittlerweile leider auch in Putins RUS antreffen.
Sie sind aber mMn allgemein Wesensmerkmale autokratischer Systeme und zu einem solchen scheint sich RUS unter Putin in der Tat leider immer mehr zu entwickeln.
* Zentralismus
* zwar keine Verachtung aber Beschneidung der Grundrechte der Menschen
* Kontrollierte Massenmedien
* Ungezügelte Vetternwirtschaft und Korruption
* zwar nicht total ausgeprägt aber Anfänge der Einschüchterung durch einen (brutalen) Überwachungs- und Terrorapparat
* Betrügerische Wahlen
* Religion und Regierung arbeiten Hand in Hand
* unternehmerische Macht wird geschützt
Insgesamt lässt sich in Putins RUS für mich viel, zu viel ausmachen, was für ein autokratisches System spricht,
das auch Wesenszüge des Faschismus als dem autokratischem system schlechthin, enthält,
aber angesichts definitiv fehlender Merkmale wie "das sich ethnisch, rassisch über andere zu stellen", würde ich definitiv Faschismus negieren.
Es zeigt aber in der Tat einige vergleichbare Merkmale, die sich gerade in den letzten Jahren verstärkt ausgearbeitet haben,
und auch heute immer weniger durch die anfänglich noch herrschende Fremdbestimmung RUS und die nötige Stabilisierung zu rechtfertigen sind.
Ich möchte mich bei Gunnar entschuldigen, eine Beschäftigung mit Parallelen ist berechtigt,
auch wenn ich das gerade in der aktuellen Krise für zusätzliches Öl halte und
ich bei unserer eigenen Geschichte und den Millionen-Faschismus-Opfern in RUS heute keinesfalls von Putins RUS als faschistischem System sprechen würde.
Es wird zusehens autokratischer und das ist schlimm genug.
Wahrscheinlich brauchen wir nach der Entputinisierung eine neues Wort dafür, was es war.