Lage der russischen Wirtschaft

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Norbert
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Re: Lage der russischen Wirtschaft

Beitrag von Norbert »

Ich frage mich an dieser Stelle: Wirtschaft ist ja immer ein fragiles Gebilde. Warum Polen boomt und Deutschland stagniert bzw. fällt, kann man mit Logik kaum beschreiben. Letztlich hat Polen ja kaum etwas zu bieten und dennoch sind die Löhne in gewissen Branchen in Warschau schon höher als in Berlin. Es ist also viel Psychologie und Vertrauen, und das Vertrauen in Deutschland ist gerade weg.

So, und nun zu Russland: Ich schaue mit Verwunderung auf den jahrelangen Bauboom. Ich dachte schon 2005, dass es eigenartig ist, wie rasant die Immobilienpreise steigen, was einen Bauboom zur Folge hatte. Erwartete einen Crash. Nun sind wir 20 Jahre später, der Bauboom ist nochmals Faktor 20 größer. In Novosibirsk schießt ein Wohnprojekt nach dem anderen aus dem Boden. Die Bauwirtschaft hat sich vervielfacht, aber genau hier lauert in meinen Augen ein riesiges Problem. Die großzügigen Kredithilfen kann sich das Land derzeit nicht mehr leisten, und scheinbar halten aktuell vor allem die hohen Soldatensaläre die Immobilienwirtschaft hoch. Aber wenn sie einmal ins Straucheln kommt, dann könnte es wirklich einen Abwärtsstrudel erzeugen, angesichts der aktuellen Größe dieser Branche.

Und es gibt ja auch andere Branchen, die aktuell straucheln. Allen voran die Kohle - wobei ich da nicht verstehe, was genau sich geändert hat, und warum auf einmal über 50 Schächte / Tagebaue stark im Minus oder Pleite sind. Oder auch die Automobilindustrie, welche sich eben nicht durch die Kriegsindustrie ausgleichen lässt. 3 Millionen Autos ist wohl die Kapazität, gebaut wird nicht einmal 1 Million. Selbst 10.000 Panzer wären da nur ein kleiner Tropfen im Vergleich.
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arghmage
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Re: Lage der russischen Wirtschaft

Beitrag von arghmage »

Norbert hat geschrieben: 02 Dez 2025, 06:42 Und es gibt ja auch andere Branchen, die aktuell straucheln. Allen voran die Kohle - wobei ich da nicht verstehe, was genau sich geändert hat
Das sind zum Großteil die Sanktionen, die nicht wirken. Die EU war vorher einer der Hauptabnehmer für russ. Kohle, seit vorigem Jahr hat die EU die Importe auf 0 reduziert. Es läßt sich halt nicht alles durch Lieferungen Richtung Asien ausgleichen. Zudem sinken die Weltmarktpreise für Kohle, was den Export schlichtweg unrentabel macht.
Oder auch die Automobilindustrie, welche sich eben nicht durch die Kriegsindustrie ausgleichen lässt. 3 Millionen Autos ist wohl die Kapazität, gebaut wird nicht einmal 1 Million. Selbst 10.000 Panzer wären da nur ein kleiner Tropfen im Vergleich.
Die Autoindustrie hatte es ja schon vor dem Krieg schwer. Ich kenne fast niemenden, der da früher freiwillig Lada gefahren wäre. Ok die Schwiegereltern haben sich einen Kalina gekauft, mehr ist bei der mickrigen Rente aber auch nicht drin. Mein Schwager hatte bis vor ein paar Jahren einen Granata, der war schon zuiemlich übel. Jetzt wird ein Chinakracher gefahren, (natürlich) SUV für etwas über 1 Mio Rubel ... wenn die Preise für chin. Autos her auch so wären ...
Die Autoindustrie wurde halt mit dem Krieg hart abgewürgt und wenn da Großteil des Know-how aus dem Westen kam, kann man jetzt schön sehen, was noch übrige bleibt, absolut 0 konkurrenzfähig.

Die (zivile) Luftfahrtindustrie würde mir noch einfallen. So gut wie alle (der wenigen) Neuentwicklungen sind meilenweit von der Serienreife entfernt, da gibt es ständig neue Verzögerungen. Der zu 100% russifizierte Superjet kommt auch nicht in die Gänge.

Gestern das gelesen, paßt so am Rande auch zur Wirtschaft
https://www.aerotelegraph.com/fracht/ru ... ch/dh0p1l0
Wenn man mal die reißerische Headline wegläßt ... nur noch 28 einsatzbereite Flugzeuge ist schon mickrig.
Aber auch erstaunlich, daß sich die russ. Luftfahrt trotz Sanktionen so lange gehalten hat.
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Norbert
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Re: Lage der russischen Wirtschaft

Beitrag von Norbert »

S7 hatte im Frühjahr diverse Flugziele mangels Flugzeugen eingestellt, beispielsweise Moskau-Novokusnetsk, wo sie früher mal Monopolist waren. Im Winter fliegen sie wohl wieder, aber den ganzen Sommer über wurden die verbliebenen Flieger auf lukrativere Monopolstrecken umgeplant, beispielsweise Novosibirsk-Kaliningrad für 70.000 Rubel hin- und zurück. Wunderte mich doch, weil eigentlich schien mir das Problem gelöst - immerhin wird selbst im vierten Jahr der Sanktionen noch reichlich geflogen.
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Re: Lage der russischen Wirtschaft

Beitrag von olexpert »

Norbert hat geschrieben: 02 Dez 2025, 06:42 Ich frage mich an dieser Stelle: Wirtschaft ist ja immer ein fragiles Gebilde. Warum Polen boomt und Deutschland stagniert bzw. fällt, kann man mit Logik kaum beschreiben. Letztlich hat Polen ja kaum etwas zu bieten.....
Ich denke, die Logik ist einfach, welche politischen Voraussetzungen für eine gute wirtschaftliche Entwicklung geschaffen werden. Gesunde konservative Basis und Anreize, dass wirtschaftliche Eigeninitiative Erträge bringt. Ich kann es nur von den vielen Durchfahrten mit Bahn und Bus bewerten. Rekonstruierte, saubere Bahnhöfe. Sicherheitsdienste immer zur Stelle. Kaum sichtbare Migrationsprobleme. Das erzeugt für die Jugend und junge Unternehmer ein optimales Klima.
Frank [welcome]
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