Russland: Wirtschaft im freien Fall

Debatte zu den Konflikten in der Ukraine. Wir bitten insbesondere hier um eine zivilisierte Kommunikation. Aus schlechter Erfahrung beschränken wir jedoch auch bei diesem Thema die Zugriffe auf jene Benutzer, die explizit an der Diskussion teilnehmen möchten, wie bereits im "Politischen Forum".
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HJ52
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Russland: Wirtschaft im freien Fall

Beitrag von HJ52 »

Zitat vom BlackRock-Merz Betreff Präsident W.W. Putin, 04.05.26

".... Die Kritik wird lauter, die Wirtschaft ist im freien Fall, die Versorgung der Bevölkerung wird immer kritischer..... "

Dieser Merz verfügt mit Sicherheit an exzellente Informationsquellen. Meine Frage, ist an diesen Aussagen etwas dran, oder handelt es sich um dreiste Lügen?
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Wladimir30
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Re: Russland: Wirtschaft im freien Fall

Beitrag von Wladimir30 »

Nun, wenn man sich die Entwicklung des Warenangebots und die Preise anschaut, so spricht nichts davon, dass es dermaßen rapide den Berg hinab geht. Auch die Produktionsbetriebe sind, soweit ich es überschauen kann, zumindest auf Vorjahresniveau. Der Rubel wird stärker, wie man an der Entwicklung der Wechselkurse sieht. Also scheint sowohl aus betriebswirtschaftlicher als auch aus volkswirtschaftlicher Sicht kaum etwas dieser drastischen Aussage zu entsprechen.
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Norbert
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Re: Russland: Wirtschaft im freien Fall

Beitrag von Norbert »

Also einen freien Fall sehe ich nicht, da redet man sich etwas ein. Aber ich habe schon den Eindruck, irgendwie steigt der Druck im Kessel.

Nach der Abschaltung von Whatsapp sind alle brav auf Telegram gewechselt, wer nicht anders konnte auch auf Max. Überall bekam ich die Info: "Sorry, Whatsapp ist kompliziert geworden, lass uns wechseln." Bei Telegram nun gar nicht. "Sorry, auch Telegram ist jetzt kompliziert, Antworten dauern daher ein wenig."
Und die Ankündigung, VPN zu regulieren, kommt noch schlechter an. Wenn sie nicht aufpassen, landet ganz schnell ein großer Teil der Bevölkerung im Dauermodus, wo "was ich denke" und "was ich sage" auseinandergehen. Aktuell ist nur eine Minderheit in diesem Modus, aber man ist ja geübt im Lande mit solchen Situationen.

Und so ein Dauermodus ist dann wiederum auch gefährlich für die langfristige Stabilität. Prigoschin hatte ja Rostov ganz schnell hinter sich, und die Moskauer Elite brauchte einen halben Tag, um sich klar gegen ihn zu entscheiden. Wenn an den Küchentischen sowieso schon alle eine zweite Meinung haben, dann ist das Land viel empfänglicher für solche Aktionen.
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Wladimir30
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Re: Russland: Wirtschaft im freien Fall

Beitrag von Wladimir30 »

Die genannten Punkte, WhatsApp, Telegram, Max, van pe en usw., sind nicht gern gesehen im Volk, das stimmt natürlich. Aber dad hat mit einem freien Fall der Wirtschaft wenn überhaupt, dann nur sehr indirekt zu tun.

Die Gründe hierfür haben nichts mit der Wirtschaft zu tun, sondern sind Stellvertreterkämpfe einander verfeindeter Gruppierungen (oder, drücken wir es mal vorsichtiger aus, verschiedener Parteien mit diametral entgegengesetzten Zielsetzungen). Diese Kämpfer sind allerdings nicht witzig und können weitreichende Folgen haben, auch für die Wirtschaft, vor allem aber politische.
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Norbert
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Re: Russland: Wirtschaft im freien Fall

Beitrag von Norbert »

Ja, mit dem eigentlichen Thema "Wirtschaft" nichts zu tun. In Deutsch hätte es die Note "ungenügend" wegen "Thema verfehlt" gegeben.

Ich bezog mich auf "freien Fall", den man ja gern aufgrund jeglicher kleiner Anzeichen herbeisehnt. Geht der Rubel mal einige Tage in die Knie, dann ist das ja auch gleich ein freier Fall, obwohl es eben in den letzten vier Jahren auch genug Gegenentwicklungen gab. So stabil wie seit Herbst 2022 war der Rubel ja eigentlich 30 Jahre lang nicht - wenn man es nüchtern betrachtet. Diese Momente, wo der Rubel steigt, werden dann aber selten beleuchtet oder als Höhenflug gewürdigt.
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Re: Russland: Wirtschaft im freien Fall

Beitrag von Wladimir30 »

Tja, Norbert, da hast Du leider leider recht. Nur allzu gern werden auch kleine Negativentwicklungen in Russland groß als Beginn des unausweichlichen Untergangs geradezu gefeiert, während stabile oder gar positive Entwicklungen verschwiegen bzw. Sogar abgewürgt werden (wie in der einen Nachrichtensendung vor einem Jahr oder so, finde leider den link nicht mehr).

Der Untergang des eigenen Wertesystems bzw. Der industrielle Niedergang (ich drücke es absichtlich so drastisch aus) oder dahin gehende Anzeichen werden dagegen komplett ausgeblendet.

Schade, denn entsprechende unverblendete Diskussionen, die sich weg von mediengerechten Schablonen bewegten, wären eine hochinteressante Sache!!! Aber das hatten wir schon oft versucht.
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Norbert
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Re: Russland: Wirtschaft im freien Fall

Beitrag von Norbert »

Übrigens hatte der Spiegel gestern recht präsent einen Artikel online, wo dieser "freie Fall" als Blödsinn thematisiert wurde. Und auch bei Ronzheimer im Podcast (BILD) war es Thema, mit demselben Fazit: Quark, die Wirtschaft ist keinesfalls im freien Fall. (Und das war ansonsten eine ziemlich einseitige Interview-Partnerin - selbst der fiel es schwer, dieser These zu folgen.)
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HJ52
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Re: Russland: Wirtschaft im freien Fall

Beitrag von HJ52 »

Ich lebe in einem Mikrokosmos aus Asphalt und Beton, mit einigen wenigen Berührungspunkten zur verarbeitenden Industrie bei Lukoil und Tatneft. Das wars.
Der große Überblick, über den viele Experten außerhalb Russlands verfügen, fehlt mir leider. Aber. In meiner Welt werden Sparmaßnahmen sofort spürbar. Die "Großen" benötigen Megaprojekte, um zehntausende Mitarbeiter halten zu können – genau wie die kleinen Unternehmen, die sich Anlagen buchstäblich vom Munde absparen. Doch während die Auswirkungen beim Durchschnittsbürger oft erst nach Jahren oder Jahrzehnten ankommen, wird im Baugewerbe der Rotstift sofort wahrgenommen.
Schon 2022 wurde die Brücke nach Sakhalin auf Eis gelegt. Die Planung war damals vollständig abgeschlossen, die Aufträge bereits vergeben. Neuanlagen für Beton und Asphalt, die bereits auf dem Weg in den Fernen Osten waren, kehrten im wahrsten Sinne des Wortes um, als die Hiobsbotschaft einschlug. Auch bei der M12 wird nur noch mit angezogener Handbremse weitergebaut, aktuell sind "wir" zwischen Yekaterinburg und Tyumen im Einsatz. Die Duplizierung des ZKAD – ein zusätzlicher neuer Autobahnring – war noch letztes Jahr fest eingeplant. Es hieß, "wir fangen an". Seit etwa vier Wochen ist jedoch klar, die bereits errichteten Beton- und Asphaltanlagen werden teilweise wieder demontiert. Das gleiche Bild zeigt sich bei den Strecken Ufa–Perm oder Nabereszhny- Tschelny–Perm. Überall Stillstand. In Moskau ist die Betonproduktion im Vergleich zu 2022 sogar um fast 80 % eingebrochen.
Je stärker die Nato, desto sicherer der Weltfrieden.
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Norbert
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Re: Russland: Wirtschaft im freien Fall

Beitrag von Norbert »

Die Bauindustrie war für mich schon vergangenes Jahr ein Fragezeichen. Ich hatte eigentlich schon vor über zehn Jahren erwartet, dass der Immobilien-Boom künstlich und ohne Basis ist. Ich lag da falsch, im Gegenteil, es wurde immer mehr, immer größer und immer schicker gebaut. Zumindest in den Großstädten wie Novosibirsk und Konsorten. Man fragte sich, woher diese Nachfrage kam - Rückstau aus den 90ern und höhere Ansprüche der neuen Mittelschicht erklärten es für mich nur zum Teil. Wenn man etwas tiefer gräbt, konnte man es sich aber schon erklären - die ländlichen Gegenden und die kleinen Städten dürren aus, die mittleren Städte sind das Sprungbrett in die größeren, von da nach Moskau oder Piter. Städte wie Gornoaltaisk schrumpfen, Novokusnjezk hält sich, Novosibirsk boomt, Moskau und Piter sowieso.

Die Inflation bzw. der Rubelverfall machten Eigentum attraktiv - nahm man vor 10 Jahren eine Hypothek auf, die man sich gerade so leisten konnte, so war vor 5 Jahren schon kein Problem mehr. Damit waren auch 15 % Zinsen verschmerzbar. Das Ganze wurde dann etwas verlängert durch staatliche Familien-Hypotheken, IT-Fachkräfte-Sonderprogramme und nochmals durch üppige Soldatensaläre.

So, aber nun stockt es. Familien-Hypotheken stark eingeschränkt, der Rubel verfällt aktuell nicht wie früher, zugleich sind die Zinsen massiv gestiegen - der Immobilienstau stockt massiv. Und in der Industrie stecken ja auch massiv Werte. Also Geräte, Maschinen, etc. Auch die Zahl der Fachkräfte ist über die vielen Jahre des Wachstums immer mehr gestiegen. Und da sehe ich aktuell wirklich ein Risiko für einen Absturz.

Aber es wird eben abgefedert, durch die Produktion von Militärbedarf und durch die Importsubstitution.

Letztlich ist Wirtschaft aber eben auch viel Psychologie. Wenn die ersten vorsichtig werden und nicht mehr investieren, kann es schnell zur Abwärtsspirale werden, siehe Deutschland.
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Re: Russland: Wirtschaft im freien Fall

Beitrag von paramecium »

@HJ52: Wie sieht's denn mit den "neuen" Gebieten aus? Werden geplante Bau-Investitionen hier auch gestrichen oder wird hier wie angekündigt ordentlich investiert? Hätte erwartet, dass man das allein schon aus Prestigegründen machen muss. Anschlußfrage: Profitieren die Arbeiter im Baugewerbe dann überhaupt noch von den (bisher) gestiegenen Durchschnittslöhnen in Russland? Wenn Aufträge wegfallen und Arbeiter entlassen werden, haben die Arbeitgeber bei Lohnverhandlungen ja üblicherweise die besseren Karten. Sieht man ja aktuell auch in einigen Industrien in Deutschland.
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