Re: Russen in Russland - kennen sie die westliche Sicht der Dinge?
Verfasst: 12 Mär 2015, 09:35
Kann ich nicht beurteilen, da ich keine Erfahrungen mit dieser Sichtweise habe. Verseucht von westlicher Propaganda würde ich aber vermuten, dass z.B. bei der Presseschau die Artikel "vergessen" werden, die eine allzu russlandkritische Sichtweise darstellen oder die Artikel werden entsprechend kommentiert/kritisiert, um das Weltbild wieder ins Lot zu bringen.Berlino10 hat geschrieben:Wer will findet auch in RUS im Internet kritische Berichte, westliche Sichtweisen und/oder sogar Russischsprachige Internationale Presseschau.
Ich denke mal, das Verfahren, dass man bei RT gut beobachten kann, ist symptomatisch. Ob es da in Russland korrekter zugeht, als in der Frontfiliale?
Erstaunliche Erfahrungen machte ich schon über die Berichterstattung zu Veranstaltungen/Aktionen/Ereiglissen, bei denen ich selbst als Teilnehmer/Zuschauer/Zeuge zugegen war. Natürlich sieht man sich dann gerne mal in den Medien an, wie dort das Echo ist. Nach den Darstellungen von RT & Co. hatte ich aber schon mehrfach den Eindruck, dass ich auf der falschen Veranstaltung war und etwas Anderes gehört/gesehen habe. Für Demenz habe ich eigentlich noch ein paar Jahre Zeit.
Immerhin ist hier die Medienwelt relativ bunt gemischt und erlaubt sich eigene, manchmal konträre Meinungen. Mit der Realität geht jeder relativ freizügig um. Meinungsvielfalt heißt das Schimpfwort. Da ist es in Russland scheinbar einfacher, denn einseitig (natürlich korrekt) informiert, bleibt für Verwirrung kein Platz und man bekommt nicht so schnell Kopfschmerzen.Aber wer will das schon? Und im Zweifel glauben die das auch nicht, halten das ebenso für feindliche Propaganda wie wir die Russische.
Da hätte ich auch meine Bedenken. Nach einer Livesendung würde ich vermutlich ungebetene Begleiter haben und nach einem Interview hätte ich vielleicht Probleme, das gesendete Geschwafel mit meiner ursprünglichen Aussage in Einklang zu bringen.... dass sie Einladungen ins Russische TV aus Misstrauen nicht angenommen hatte.
Eine Episode aus der Praxis, allerdings noch CCCP-Zeit:
Auf der 'Ivan Franko' hatten wir bei Kreuzfahrten natürlich auch getarnte "Beschützer" aus der Lubjanka. Einer trat als Journalist auf und er schrieb auch ein paar Bla-Bla-Artikel für die Bordzeitung. Eines Tages bat er mich um ein Interview -- OK, warum auch nicht? Ich plauderte, lobte das Schiff, die Mannschaft, das gute Wetter und die netten Gäste, erlaubte mir etwas sanfte Kritik und ein paar Verbesserungsvorschläge waren auch dabei.
Zufällig brachte mir der Setzer die Druckfahne vorbei, weil er bei der Schreibweise einiger Wörter unsicher war. Da konnte ich dann die Lobpreisungen (ohne die Kritik etc.) und meine detaillierte Meinung zur Politik Breschnews und dem Afghanistan-Befreiungskrieg lesen. Das brachte mich auf die Barrikaden. Da der "Journalist" eine Überarbeitung ablehnte, einigte man sich als Kompromiss, dass von mir kein Interview erschien. Seit dem sehe ich "Tatsachenberichte" mit anderen Augen.