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Verfasst: 01 Dez 2006, 11:20
von Zeppelin
waldmeister hat geschrieben:Zeppelin hat geschrieben:waldmeister hat geschrieben:Ja, den Artikel finde ich auch gut. Hat jemand Latours Buch gelesen ("Russland im Zangengriff")?
Ich, z.B., und mir war selten so übel.
Weil schlecht geschrieben, oder inhaltlich nicht einverstanden?
Mit weiten Teilen des Inhalts bin ich absolut nicht einverstanden, weil da zahlreiche Dinge behauptet werden, die schlicht und einfach falsch sind. Für PSL besteht die Russische Föderation eben nur aus Russland und die übrigen Föderationssubjekte werden wie innere Gegner dargestellt, gegen die Moskau sich verteidigen müsse. Das ist absoluter Altersschwachsinn. Die kleineren Republiken wissen heute sehr genau, dass separatistische Träumereinen in der Praxis in die Katastrophe führen würden. Es gibt ja genügend abschrekende Beispiele aus der Zeit seit dem Zerfall der Sowjetunion. So schätze ich z.B. das politische Talent von Shamijew als außerordentlich, der es sowohl geschafft hat, die separatistischen Kreise Tatarstans in die Bedeutungslosigkeit zu verbannen, als auch gegenüber Moskau nicht den Duckmäuser spielt - und beides ohne jegliche Agression.
Am widerwärtigsten fand ich aber den anmaßend-ultimativen Urteilsstil, in dem Latour seine Meinung als universelle Wirklichkeit verkauft. Alles so nach dem Motto: "So wie ich es sage ist es. Basta!"
Ob das Buch dies ebenso deutlich macht, wie die eigentliche Fernsehdokumentation, die als Mehrteiler vor einiger Zeit gesendet wurde, mag ich nicht beurteilen, da ich den Schinken nur zum Teil wirklich gelesen habe - bis ich es nicht mehr aushielt.
Gruß,
Zeppelin
Verfasst: 01 Dez 2006, 14:37
von Xottabych
Ah, verstehe, was Du meinst...
Verfasst: 01 Dez 2006, 18:05
von shkelda
Latour erhebt wissenschaftlichen Anspruch, dem er nicht gerecht wird. Seine Werke sind für mich eher Lebensgeschichten, als ein Nachschlagewerk für geschichtliche Ereignisse oder politische Analysen.
Verfasst: 01 Dez 2006, 19:24
von Zeppelin
shkelda hat geschrieben:Latour erhebt wissenschaftlichen Anspruch, dem er nicht gerecht wird. Seine Werke sind für mich eher Lebensgeschichten, als ein Nachschlagewerk für geschichtliche Ereignisse oder politische Analysen.
Dies kann ich nur bestätigen.
Z.
Verfasst: 01 Dez 2006, 21:29
von Paul
shkelda hat geschrieben:Latour erhebt wissenschaftlichen Anspruch, dem er nicht gerecht wird. Seine Werke sind für mich eher Lebensgeschichten, als ein Nachschlagewerk für geschichtliche Ereignisse oder politische Analysen.
Nö, Shkelda, PSL erhebt nicht den Anspruch, wissenschaftliche Monographien zu schreiben, denn dann wären seine Bücher mit dem üblichen Apparat (Fußnoten, Literaturverzeichnis etc.) versehen. Seine Schriften sind das Produkt seiner journalistischen Tätigkeit, wobei ihr Tiefgang erheblich größer ist als bei den üblichen Ergüssen der deutschen Journaille. Andererseits ist der (formale) Anspruch der Wissenschaftlichkeit noch kein Garant inhaltlicher Richtigkeit, wie man etwa an den Publikationen der Berliner SWP sehen kann.
Verfasst: 01 Dez 2006, 22:19
von shkelda
Wer Hypothesen aufstellt, diese anhand Argumenten falsifiziert bzw. verifiziert schreibt für mich primär wissenschaftlich und nicht journalistisch.
Die formalen Aspekte einer wissenschaftlichen Arbeit sind vorerst sekundär, allerdings liegt die Crux bei Latour ja gerade darin, dass er Bücher schreibt in denen seine Fakten großteils auf seinen eigenen Erfahrungen beruhen und nicht nachvollziehbar sind.
Formale Richtigkeit ist natürlich überhaupt kein Garant für die Qualität einer Publikation, dennoch ergibt sich aus ihr eine gewisse Nachvollziehbarkeit.
Nur weil Peter Scholl-Latour "journalistisch" schreibt, befreit ihn das nicht von der Verantwortung über die Richtigkeit seiner Werke.
Doch wie kann ich diese Richtigkeit den überprüfen ?
Bitte nicht falsch verstehen ! Ich schätze viele Bücher Latours sehr, denn sie geben ein authentisches Bild der Konflikte denen er beiwohnen musste, und er übermittelt eine interessantes Bild der Stimmung in den diversen Krisengebieten. Bestes Beispiel "Tod im Reisfeld".
Er schreibt aus Erfahrung und nicht viele Autoren können die Gegebenheiten eines Kriegsschauplatzes authentischer darstellen.
Seine neuen "politischen Analysen" stehen seinen Büchern aus den 70igern allerdings um einiges nach. Nur weil auf seinen Analysen und Lageberichten journalistisch draufsteht, heißt das noch lange nicht das seine Methode diese Bücher zu schreiben legitim ist.
Würde nicht Peter Scholl-Latour daraufstehen, würden sie keinen interessieren.
Verfasst: 01 Dez 2006, 23:52
von Bephep
Von Peter Scholl Latour habe ich auch einige Buecher,auch der Tod im Reisfeld.
Er schreibt aus eigenem erleben,war an der Front der Kriege,kennt bez. kannte viele der handelden Personen.
Und wie jeder Mensch zieht er seine Schluesse aus seiner Erfahrung.Aber die Welt hat sich geaendert,er ist aelter geworden und seine Erfahrungen entsprechen nicht mehr der Witklichkeit.
Auch wir entscheiden nach unserer Erfahrung und die ist auch nicht wissenschaftlich begruendet.
Verfasst: 04 Dez 2006, 03:19
von Paul
shkelda hat geschrieben:Die formalen Aspekte einer wissenschaftlichen Arbeit sind vorerst sekundär, allerdings liegt die Crux bei Latour ja gerade darin, dass er Bücher schreibt in denen seine Fakten großteils auf seinen eigenen Erfahrungen beruhen und nicht nachvollziehbar sind.
Das ist das grundsätzliche Problem, wenn man sich mit aktuellen außen- und sicherheitspolitischen Problemen beschäftigt. Insbesondere wenn man Zugang zu first-hand-Informationen hat, werden diese nur bedingt objektiv nachprüfbar sein. Alternativ kann man 30 bis 50 Jahre warten, um seine Publikationen auf mittlerweile zugängliche Akten und die Memoiren der beteiligten Personen zu stützen. Oder man macht es wie aktuell die deutsche Presse im Fall Litwinenko: fehlende Informationen werden durch ideologisches Gesülze ersetzt. Fast wie früher im Neuen Deutschland.
shkelda hat geschrieben:Doch wie kann ich diese Richtigkeit den überprüfen ?
Hinfahren?
shkelda hat geschrieben:Nur weil auf seinen Analysen und Lageberichten journalistisch draufsteht, heißt das noch lange nicht das seine Methode diese Bücher zu schreiben legitim ist.
In Westeuropa ist jede Methode, Bücher zu schreiben, legitim.
shkelda hat geschrieben:Würde nicht Peter Scholl-Latour daraufstehen, würden sie keinen interessieren.
Höre ich da ganz leise so etwas wie Futterneid heraus? 8)
Verfasst: 05 Dez 2006, 16:36
von Mysh
Ein weiterer interessanter Artikel zum (ursprünglichen) Thema findet sich auf
http://www.aktuell.ru/russland/kommenta ... s_297.html
Verfasst: 07 Dez 2006, 14:48
von Zeppelin
Hier ein Artikel aus der heutigen Berliner Zeitung:
Der Hauptverdächtige wird zum Opfer
Im Fall Litwinenko startet Russlands Justiz eine Gegenoffensive / Scotland Yard geht von Mord aus
Florian Hassel
LONDON/MOSKAU. Im Fall des vergifteten Ex-Spions Alexander Litwinenko ermittelt die britische Polizei nun offiziell wegen Mordes. Nach den Erkenntnissen der Kriminalbeamten sei von einem Mord auszugehen, erklärte Scotland Yard gestern. Bislang hatten die Ermittler lediglich von einem verdächtigen Todesfall gesprochen. Die Polizei betonte allerdings, man habe noch keine Schlussfolgerungen gezogen, wer für den Tod des Kritikers von Russlands Präsident Wladimir Putin verantwortlich sei, welche Mittel angewandt wurden und welches Motiv zu Grunde liegen könnte.
Britische Ermittler nahmen in einem Moskauer Krankenhaus am Verhör eines Kontaktmannes von Litwinenko teil. In ihrem Beisein hätten Beamte der russischen Generalstaatsanwaltschaft zwei Tage lang Kowtun befragt, erklärte gestern dessen Anwalt Andrej Romaschow. Den als Schlüsselzeugen geltenden Geschäftsmann Andrej Lugowoj sollten die Ermittler vermutlich heute treffen. Lugowoj und Kowtun, ehemalige Mitarbeiter russischer Geheimdienste, hatten Litwinenko am Tag seiner Vergiftung in einem Hotel in London getroffen. Die britischen Beamten bezeichnen den ehemaligen KGB-Offizier Lugowoj offiziell noch als Zeugen. Sie sähen ihn aber als Hauptverdächtigen an, berichtete der US-Fernsehsender ABC unter Berufung auf eine hohe britische Regierungsquelle.
Die russische Justiz versucht indessen, aus Lugowoj, in dessen Londoner Hotelzimmern Spuren von Polonium gefunden wurden, ein Opfer zu machen. In einem offensichtlich von Russlands Generalstaatsanwaltschaft und dem Inlandsgeheimdienst FSB lancierten Artikel berichtete der Moskowski Komsomolez, Lugowoj und Kowtun seien im Krankenhaus auf Spuren von Polonium untersucht worden. "Die Tatsache der Vergiftung der Unternehmer Andrej Lugowoj und Dmitri Kowtun ist bestätigt. Die Rede ist von einer Schädigung des Magentraktes . Man hat versucht, sie ebenfalls zu vergiften", schreibt das Blatt und konstatiert: "Das bedeutet, dass Russlands Generalstaatsanwaltschaft eine eigene Ermittlung wegen der Vergiftung von Bürgern unseres Landes einleiten kann."
Dass die im Fall Litwinenko international unter Druck geratene Regierung eine Gegenoffensive plant, deutete auch Vize-Justizminister Wladimir Kolesnikow an. Da der Verstorbene russischer Staatsbürger gewesen sei, müsse Russlands Justiz "unsere eigene, vollständige, umfassende, objektive Untersuchung darüber durchführen, was dort in London geschehen ist", sagte Kolesnikow. Wie diese Untersuchung enden könnte, lassen Berichte der Iswestija ahnen. Dem Kreml-Sprachrohr zufolge hat Litwinenko mit El Kaida in Verbindung gestanden. Er habe womöglich an der Produktion einer radioaktiven Bombe gebastelt und sich dabei radioaktiv vergiftet.
Dass die russische Justiz Lugowoj weitgehend abschirmt und zum Opfer erklären will, erhärtet den Verdacht, dass er von Russlands Inlandsgeheimdienst FSB gedeckt wird und seinen ehemaligen Kollegen Litwinenko auf dessen Befehl hin umgebracht haben könnte. Dass Lugowoj sich mit Geheimdienst und Justiz eingelassen hat, gilt auch deshalb als wahrscheinlich, weil ihm der Aufbau eines Geschäftsimperiums gelang, obwohl er jahrelang für den Kreml-Feind Boris Beresowski gearbeitet hatte und 2001 sogar wegen Fluchthilfe für einen angeklagten Geschäftspartner Beresowskis verhaftet worden war. Ein gutes Jahr später war er aus der Untersuchungshaft freigekommen. (mit Reuters, AFP)
Berliner Zeitung, 07.12.2006
Was hätte man auch anderes erwarten können?
Zeppelin