harald55 hat geschrieben:1.Warum kann man am Zeitungskiosk nicht die Lieblingszeitschrift kaufen - in Russland ist das keine Selbstverständlichkeit.
In Russland ist es auch keine Selbstverständlichkeit, dass der Kunde überhaupt bedient wird. Üblicherweise kauft der Kunde das, was gerade da ist. Wenn er was anderes will, muss er eben woanders kaufen. So läuft das hier, schon x mal am eigenen Leib erfahren. Das ändern wir auch nicht. Und der russische Kunde ist es gewöhnt, dass er nicht überall seine Lieblingszeitschrift kriegt. Aber er kriegt sie halt woanders. Und er weiß wo.
harald55 hat geschrieben:2.Warum macht die russische Post 9 % ihres Umsatzes mit Pressevertrieb. Brauchen die Grossisten diese 9% nicht?
Weil die Post auch viele andere Servicedienstleistungen macht und weil die Post dir letztlich auch die Zeitschrift nach Hause bringt oder für dich postlagernd aufhebt. Man muss sowieso zur Post, also warum nicht da auch die Zeitschrift bestellen?
harald55 hat geschrieben:3.Warum hat das finnisches Unternehmen „Rautakirja“ 100 Prozent der privaten Gesellschaftsanteile des russischen Kioskunternehmens KP Roznitsa übernommen? KP Roznitsa betreibt 89 Kioske in der Region Rostow . Fehlte das Know How?
Warum haben viele russische Firmen mittlerweile ausländische Gesellschafter und Großaktionäre? Das ist Business. Und nur weil in der Region Rostov nun 89 Kioske in finnischer Hand sind, heißt das noch lange nichts für die 42.465.378 Kioske in Restrussland.
harald55 hat geschrieben:4.Warum fehlt ein Alleinvertriebsrecht und ein Gebietsschutz der Grossisten? Gleiches gilt für Vereinbarungen von Preisbildung, Dispositionsrecht, Remissionsrecht.
Weil Recht in Russland nicht mit Recht in Deutschland gleichzusetzen ist und man Gesetze, selbst wenn es sie gibt, immer irgendwie umgehen kann. Hier werden an jeder Ecke schwarz gebrannte CDs und DVDs verkauft, meinst du, da fragt jemand nach Urheber- und Vertriebsrecht?
harald55 hat geschrieben:5.Trotzdem tätigen die Verlage in Russland zum Teil noch selbst die Disposition. Warum? „Schuster bleibe bei deinen Leisten“!
Weil sie das so gewöhnt sind. Oder weil sie sich sagen: Besser und zuverlässiger als wir macht es keiner.
harald55 hat geschrieben:Zwei Beispiele für die Logistik - warum gibt es nur eine kleine Luke an den Zeitungskiosken, zu der man sich auch noch herunterbeugen muss. Die Sichtauslage ist in der Regel begrenzt ...
Warst du schon mal in einer russischen Behörde? Da ist das ganz genau so.
harald55 hat geschrieben:Warum wird das Vertriebsnetz "Tankstelle" nicht bzw. nur sehr gering genutzt?
Weil es bis vor kurzem gar keine Läden an Tankstellen gab. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut, warte noch ein paar Jährchen, und russische Tankstellen sehen - zumindest in Großstädten - aus wie die in Deutschland.
Leg einfach los mit deinem Geschäft, ich wünsche dir nochmals viel Erfolg. Und ich werde auch ab und zu eine Zeitung kaufen.
PS: Wusstest du übrigens, dass ein Großteil des Zeitungsvertriebs so läuft:
Babuschka Sina kommt mit ihrer Rolltasche früh um vier zur Verteilstelle in Moskau, lädt je einen Stapel "MK", "Komsomolskaja Pravda" und "Sowjetskij Sport" in ihre Tasche, dazu noch einen von der bunten Fernsehzeitung "7 dnej", bezahlt den Großhandelspreis oder zumindest einen ähnlich niedrigen Preis und zuckelt mit ihrem Wägelchen zur nächsten Metrostation, wo sie dann einen Klappständer aufbaut und ihre Zeitungen für 3-7 Rubel mehr verkauft. Bis zum Nachmittag hat sie die verkauft und freut sich über paarhundert Rubel Verdienst.
Wusstest du das?