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Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Verfasst: 22 Aug 2008, 00:19
von Naila
Ja, richtig. Das heißt казахстанец. Ich finde überhaupt nicht, daß ich gut integriert bin. Zu einer guten Integration fehlt mir eine Arbeit (obwohl ich bereits voll berufstätig bin), die mir ein menschenwürdiges Dasein sichern würde.

Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Verfasst: 22 Aug 2008, 01:04
von ferdystschenko
Naila hat geschrieben: Wenn einer nicht in DE geborene zum Verbrecher wird, auch wenn er seit 50 Jahren einen deutschen Paß hat, da wird seine Herkunft in allen Einzellheiten dargestellt. Genauso, wenn jemand positiv berühmt geworden ist. Da wird nicht gesagt: "Sie sind Deutscher, der aber nicht vom Anfang an in DE gelebt hat". Nein, da wird gesagt, sie haben seit 25 Jahren einen deutschen Paß. Warum kann man diesen Menschen nicht einfach Deutscher nennen?
Ich kann deine Ansicht nachvollziehen, denke aber auch, dass der Hintergrund, d.h. evtl. auch der "Migrationshintergrund" oder auch einfach die Lebensgeschichte allgemein, wohl immer irgendwie von Bedeutung ist, wenn man herausfinden möchte, wie ein Mensch zu dem geworden ist, was er/sie ist. Egal ob Verbrecher oder Nobelpreisträger. In vielen Biographien hat ja auch gerade die Migration einen entscheidenden Einfluss auf die weitere Entwicklung des jeweiligen Menschen gemacht. Ich denke, es wäre einfacher, man würde seinen "Migrationshintergrund" als Teil seiner selbst akzeptieren, dann geht es sich vielleicht auch einfacher damit um, wenn andere darauf zu sprechen kommen (Ich will damit niemanden belehren, auch wenn sich das vielleicht ein bisschen neunmalklug anhört). Wie stehst du denn zu deiner Herkunft? Bist du stolz auf sie oder schämst du dich ihrer? Ich hatte schon öfter den Eindruck, dass Wörter wie "Russe" oder "Kasache" sich vor allem in den Ohren der betreffenden Leute wie Schimpfwörter anhören, obwohl gar nicht so intendiert. Vielen Deutschen fehlt da auch einfach das Hintergrundwissen bzw. das nötige Feingefühl.

Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Verfasst: 22 Aug 2008, 01:43
von Naila
Ich finde, daß meine Herkunft ok. ist. Ich schäme mich nicht ihrer und ich bin nicht stolz auf sie. Das ist etwas, wofür ich nichts kann. Und da ich nichts dafür kann, finde ich, daß die Bedeutung, die der Herkunft eines Menschen beigemessen wird, total übertrieben ist. Nicht jeder verdankt seine Entwicklung, seine Fähigkeiten, seine Sicht der Dinge und so weiter- den Eltern, der Schule oder dem Staat, in dem man zur Welt kam. Jemand, der es geschafft hat, eine deutsche Universität erfolgreich zu absolvieren, weiß, daß man dort nicht nur Kenntnisse erwirbt, sondern auch als Persönlichkeit geschliffen wird. Ich habe mich in Deutschland als Persönlichkeit sehr stark verändert. Das heißt, Deutschland ist ein Land, das mich maßgeblich geprägt hat und letztendlich zu dem gemacht hat, was ich jetzt bin. Also, habe ich einen deutschen "Formungshintergrund". Das ist doch nicht weniger wichtig! Außerdem sind die Angaben zur Herkunft eine sehr intime, persönliche Information, und ich verstehe nicht, warum ich diese jedermann auf Anforderung sofort liefern soll.

Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Verfasst: 22 Aug 2008, 06:58
von Kationok
Ist euch schon mal aufgefallen, dass man in Anträgen in Russland oft einmal "Гражданство" und dann nochmal "Национал" ausfüllen muss. Ich habe mich schon oft darüber gewundert und das ganze belächelt, wenn ich Deutschland und Deutsche zweimal eintrage. Aber hier in Russland ist das wirklich wichtig.

Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Verfasst: 22 Aug 2008, 07:05
von Zejtnot
Eine Freundin, Mutter ist Russin, Vater ist Deutscher, sagte mal zu mir: Im Herzen bin ich Russin, mein Verstand ist deutsch.

Und ich denke, da ist etwas dran. Seine Herkunft prägt einen, positiv wie negativ. Deswegen finde ich nichts verwerfliches daran, wenn bei einem Verbrecher auf sein Geburtsland hingewiesen wird. Und wenn die Demokraten in Amerika einen Schwarzen aufstellen, dann ist natürlich klar, dass der einen amerikanischen Pass hat - und dennoch möchte man wissen, welcher Urahn da Afrikaner war. Das ist keine Diskriminierung, sondern einfach nur eine Nennung von Fakten.

Die deutsche Presse schreibt inzwischen oft "Deutscher marokkanischer Herkunft" ... warum sollte das tabu sein?

Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Verfasst: 22 Aug 2008, 10:37
von achim
Zejtnot hat geschrieben:Deswegen finde ich nichts verwerfliches daran, wenn bei einem Verbrecher auf sein Geburtsland hingewiesen wird. ...
Die deutsche Presse schreibt inzwischen oft "Deutscher marokkanischer Herkunft" ... warum sollte das tabu sein?
Wenn dies Fakten sind, dann müßte aber auch "Deutscher mit deutscher Herkunft" geschrieben werden. Da dies aber nur im Falle von ausländischer Herkunft erwähnt wird, nehme ich an, dass ein spezielles Ziel mit dieser Aussage verfolgt wird.

Da könnte man ja auch schreiben: "Der Deutsche Fred Heller gebürtiger Hesse war am Montagabend ..." (Da fragt sich der Leser doch auch, warum der Schlingel aus Hessen kommt, und was hat das Bundesland eigentlich mit den Tatumständen zu tun, usw ... )

Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Verfasst: 22 Aug 2008, 10:47
von Zejtnot
achim hat geschrieben:Da dies aber nur im Falle von ausländischer Herkunft erwähnt wird, nehme ich an, dass ein spezielles Ziel mit dieser Aussage verfolgt wird.
Ja klar, der Tenor ist natürlich "typisch Migrant" - jedoch ist die Frage halt unweigerlich interessant. Da nun nachgewiesener Maßen in Kreisen mit Migrationshintergrund gewisse Phänomene häufiger auftreten. Diese aus political Correctness totzuschweigen ist doch Blödsinn.

"Ein Deutscher erstach seine Schwester, weil sie ein freizügiges Leben führte." und "Ein Deutscher türkischer Herkunft erstach seine Schwester, weil sie ein freizügiges Leben führte." - ich finde den Hinweis auf die Herkunft wichtig, sorry.

"Deutscher deutscher Herkunft" ist eine unnötige Dopplung. Das ist wie "Spreewälder Gewürzgurken aus dem Spreewald". Sind die Gurken jedoch trotz ihres Namens nicht aus dem Spreewald, dann muss das gesagt werden. (Kommt mir jetzt bitte nicht mit Wiener Würstchen oder Hamburgern. :twisted: :evil: )

Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Verfasst: 23 Aug 2008, 19:03
von Naila
Und so müssen die Migranten ihr "exotisches" Potenzial jederzeit zur Verfügung stellen, damit die eingeborenen Deutschen sich nicht langweilen...

Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Verfasst: 23 Aug 2008, 21:48
von ferdystschenko
Naila hat geschrieben:Ich finde, daß meine Herkunft ok. ist. Ich schäme mich nicht ihrer und ich bin nicht stolz auf sie. Das ist etwas, wofür ich nichts kann. Und da ich nichts dafür kann, finde ich, daß die Bedeutung, die der Herkunft eines Menschen beigemessen wird, total übertrieben ist.


Übertrieben vielleicht, aber unwichtig bestimmt nicht. Nicht dafür zu können, ist meiner Meinung kein standfestes Kriterium für die (Un-)Wichtigkeit einer Eigenschaft. Naja, ich kann auch nichts dafür, dass ich ein Mann bin und keine Frau. Und trotzdem ist das eine wichtige Information, oder?
Nicht jeder verdankt seine Entwicklung, seine Fähigkeiten, seine Sicht der Dinge und so weiter- den Eltern, der Schule oder dem Staat, in dem man zur Welt kam. Jemand, der es geschafft hat, eine deutsche Universität erfolgreich zu absolvieren, weiß, daß man dort nicht nur Kenntnisse erwirbt, sondern auch als Persönlichkeit geschliffen wird.
Die Persönlichkeit zu entwickeln ist, das sollte die Bildungspolitik nicht anders sehen, eigentlich Aufgabe des Elternhauses. Bei Waldorfschulen ist das anders, aber gleichzeitig liegt da auch ihr Hauptkritikpunkt. Auch im Kommunismus sah man das noch anders. Aber heutzutage, zumindest in den westlichen Nationen, sind Schule und Uni dafür da, Fähigkeiten zu entwickeln und Fachwissen zu übermitteln. Klar hat mich mein Studium stark geprägt, auch in meinen Ansichten. Und sicherlich hat sich im Laufe des Studiums auch meine Persönlichkeit geformt und gefestigt. Ich merke aber auch immer wieder, wie ich mich von anderen unterscheide, die z.B. nicht in Ostdeutschland aufgewachsen sind; und ich merke, wie die Herkunft z.B. politische und gesellschaftliche Ansichten prägt. Der Austausch über solche Unterschiede ist auch immer wieder Thema in Gesprächen mit westdeutschen Freunden. Nicht zuletzt ist auch das gemeinsame kulturelle Gedächtnis einer Nation oder Bevölkerungsgruppe unterschiedlich. Die Musik, die man früher gehört hat, die Bücher und Geschichten, die man kennt. Wenn du nicht dein ganzes Leben lang in Deutschland verbracht hast, gibt es herkunftsbezogene Unterschiede zwischen dir und "den Deutschen" (du sagst das übrigens selbst so: "die Deutschen"). In welchem Kontext diese Unterschiede wichtig sind, ist damit allerdings nicht gesagt. Wenn jemand fragt, den es nichts angeht, dann würde ich einfach keine Auskunft geben oder knallhart lügen. Mein eigener Freundeskreis ist übrigens in Bezug auf die Nationalität und Herkunft sehr stark durchwachsen, was oft Anlass sehr facettenreicher und komischer Dialoge ist.
Und so müssen die Migranten ihr "exotisches" Potenzial jederzeit zur Verfügung stellen, damit die eingeborenen Deutschen sich nicht langweilen...
Das hört sich ein bisschen so an, als wäre dein Traum, dass alle Menschen das Gleiche essen und das Gleiche denken. Klar ist die Diversität interessant. Deutschland ist nunmal ein Einwanderungsland und die verschiedenen Kulturen machen es zu dem, was es ist. Ich fange jetzt schon an zu gähnen, wenn ich mir vorstelle, dass wir alles aus political correctness in einen Topf werfen und so tun, als wären wir alle nur Linsen in der Suppe. Wie fad. Vermutlich reden "die Migranten" (dich ausgeschlossen) dabei genauso über die Deutschen wie andersrum.

Re: "Kasachen", "Russen" und andere

Verfasst: 23 Aug 2008, 22:43
von Zeppelin
Naila hat geschrieben:Und so müssen die Migranten ihr "exotisches" Potenzial jederzeit zur Verfügung stellen, damit die eingeborenen Deutschen sich nicht langweilen...
Nö. Von Müssen kann keine Rede sein.
Ich frage mich nur, was so schwer daran ist (bzw. sein sollte), sich zu einer Biographie im Zeitalter der Globalisierung zu bekennen.
Sie zu leugnen oder sich auf seinen Pass zu reduzieren ist jedenfalls kaum zielführend, wenn man akzeptiert werden will.