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Re: Selbstmordrate in Russland

Verfasst: 11 Dez 2008, 16:36
von Zeppelin
jordan26 hat geschrieben:Habt ihr gewusst das die Schweiz in dem traurigen Kapitel die Nummer 1 in Europa ist.
Ich schon.
Das ist ein soziologischer Klassiker - spätestens seit Emile Durkheim und Georg Simmel.

Re: Selbstmordrate in Russland

Verfasst: 12 Dez 2008, 10:01
von OlgaL
Mir scheint aber, dass die Ursache nicht hier ist. Nicht nur hier. Sehen sie oft fern? Bemerken sie nichts? man sagt so oft ueber Selbsmord, besonders in Jugendkanaele. und es wird so erzaehlt und gezeigt, dass es gar nicht so schrecklich aussieht. es wird so dargestellt, als ob es so gesagt Mode ist... :x

Re: Selbstmordrate in Russland

Verfasst: 12 Dez 2008, 17:49
von Simone
Zejtnot hat geschrieben:Die Russland-Analysen hatten mal einen interessanten Artikel zur Selbstmordrate in Russland - irgendwann vor etwa einem Jahr.
Hier ist der Artikel http://www.laender-analysen.de/russland ... sen128.pdf
"Die Statistik der Todesursachen weist aus, dass neben Mord auch die Zahl der Selbstmorde und der Vergiftungen durch gepanschten Alkohol 2006 leicht zurückgeht. Doch waren die Werte nach dem Amtsantritt Putins wieder auf und teilweise über das Niveau der frühen neunziger Jahre gestiegen. Erst in den letzten beiden Jahren wird hier eine Besserung erkennbar. Dies weist
auf die schwere innergesellschaftliche Krise hin, die auch in den beiden Amtszeiten Putins nicht überwunden werden konnte."
7punkt hat geschrieben:
Simone hat geschrieben: ....Scheinbar schlaegt sich bei vielen Menschen das fehlende Laecheln, die Dunkelheit, das fehlende Miteinander und die schlechte psychologische Betreuung derart nieder....
Irgendwie zu einfache Erklaerung. Fehlendes Laecheln? Dunkelheit? :?
Ich denke, die Ursache ist eher ein Komplex von Problemen, der einen zu dieser Entscheidung fuehrt.
Ich möchte meine Einschätzung über eine der Ursachen mit einem interessanten Zitat eines Psychaters (Prof. Dr. V. Faust) untermauern: "Selbstmord, das ist die Abwe­senheit der anderen."

Re: Selbstmordrate in Russland

Verfasst: 12 Dez 2008, 18:03
von manuchka
Simone hat geschrieben:"Selbstmord, das ist die Abwe­senheit der anderen."
Manchmal sind es gerade die anderen, die einen zur Verzweiflung treiben...

Re: Selbstmordrate in Russland

Verfasst: 12 Dez 2008, 20:17
von Zeppelin
Wen die tatsächliche Komplexität der sozialen und psychischen Umstände von Selbstmordraten wirklich interessieren, dem empfehle ich das 1897 von dem französischen Soziologen und Pädagogen Émile Durkheim veröffentlichte Werk "Le suicide" bzw. auf dt. "Der Selbstmord".
Obwohl seit der Erstausgabe nun bereits über 120 Jahre vergangen sind, ist es auch heute noch brandaktuell und liest sich auch als wissenschaftliches Fachbuch sehr leicht.

Durkheim hatte damals in einer sehr breit angelegten empirischen Untersuchung die verschiedenen gängigen Hypothesen über Selbstmordursachen gegenübergestellt und kam durch eine aufwändige Korrelationsanalyse zu einer Unterscheidung von vier grundsätzlich verschiedenen Typen an Selbstmordursachen, die in unterschiedlicher Verteilung, jedoch in allen Konfessions- und Kulturkreisen vorzufinden sind. Damit wiederlegte er vor allem die häufige Meinung, dass insbesondere die Religionszugehörigkeit den wesentlichsten Einfluss ausüben würde und etablierte empirisch-analytische Methoden als wissenschaftliches Instrumentarium in den Sozialwissenschaften, was wiederum deren Anerkennung als "echte" Wissenschaft enorm förderte.

Auf der Ebene der eher individuellen Motivation stellt er dabei den egoistischen Selbstmord dem altruistischen gegenüber.
Und auf der gesellschaftlichen, also eher exogenen Einflussebene nennt er die gegensätzlichen Typen anomischen Selbstmord versus fatalistischen Selbstmord. Letzerer wird allerdings leider nur in einer Fußnote, praktisch als Negation des anomischen Selbstmordes angesprochen, so als habe Durkheim diesen Typus nur der systematischen Vollständigkeit halber erwähnen wollen.

Der Typus des anomischen Selbstmordes ist im Hinblick auf den Threadtitel dann auch der interessanteste bzw. aufschlussreichste. Denn die gesellschaftlichen Umbrüche in den ehemaligen Ostblockstaaten haben besonders in den frühen 1990er Jahren zu einem starken Anstieg der Selbstmordquoten geführt, welche dann in Abhängigkeit vom jeweiligen Stabilisierungsgard in den einzelnen Staaten mehr oder weniger stark wieder abnahm.

Und was nun das heutige Russland betrifft, muss man eben bedauernd konstatieren, dass der Zustand gesellschaftlicher Anomie noch immer als solcher von vielen Menschen wahrgenommen wird. Diese Wahrnehmung ist selbstverständlich subjektiv. Aber das Subjektive ist in diesem Zusammenhang schließlich entscheidend.

Ich habe mich übrigens während des Studiums sehr ausführlich mit dieser Problematik beschäftigt.

Re: Selbstmordrate in Russland

Verfasst: 12 Dez 2008, 22:11
von Kultgrieche
Zeppelin hat geschrieben:Auf der Ebene der eher individuellen Motivation stellt er dabei den egoistischen Selbstmord dem altruistischen gegenüber.
Und auf der gesellschaftlichen, also eher exogenen Einflussebene nennt er die gegensätzlichen Typen anomischen Selbstmord versus fatalistischen Selbstmord.
Ich lese diese zwei Sätze immer und immer wieder und verstehe nur Voksal. Ich glaube, ich muss mir ein paar Vodka einflößen und was rauchen gehen, dann komme ich da eher mit.... Wer das verstanden hat, schicke mir bitte sein Autogramm.

Re: Selbstmordrate in Russland

Verfasst: 12 Dez 2008, 22:53
von Zeppelin
Kultgrieche hat geschrieben:
Zeppelin hat geschrieben:Auf der Ebene der eher individuellen Motivation stellt er dabei den egoistischen Selbstmord dem altruistischen gegenüber.
Und auf der gesellschaftlichen, also eher exogenen Einflussebene nennt er die gegensätzlichen Typen anomischen Selbstmord versus fatalistischen Selbstmord.
Ich lese diese zwei Sätze immer und immer wieder und verstehe nur Voksal. Ich glaube, ich muss mir ein paar Vodka einflößen und was rauchen gehen, dann komme ich da eher mit.... Wer das verstanden hat, schicke mir bitte sein Autogramm.
Ich wollte niemanden mit der Erläuterung der weiteren Einzelheiten langweilen. Aber wenn Du das wünschst, bitte und so grob vereinfacht, wie möglich:

Ein egoistischer Selbstmörder wäre jemand, der sich selbst nichts wert ist und andere sowie der Rest der Welt eben so wenig. Bzw. er glaubt nicht mehr daran, dass irgendwer oder irgendetwas dazu beitragen könnte, diese Meinung zu ändern bzw. seine Lage zu verbessern.
Z.B. wäre das ein unheilbar kranker Mensch, der einfach nur noch seine Schmerzen nicht mehr ertragen kann und will.

Beim altruistischen Selbstmörder ist es genau andersherum. Der will nicht primär sein Leben beenden, sondern hält seinen sicheren Tot für unvermeidbar, um anderen Menschen Vorteile zu verschaffen.
Da wäre ein klassisches Beispiel der Soldat, der weiß, dass er vom Feind umgebracht wird, aber dennoch bis zur letzten Patrone kämpft, um anderen die Flucht zu ermöglichen. Oder auch der Fall Stauffenberg, der ja immerhin einkalkulieren musste, dass er den Anschlag auf Hitler nicht überleben würde.

Ein anomischer Selbstmord tritt nur im Zusammenhang mit extremen gesellschaftlichen Krisen auf: Börsencrashs, Kriege, Revolutionen, Putsche etc. Die Betroffenen können sich in den nunmehr für sie undurchschaubaren bzw. kalkulierbaren Verhältnissen nicht mehr orientieren und werden von übermächtigen existenziellen Ängsten erfasst, die sie nicht anders bewältigen können zu glauben.
Man denke hier an die zahllosen Leute, die beim Zusammenbruch der Wirtschafts- und Politiksysteme im Ostblock ihre Jobs verloren und nicht glaubten, unter den neuen Gegebenheiten ihre Existenz sichern zu können. Eng verbunden damit ist das Gefühl, in den Augen ihrer sozialen Umgebenung als die totalen Looser dazustehen und nur noch "nutzlose Fresser zu sein".

Und ein fatalistischer Selbstmord ist z.B. der klassische Fall des Dissidenten, der die sozialen, politischen und/oder wirtschaftlichen Verhältnisse nicht ertragen kann, aber auch keinen Weg sieht, diese in seinem Sinne zu verändern.

Vielleicht kannst Du damit etwas mehr anfangen. Doch nicht ohne Grund hatte ich ja die Lektüre von Durkheims Buch empfohlen.
Allerdings hatte ich gerade von Dir nicht erwartet, dass Du bei solchen Dingen Verständnisschwierigkeiten haben würdest.

Z.

Re: Selbstmordrate in Russland

Verfasst: 13 Dez 2008, 13:48
von Kultgrieche
Zeppelin hat geschrieben:Allerdings hatte ich gerade von Dir nicht erwartet, dass Du bei solchen Dingen Verständnisschwierigkeiten haben würdest.
Z.
Danke für die Blumen, aber bei der Fülle von Fremdwörten kam ich nicht mit. Gut, ich hätte ja mal ein Fremdwörterlexikon zu Rate ziehen und mir den Sinn erschließen können, war aber schlicht und einfach zu faul dazu. Daher danke schön für die "deutsche Version", jetzt ist es mir klar.

Re: Selbstmordrate in Russland

Verfasst: 13 Dez 2008, 16:08
von Bephep
Heute steht in der Tageszeitung das es eine Selbstmordwelle in Russland gibt.
Novosibirsk wird dabei erwaehnt mit 15 Selbstmorden.Und als Agentur Interfax.

Re: Selbstmordrate in Russland

Verfasst: 15 Dez 2008, 08:37
von Zejtnot
Auch in den Novosibirsker Medien wird es nun thematisiert.