warwara hat geschrieben:Eventuell interessante Randbemerkung zum Thema Gender Mainstreaming: Die mir bekannten russischen Übersetzer-Kolleginnen sprechen fast ausschließlich (Ausnahmen bestätigen die Regel) von sich als "perewodtschik", wenn man sie fragt, als was sie beruflich tätig sind. Eine erklärte mir mal, dass sie nur dann "perewodtschiza" sagen würde, wenn sie sich eindeutig als weiblicher Übersetzer hervorheben möchte, z.B. "mein Mann ist Übersetzer und ich bin Übersetzerin" (ist jetzt ein blödes Beispiel, aber ein besseres fällt mir gerade nicht ein). Wenn es wirklich nur um den Beruf geht, sagte sie, würde sie immer die 'generische' männliche Form nehmen... Umgekehrte Emanzipation? Apotheose des Maskulinen?
Naja, perewodtschiza klingt für mich eher nach gutaussehend, wenig in der Birne, kann aber ein paar Worte ausländisch und die männliche Delegation verzaubern.
Bei den Russischkursen, die ich so durchmachte, bestanden die Dozentinnen (ausschließlich w) darauf, dass wir ihren Beruf als prepodawatel angeben. Später bekam ich dann mit, dass so Gender-Mainstreaming-Übersetzungen aus dem Deutschen, wie Prepodawatelniza, Utschonaja, Prokurorscha als beleidigend empfunden werden. Klar, als prokurorscha gilt eher die Nachbarin, die allen hinterher spioniert. Mittlerweile wird meine Variante, wenn das Geschlecht der Amtsperson o. ä. hervorgehoben werden soll, ganz gern gehört: Gosposha prokuror. Zumindest beim Übersetzen/Dolmetschen in Deutschland geht das unumwoben durch.
warwara hat geschrieben:Letztendlich finde ich es aber wichtiger, den Inhalt hinter den Worthülsen auch umzusetzen - man sieht immer wieder in diversen TV-Magazinen bzw. liest in der germanischen Weltpresse, wie häufig die Frauen soundsoviel Prozent weniger als die Männer verdienen und wie wenig Frauen es in den Vorstandsetagen gibt. Bei uns - so umstritten die Deutsche Botschaft in diesem Forum auch sein mag - kann jede Frau und jeder Mann sicher gehen, dass sie/er für die gleiche Arbeit auch gleiches Geld bekommt.
Dem wiederum stimme ich unumwoben zu. Nur... das Gehalt selbst sollte auch stimmen. Die "Volldiplomaten" (flapsig gesagt) bekommen Kohle und Beamten-Sozialleistungen (Beihilfe) ohne Ende, das Hilfspersonal, zu dem auch Dolmetscher gezählt werden, sind
fast ausschließlich Ortskräfte, die eine Arbeit zu solchen Konditionen nur als Angehörige eines gut verdienenden, entsandten Expats "leisten" können.
warwara hat geschrieben:Dann habe ich lieber eine schlampig formulierte Stellenanzeige und am Ende aber den gleichen Betrag in der Gehaltstüte wie mein männlicher Kollege, als eine perfekt ausgearbeitete Stellenanzeige des Unternehmens XYZ, wo ich am Ende als Frau vielleicht über den Tisch gezogen werde.
Nur sollte dann der Regionalarzt als potenzieller Arbeitgeber auftreten und nicht die Botschaft, das solltet ihr klar hervorheben. Es ist ja OK, wenn die Botschaft die Personalauswahl trifft oder den RegA unterstützt, aber im Sinne der Transparenz sollte es eindeutig sein, wer den Arbeitsvertrag unterschreiben wird.