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Re: Kasan wird dritte Hauptstadt Russlands

Verfasst: 04 Mai 2009, 07:30
von Zejtnot
Roland hat geschrieben:Aber welcher Westler reist schon nach Novosibirsk in Urlaub (verzeih mir Zejtnot)?
Ich finde Novosibirsk eine grausliche Stadt für Touristen, da habt ihr Recht.

ABER dennoch gibt es unzählige, aus mehreren Gründen:
* idealer Halt auf einer Fahrt mit der Transsib, weil genau auf halber Strecke zum Baikal
* klingt exotisch, wie eine Industrieruine aus Sowjetzeiten
* optimaler Flughafen für einen Altai-Urlaub
Unterschätzt die Transsib-Touristen nicht, das sind ganze Heerscharen von Verrückten!

Ich will ja auch nicht Novosibirsk hochloben, nur Kasan als dritte Hauptstadt entbehrt für mich jeder Grundlage, weil die Stadt die letzten 100 Jahre keinerlei Einfluss auf die Kremlpolitik hatte. Da wäre Tiflis noch realistischer, dort wurde wenigstens Stalin geboren. Dummerweise liegt Tiflis jetzt in Feindesland. :)

Re: Kasan wird dritte Hauptstadt Russlands

Verfasst: 04 Mai 2009, 15:29
von Zeppelin
Zejtnot hat geschrieben:... nur Kasan als dritte Hauptstadt entbehrt für mich jeder Grundlage, weil die Stadt die letzten 100 Jahre keinerlei Einfluss auf die Kremlpolitik hatte. Da wäre Tiflis noch realistischer, dort wurde wenigstens Stalin geboren.
Und ich habe keinen Anlass (auch nicht durch die Familie meiner Frau), Kazan' besonders zu lieben und zu loben. Dafür wurde dort viel zu sehr Schindluder mit der historischen Architektur getrieben und die Verrternwirtschaft dort geht mir auch ziemlich gegen den Strich.

Doch mit Deiner Einschätzung der politischen Bedeutung Kazan's liegst Du - mit Verlaub Zejtnot - ziemlich daneben. Ich schrieb ja vor paar Jahren schon mal, dass Schämijew und sein Lager so klug waren, die Separatisten in der Bedeutungslosigkeit zu versenken, aber dennoch hält er den 'roten' Kreml in Moskau ständig in Schach. Moskau ist schließlich nicht aus reiner Freundlichkeit so "großzügig" zu Kazan'; was man übrigens sogar bei Wikipedia unter dem Stichwort Tatarstan nachlesen kann.

Man darf aus der jüngeren Geschichte mindestens drei schwerwiegende Ereignisse bzw. mehr oder minder bedrohliche Fakten nicht vernachlässigen.
1. Im Bürgerkrieg nach der 'Revolution' von 1917/18 war Kazan' eine der (wenn nicht gar die) Hochburgen der bürgerlichen Widerstands.
2. (Besonders finsteres Kapitel): Im zweiten WK haben die Tataren teilweise mit den Nazis kollaboriert und - soweit ich richtig informiert bin - sogar eigene SS-Einheiten gebildet, die üble Verbrechen begangen haben.
3.
Wikipedia hat geschrieben:Während der Auflösung der Sowjetunion erklärte sich Tatarstan am 30. August 1990 zur souveränen Republik, was 1992 durch ein Referendum bestätigt wurde. Im November des gleichen Jahres wurde die Verfassung der Republik Tatarstan verabschiedet. Den 1994 geschlossenen Föderationsvertrag unterzeichnete Tatarstan im Gegensatz zu den meisten anderen Republiken Russlands nicht in unveränderter Form, sondern vereinbarte mit der russischen Zentralmacht Sonderrechte, die unter anderem eine erweiterte wirtschaftliche Autonomie beinhalten.
Und dann kommt als 4. ganz aktuell noch hinzu, dass über Tatarstan heute eben die wichtigsten Verbindungen der Russischen Föderation in den turksprachigen, arabischen und islamischen Raum laufen - ganz abgesehen von der vergleichsweise hohen Produktivität der Firmen in Tatarstan.
Letztere 'buddeln' ja nicht nur (die reichlich vorhandenen) Rohstoffe aus der Erde, sondern verarbeiten diese auch z.T. bis hin zu hochwertigen Produkten, bevor sie verkauft werden.

Das alles ist das einzige Motiv für Moskau, Tatarstan - insbesondere Kazan' - sehr 'pfleglich' zu behandeln.
Und am einfachsten und billigsten kommt man dabei davon, wenn man halt den Stolz und die Eitelkeit der Tataren bedient.
(Das erlebe ich ja seit fast 7 Jahren sozusagen hautnah :roll: )

Mit Novosibirsk habe ich mich nicht soooo sehr beschäftigt. Da könnte man vermutlich vergleichbare Argumente (wegen der Nähe zu Ostasien) anführen - nur ist die Stadt eben vermeintlich oder tatsächlich - fester in russischer Hand, als eben z.B. Kazan', Ufa oder auch Omsk.

Und mal Hand auf's lokalpatriotische Herz: Dresden wurde doch unter der DDR-Zentralregierung ähnlich mies behandelt, wie heute Novosibirsk von Moskau; hat aber sehr maßgeblich zum Bruttosozialprodukt der DDR beigetragen.
Das hier: http://www.amazon.de/Turm-Geschichte-ei ... 3518420208 hast Du vermutlich schon gelesen. Ansonsten empfehle ich es Dir - wie auch jedem anderen, der an der DDR-Alltagsgeschichte interessiert sein könnte.
Der Roman schildert vieles bis auf den Punkt gebracht, was schon viele andere versucht, aber nie so recht geschafft hatten. Es geht darin ganz besonders um Dresden und den Bezirk, in dem auch ich einige Jahre gewohnt habe.

Gruß.
Z.