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Re: Umbenennung Kaliningrad in Königsberg

Verfasst: 06 Aug 2012, 15:50
von domizil
... während einer on-line Konferenz am heutigen Tag, antwortete der noch amtierende (und vermutlich auch neue) Bürgermeister von Kaliningrad auf die Frage zur Umbenennung Kaliningrads, heute wie folgt:
«... zum heutigen Zeitpunkt ist dieses Thema nicht aktuell. Ich denke, so lange wie auch nur ein einziger Veteran lebt, sollten wir dies nicht tun.»
Für die Zukunft wollte er aber die Möglichkeit einer Umbenennung der Stadt nicht ausschließen. «In 20, 30, 50 Jahren könnte so eine Entscheidung getroffen werden. Dazu muss aber ein Referendum der Stadtbewohner durchgeführt werden mit einem Mehrheitsbeschluss.»
Quelle: http://kaliningrad.ru/news/item/21486-y ... -ne-nuzhno
Uwe Niemeier

Re: Umbenennung Kaliningrad in Königsberg

Verfasst: 06 Aug 2012, 16:13
von m1009
gut zu wissen...... :blumen2:

Re: Umbenennung Kaliningrad in Königsberg

Verfasst: 09 Aug 2012, 14:28
von domizil
T. Plath, der dpa-Korrespondent, hat zur neuerlich erwachten Diskussion um die Umbenennung der Stadt einen interessanten, ausführlicheren Artikel geschrieben. Hier der Link dazu:
http://www.kaliningrad.aktuell.ru/kalin ... a_383.html

Ich möchte meinen Kommentar zu diesem Artikel hier im Forum doublieren:

Zum Glück bin ich kein Politiker und brauche auf offizielle Empfindlichkeiten, egal von welcher Seite, keine Rücksicht zu nehmen. Um grob zu antworten: Mir ist es an sich wurscht wie die Stadt heißt, Hauptsache wir (die Bewohner dieses gemütlichen Fleckens) können hier gut leben. Aber um etwas feinfühliger zu sein: Die Bezeichnung eines juristischen Subjektes sollte wirklich durch diejenigen festgelegt werden, die für dieses juristische Subjekt verantwortlich zeichnen: Also durch die Bewohner (wohlbemerkt nicht Politiker oder Bürgermeister, sondern Bewohner). Und da ist doch die Tendenz sehr eindeutig. Im täglichen Umgang hört man mindesten 50/50 die Bezeichnungen, mit wachsender Tendenz zu deutscher Nostalgie. Viele Firmen tragen alte deutsche Bezeichnungen. Vor kurzem hat man sogar ein «Kaiserbrot» gebacken und als Firmensymbol die kaiserliche Pickelhaube gewählt – mit dem prompten Resultat, dass sich die Veteranen beschwert haben. Gut, diese verdienten Bürger haben ein Recht gehört und berücksichtigt zu werden. Aber die Geschichte bleibt nicht stehen, sie bewegt sich vorwärts, wie sich eben die gesamte russische und somit Kaliningrader Geschichte vorwärts bewegt. Und die nun heranwachsende und irgendwann einmal Verantwortung übernehmende Generation, wird dieses Problem, wenn es im Interesse der Stadt ist, schnell und modern entscheiden. Aber als Geschäftsmann habe ich natürlich ständig auch das Business im Hinterkopf: Kaliningrad «hungert» nach täglicher Aufmerksamkeit, «hungert» nach Investitionen, «hungert» nach Touristen. Da wir nun leider bei dem Einbruch der Straße gegenüber dem ehemaligen Stadtschloss wieder nicht das Bernsteinzimmer gefunden haben, wäre eine Umbenennung – natürlich mit der entsprechenden PR-Betreuung – der Renner und würde für wochen- und monatelange Aufmerksamkeit sorgen und jede Menge Journalisten, Politiker und sonstige Interessierte in die Stadt locken. Ich bin davon überzeugt, dass damit eine ganze Reihe von Problemen sich fast im Selbstlauf lösen würden. Aber ich denke hier eben als Geschäftsmann und ehe ich einen verantwortlichen Politiker föderaler Bedeutung an meinen Kamin bekomme ... hat die moderne Kaliningrader Gesellschaft das Problem, wenn auch nicht offiziell, so doch zumindest im täglichen Leben gelöst.
Uwe Niemeier

Re: Umbenennung Kaliningrad in Königsberg

Verfasst: 10 Aug 2012, 11:53
von Jenenser
Natürlich würde die Meldung in der “Tagesschau” kurz für Aufmerksamkeit sorgen: “Die Stadt Kaliningrad erhält ihren alten Namen Königsberg zurück!” Würde anderseits Dein beschriebener Hunger der Stadt allein durch die Namensänderung gestillt werden? Die Verbesserung des Investitionsklimas, die Förderung des Tourismus bei gleichzeitigem Abbau entscheidender Hindernisse (Visum, Registrierung) sind Fragen, die in Moskau diskutiert, verhandelt werden müssen. Meinst Du, dass Kaliningrad speziell und Russland allgemein einen Bonuspunkt der EU oder anderer Länder bekommt nach einem möglichen Namenswechsel?

Die Änderung würde für die Einwohner der Stadt eine Last werden, weil zunächst sämtliche Dokumente geändert werden müssen...

Persönlich finde ich es gut, dass in Kaliningrad die deutsche Vergangenheit mehr Beachtung findet. Erhalten gebliebene Gebäude werden erfasst und schrittweise saniert (Königstor usw.). Ich habe, wie die meisten Einwohner, auch keine Probleme, dass “Kenig” oder “Kenigsberg” als Werbeträger benutzt wird (Bier, Kenig-Avto usw.). Beim Thema Stadtumbenennung scheiden sich jedoch die Geister. Nach meiner Erfahrung steht es heute noch nicht bei 50/50. Es sind nicht nur die Veteranen, die sich das nicht vorstellen wollen. Es sind vor allem die ersten Kinder Kaliningrads, die nach dem Krieg der neu entstandenen Stadt ihr heutiges Gesicht gaben. Die Verbindung mit dem Namen Kaliningrad ist bei ihnen ausgeprägter, als eine Beziehung zum Namensgeber der Stadt.

Ungern unterbreche ich die Bildergalerie von pippie.
In Anlehnung an T. Plaths Fotos zum Bericht ergänze ich ein weiteres hier im Forum.

Re: Umbenennung Kaliningrad in Königsberg

Verfasst: 10 Aug 2012, 19:59
von domizil
Jenenser hat geschrieben:Würde anderseits Dein beschriebener Hunger der Stadt allein durch die Namensänderung gestillt werden?
... nein, wohl kaum, aber Häppchen helfen auch weiter. Und an einen einmaligen "BUM-Problem-gelöst-Schlag" glaubt wohl niemand. Deshalb muß auf vielen Gebieten viel getan werden.
Jenenser hat geschrieben:Die Verbesserung des Investitionsklimas, die Förderung des Tourismus bei gleichzeitigem Abbau entscheidender Hindernisse (Visum, Registrierung) sind Fragen, die in Moskau diskutiert, verhandelt werden müssen.
... das ist völlig richtig. Aber irgendjemand muß erstmal diese Fragen/Themen nach Moskau tragen und sie verständlich in die richtigen Ohren sprechen ... Bisher, so zumindest mein Eindruck, hat Kaliningrad keine richtige Lobby in Moskau. Unter dem alten Gouverneur G. Boos sah das etwas anders aus. Aber vielleicht hilft uns der neue Vertreter des russischen Präsidenten, Stanislav Woskresenski weiter ...
Jenenser hat geschrieben:Meinst Du, dass Kaliningrad speziell und Russland allgemein einen Bonuspunkt der EU oder anderer Länder bekommt nach einem möglichen Namenswechsel?
... nein, das glaube ich nicht, höchstens einen Aufmerksamkeitsbonus.
Jenenser hat geschrieben:Die Änderung würde für die Einwohner der Stadt eine Last werden, weil zunächst sämtliche Dokumente geändert werden müssen...
... das ist richtig, an die Kosten will ich noch gar nicht denken. Aber wer das eine will muß das andere mögen.
Jenenser hat geschrieben:Beim Thema Stadtumbenennung scheiden sich jedoch die Geister. Nach meiner Erfahrung steht es heute noch nicht bei 50/50.
Dieses "Hälfte/Hälfte" bezog sich nicht auf eine "Umfrage" sondern einfach nur auf das tägliche Händling, dem umgänglichen Sprachgebrauch im Volk. Und hier wird immer offener, ohne ängstliches Umschauen so gesprochen wie es den Leuten am besten paßt. Das war vor 15 Jahren noch nicht so. Da wurden noch Firmen bestraft die einen deutschklingenden Namen hatten.
Jenenser hat geschrieben:Ungern unterbreche ich die Bildergalerie von pippie.
Danke, sowohl an Dich, wie auch an pippie für die Fotos. ich genieße sowohl die linken wie die rechten Fotos. Aus der Fotoserie von pippie gefällt mir am besten der Schnappschuss aus dem Hotel Radisson in Richtung Kathedrale wo sich die Fotoaufnahme im Fenster spiegelt - eine phantastische Perspektive. Danke nochmal.
Uwe Niemeier

Re: Umbenennung Kaliningrad in Königsberg

Verfasst: 11 Sep 2012, 13:29
von Glider
Uwe, du hast einfach Recht, wenn du die Bewohner in der Pflicht siehst, ueber eine Namensaenderung zu befinden.
Wann dies der Fall dann sein wird? Wer weiss es?
Fuer meine rd. 80jaehrigen Schwiegereltern ist es Kaliningrad, Svetlogorsk, Selenogradsk.
Fuer deren Kinder und deren Freunde ist es Kenig, Rauschen, Cranz.
Die Kinder wundern sich immer, wenn ich die russischen Namen verwende, weil sie dies generell nicht machen. Ausser im Kontakt mit Behoerden vielleicht.

Einen Unterschied gibt es natuerlich schon hier im nunmehr russischen Teil des alten Ostpreussens: Die damals eingefuehrten Namen haben in aller Regel nichts
mit historischen russischen Uebersetzungen der deutschen Ortsnahmen zu tun. Das unterscheidet es deutlich von der Situation in Polen oder Tschechien.
Wroclaw war auch vor 1945 die polnische Bezeichnung fuer Breslau.
Was man von Kaliningrad nun wirklich nicht behaupten kann. Und Herr Kalinin ist durchaus als ein richtig schlimmer Finger der Stalinaera zu qualifizieren.

Re: Umbenennung Kaliningrad in Königsberg

Verfasst: 11 Sep 2012, 13:59
von domizil
... was die Übersetzung der alten Stadt-, Dorf-, Strassenbezeichnungen anbelangt: Soweit wie ich informiert bin, ging die damalige Umbenennung (1946) in einem Wahnsinnstempo voran. Kalinin tot - Befehl Stalins und dann holter-die-polter. Vor wenigen Tagen habe ich einen Radiobericht gehört: Nur drei Straßen in Kaliningrad haben ihren ursprünglichen Namen behalten (Schiller, Wagner und "?"), alles andere sind Phantasienamen - ohne historischen Bezug oder korrekte Übersetzung. So wurde z.B. der "Grünhoffer Weg" übersetzt mit "ul. Seljonnaja" (also Grüne Strasse).
In einem anderen Beitrag von mir, vor wenigen Tagen hier im Forum, hatte ich auf eine Tendenz aufmerksam gemacht. Von offizieller Seite wurde der Begriff "Korolewskaja Gora" (also die wörtliche Übersetzung von Königsberg) geprägt - und zwar im Zusammenhang mit der geplanten Wiedererrichtung des Königsberger Stadtzentrums. Kein Offizieller scheut sich mehr davor, alte deutsche Bezeichnungen in den Mund zu nehmen - jeder redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist - und so habe ich den Eindruck, dass hier ein "schleichender Umbenennungsprozess" erfolgt, der dann in wenigen Jahren nur noch seinen Abschluss im Neudrucken der Karten und dem Aufstellen neuer Wegweiser findet.
Uwe Niemeier