Re: Sochi ohne Gauck
Verfasst: 26 Dez 2013, 15:56
Natürlich wissen wir alle, dass die räuberischen Privatisierungen von Chodorkowski & Co. das Land verbrecherisch um Milliarden gebracht hat, die leicht das Chaos, die Armut und den Staatsbankrott der 90er hätten verhindern können, auch wenn wir sicher nicht von "mehrfaches dieser 2000 Mrd. Euro" sprechen können. Die Top100 Oligarchen kommen kumuliert nur auf eta 300 Mrd. - wenn man aber bedenkt, dass der Rubel-Crash nur durch ein aktuelles Defizit von wenigen Milliarden ausgelöst wurde ...Dietrich hat geschrieben: Naja, also wenn man in Russland die Gewinne durch die Bodenschätze nicht in die Taschen der Oligarchen hätte wandern lassen, dann hätte Russland ein mehrfaches dieser 2000 Mrd. Euro in ihr Land, ihre Wirtschaft und ihre Bevölkerung inverstieren können.
Professor Dr. h.c. Wolfgang Kartte †, 1976 bis 1992 Präsident des Bundeskartellamtes, 1992-1997 Wirtschaftsberater der Russischen Föderation im Auftrag der Bundesregierung und der Europäischen Union (TACIS), beschreibt dies so:
Aber er gibt auch dem Westen ein Großteil Schuld an der gescheiterten Privatisierung in RUS, das sie mit falschen Beratern und mit der Abhängikeit RUS gegenüber dem IWF nur ihre eigenen Vorteile im Auge hatten:.. die Öl- und Gaskombinate und andere Rohstoff-Betriebe, die als das "Tafelsilber" von der ersten Privatisierungswelle ausgenommen worden waren, blieben letztlich im Herrschaftsbereich der alten Garde oder gerieten mit Hilfe korrupter Politiker in die Hände neureicher Geschäftsleute. Daneben bildete sich eine Schicht so genannter "neuer Russen" heraus, gerissener Geschäftsleute, .. Neue Werte schufen diese Leute kaum. So verbrachte jeder seine Dollars ins westliche Ausland. In Russland machte man Geld - und macht es noch heute - mit der Ausplünderung der Rohstoffbasis des Landes. Meine Meinung war stets: Erst wenn nichts mehr zu holen ist, werden die Ganoven nach dem Rechtsstaat rufen, um ihre Beute zu sichern.
Letztendlich bestätigte er schon 1997-2000, was wir heute wissen, dass die übereilte Privatisierung und Übernahme westlicher Werte in Demokratie und Marktwirtschaft Schuld war an den Zuständen in RUS der 90er:Das gängige Rezept des Internationalen Währungsfonds, nämlich großzügige langfristige Kredite, verbunden mit der Auflage offener Märkte und strikter Anti-Inflationspolitik auf Seiten der Empfängerländer, nützt in jedem Fall den westlichen Exporteuren und Rohstoffeinkäufern und freut die Banken und spekulativen Anleger in New York, London und Frankfurt. Die betroffenen Länder hingegen werden häufig überfordert, weil Anpassungsprozesse, die zweifellos notwendig sind, überstürzt eingeleitet werden. Sie bringen dann häufig schockartig soziale Verwerfungen mit sich, die den Transformationsprozess bei der Bevölkerung unglaubwürdig machen.
Die beste Hilfe bestünde darin, dass die westlichen Länder IHRE Grenzen öffneten und dadurch den unterentwickelten Ländern Absatzchancen für deren landwirtschaftliche Erzeugnisse und Fertigwaren verschafften. Gerade dies geschieht aber am wenigsten. Was den Schutz unserer Heimatmärkte vor Billigeinfuhren anbetrifft, sind wir alle, voran die USA, nach wie vor Protektionisten. Vielmehr holen wir die Rohstoffe aus den unterentwickelten Ländern möglichst billig heraus und setzen im übrigen auf Kredite, um durch Schaffung von Kaufkraft auf Seiten der Empfänger den Export der eigenen Fertigwaren zu fördern.
Die westlichen Berater Russlands haben ihr anfängliches Renommee inzwischen gründlich verspielt. Das Zusammenwachsen der politischen Klasse mit organisierter Kriminalität, was im Westen als typisch russische Krankheit gilt, sei, so sagt man in Russland, in Wahrheit vom Westen herbeigeführt worden. Falsch war ohne Frage die einseitige Ausrichtung westlicher Ratschläge auf die Freigabe der Preise, die Öffnung der Märkte und die Bekämpfung der Inflation. Mit am Anfang hätte die Schaffung marktwirtschaftlicher Rahmenbedingungen stehen müssen, zuerst eines investitionsfreundlichen und gerechten Steuerrechts. Und nachdem man erkannt hatte, dass mangels gewachsener bürgerlicher Traditionen sich ein Rechtsstaat so rasch nicht würde schaffen lassen, hätte man bei der Privatisierung kürzer treten müssen. Viele Beobachter meinen heute sogar, dass der chinesische Weg einer behutsamen Öffnung besser gewesen wäre.