Marco hat geschrieben:... Zeppelins Meinung als Soziologe würde mich mal zu dem Kram interessieren
Dann will ich's mal versuchen...
Vorab: Es fällt mir nicht leicht, dazu Stellung zu beziehen.
Und ich bin sehr dankbar bisher nicht in irgend einer Weise persönlich von den Taten solcher Irren berührt worden zu sein!
Mir tun die Opfer und ihre Hinterbliebenen unendlich leid!
Doch zum eigentlichen Problem (aus meiner Sicht):
Noch
weitaus schlimmer als die Tat als solche finde ich die Reaktion von Öffentlichkeit, Medien und Politik (in Deutschland).
Denn wenn man die heutigen Zeitungen aufschlug, fand man ja kaum einen Artikel, der nicht ewig wiederkehrende Einzelheiten und Spekulationen wiederholte um sogleich dann auch zu vermelden, was es an 'neuen Erkenntnissen' gäbe...
Wer so dämlich ist, auf diesen gefakten Chat-Beitrag hereinzufallen, der jedes Stereotyp bediente, welches man als Motiv für so einen Täter gemäß Niveau von Sat1, RTL, Vox & Co. erwartet, ist offenbar mit totaler Blindheit geschlagen.
Und genau dies finde ich deutlich bedenklicher, als das Verbrechen selbst.
Denn aus meiner Sicht transportiert die gesamte Berichterstattung nur den Tenor:
"Wir konnten alle nichts dafür"
Man verliert sich in aktionistische Thesen zur Verschärfung irgend welcher Gesetze, die dann präventiv oder eben restriktiv wirken sollen.
Insbesondere meine ich hier z.B. die Forderung, die Verwahrpflicht für Waffen zu verschärfen bzw. zu sanktionieren - als ob man damit unterbinden könnte, dass Unbefugte an Waffen gelangen und / oder diese missbräuchlich einsetzen.
Das einzige Ergebnis davon wäre doch aber nur, Kinder und Heranwachsende noch mehr von der Konfrontation mit Waffen und anderen gleichsam gefährlichen Dingen zu distanzieren und sie ihrer Fantasie zu überlassen.
Aber das gesamte soziale Umfeld des Täters zuckt nur mit den Schultern; will angeblich keine Anzeichen bemerkt haben und macht einen auf Nr. betroffen.
Das finde ich einfach nur zum Kotzen! Denn die gesamte Gesellschaft hier - wie anderswo - ist inzwischen derart weichgespült, dass niemand / kaum jemand mehr die Verantwortung auf sich nehmen will, die Folgegenerationen mit den möglichen Konsequenzen leichtfertig eingesetzter Gefahren zu konfrontieren.
Wenn ich erreichen will, dass mein Kind nicht unachtsam herumzündelt, bringe ich ihm doch schon aus reinem Menschenverstand sachte bei, wie es sich anfühlt, sich zu verbrennen und bringe ihm statt dessen bei, wie man Feuer unter Kontrolle behält, ohne sich oder anderen zu schaden.
Und noch mehr bezieht sich das auf z.B. die Wirkung von Schusswaffen. Das kann man wohl kaum mit theoretischer Aufklärung bewältigen, siondern der potenzielle Benutzer einer solchen oder anderen Waffe muss sich darüber bewusst sein, welche Wirkung eine solche auf ihn/sie hätte und obe er/sie dies erleben wollte.
Um so mehr Gewalt (welcher Art auch immer) also tabuisiert wird, desto geringer wird die Hemmschwelle, sie auch auszuüben.
Damit möchte ich auf die Erziehungsdefizite in D und anderen Staaten zurück kommen. Das gegenseitige Abschieben von Verantwortung zwischen den Institutionen Eltern und Staat (Kita/Schule) einerseits und der anderseitige Kompetenzstreit zwischen eben diesen beiden lässt eben eine riesige Lücke, in der die Kids allein bleiben und auf ihr 'Gutdünken' angewiesen sind, welches aus oftmals zweifelhaften Quellen gespeist wird.
Ich glaube allerdings nicht daran, dass die Nutzung von PC-Spielen oder gewisser Gewaltfilme primär dazu führt, dass Kinder/Jugendliche im tatsächlichen Leben die Neigung entwickeln, ihrerseits Gewalt gegenüber ihrer Umgebung anwenden.
Denn wenn dem so wäre, wäre es einem Täter ja schon Genugtuung, beliebig auf anonyme Personen in z.B. einer Einkaufspassage zu ballern.
Aber nach all mir bekannten Fällen haben sich die Täter jeweils gegen die Institutionen gewendet, mit denen sie über Jahre konfrontiert waren.
Und da offenbar die gesamte Gesellschaft - zumindest mehrheitlich - hinnimmt, dass in dem o.g. Institutionenkonflikt die Kinder unberücksichtigt bleiben, sollte sie auch nicht Betroffenheit heucheln.