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Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt
Verfasst: 10 Okt 2013, 06:29
von Norbert
inorcist hat geschrieben:Ich weiss nicht, ob es daran liegt, dass ich wohl nach Russland gezogen bin, nachdem du wieder nach Deutschland zurückgekehrt bist, aber ich hatte bisher nur ganz selten den Eindruck, dass sich die Bevölkerung hier vom TV in irgendeiner Weise beeindrucken lässt. Ganz im Gegenteil, fast jeder hat seine eigene Geschichte parat, wie in den Nachrichten irgendwas verdreht wurde. Und den Eindruck gewinne ich überall in Russland. Nicht nur in Moskau, sondern auch in Irkutsk, Borisoglebsk oder Astrakhan.
Inorcist, ich bin weitestgehend Deiner Meinung, habe aber doch zwei Gegenbeispiele:
(1) Ich habe nun 1 Jahr im Dorf gelebt. Dort wird - im Gegensatz zur städtischen Bevölkerung - an diese Inszenierungen geglaubt. Die jährliche Fragerunde an Putin wird dort mit vollem Ernst geschaut und ist am nächsten Tag Dorfgespräch. Die ländliche Bevölkerung nimmt zwar ab, macht aber doch noch knapp die Hälfte der Einwohner aus. Und wenn man Kleinstädte dazu zählt, dann über die Hälfte. Und wenn man auch noch die prekären Vororte der Städte dazu zählt, die wir als Ausländer allenfalls aus dem Bus- oder Autofenster sehen, so drei Viertel.
(2) Meine Verwandtschaft, eher hochgebildet, ist felsenfest überzeugt, das Saakaschwili geistig gestört ist, weil er seine Krawatte isst. Diese eine Aufnahme von ihm, als er während des Südossetienkrieges nervös an seinem Schlips rumgeknabbert hat, wurde im russischen Fernsehen hoch- und runtergespult. Selbst mein Argument, dass Putin dafür im deutschen Fernsehen durch gekonnte Schnitte eines Interviews als Kriegstreiber dargestellt wurde, konnten meine Verwandten nicht davon überzeugen, dass Bilder gewusst zur Manipulation von Meinungen eingesetzt werden können.
Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt
Verfasst: 10 Okt 2013, 07:00
von kamensky
Norbert hat geschrieben:inorcist hat geschrieben:Ich weiss nicht, ob es daran liegt, dass ich wohl nach Russland gezogen bin, nachdem du wieder nach Deutschland zurückgekehrt bist, aber ich hatte bisher nur ganz selten den Eindruck, dass sich die Bevölkerung hier vom TV in irgendeiner Weise beeindrucken lässt. Ganz im Gegenteil, fast jeder hat seine eigene Geschichte parat, wie in den Nachrichten irgendwas verdreht wurde. Und den Eindruck gewinne ich überall in Russland. Nicht nur in Moskau, sondern auch in Irkutsk, Borisoglebsk oder Astrakhan.
Inorcist, ich bin weitestgehend Deiner Meinung, habe aber doch zwei Gegenbeispiele:
(1) Ich habe nun 1 Jahr im Dorf gelebt. Dort wird - im Gegensatz zur städtischen Bevölkerung - an diese Inszenierungen geglaubt. Die jährliche Fragerunde an Putin wird dort mit vollem Ernst geschaut und ist am nächsten Tag Dorfgespräch. Die ländliche Bevölkerung nimmt zwar ab, macht aber doch noch knapp die Hälfte der Einwohner aus. Und wenn man Kleinstädte dazu zählt, dann über die Hälfte. Und wenn man auch noch die prekären Vororte der Städte dazu zählt, die wir als Ausländer allenfalls aus dem Bus- oder Autofenster sehen, so drei Viertel.
(2) Meine Verwandtschaft, eher hochgebildet, ist felsenfest überzeugt, das Saakaschwili geistig gestört ist, weil er seine Krawatte isst. Diese eine Aufnahme von ihm, als er während des Südossetienkrieges nervös an seinem Schlips rumgeknabbert hat, wurde im russischen Fernsehen hoch- und runtergespult. Selbst mein Argument, dass Putin dafür im deutschen Fernsehen durch gekonnte Schnitte eines Interviews als Kriegstreiber dargestellt wurde, konnten meine Verwandten nicht davon überzeugen, dass Bilder gewusst zur Manipulation von Meinungen eingesetzt werden können.
Zu Punkt 1. Sie @Norbert bringen es Exakt auf den Punkt und dies ist mitunter auch ein Faktor, weshalb der diktatorische Zar noch am Ruder ist und immer wieder gewählt wird. Ich nenne das eine Art von Kettenreaktion. Ältere Generation siehts im TV > beeinflusst teilweise noch die mittlere (unschlüssige) Generation > und diese 2 wiederum (versuchen) zumindest noch die > junge Generation so zu beeiflussen, dass von dieser ein Teil auf die Seite der ersten zwei Generationen fallen. Eine wirklich freie Meinungsbildung sieht jedoch in vielen westlich demokratischen Staaten anders aus. Zudem feht sehr vielen die Interesse am politischen Geschehen und wie Sie unter Punkt 2 erwähnten ein gewisses technisches Verständnis für gar offensichtliche Manipulationen von Nachrichten und deren Bilder.
Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt
Verfasst: 10 Okt 2013, 10:54
von Axel Henrich
Norbert hat geschrieben:Das lustige ist ja, dass Putin diese Inszenierung mit den Abnickzwergen nicht selbst merkwürdig vorkommt.
Da waere ich mir gar nicht so sicher ...
Es ist halt vor allem mal ein anderer Kulturkreis, was man ja am gesamten Fernsehprogramm sehen kann. Viele Shows und Programme haetten inhaltlich und techn. in der deutschen Fernsehlandschaft kaum eine Chance.
Der Sinn von diesem "scripted TV", wo ausserhalb des eigentlichen Gespraeches/Raportes nochmal Banalitaeten fuers TV ausgetauscht werden, bleibt mir allerdings auch verschlossen. Es wirkt fuer unser westl. Verstaendniss wirklich albern.
Uebrigens bekomme ich auch immer ein deja vu, wenn ich den MDR einschalte ... einfach schon der Ton (techn. gesehen) ist ein anderer, auch sprachlich ein riesen Unterschied, das klingt immer so steif, gestelzt, der Ausdruch so gekuenzelt ... ich kann das gar nicht richtig beschreiben, ich hoere/sehe da sofort DDR-TV ...
-ah-
Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt
Verfasst: 11 Okt 2013, 13:21
von Berlino10
Mir gefällt beides nicht, weder die fehlende Unabhängigkeit der Medien, fehlende Pressefreiheit in RUS noch die einseitige Berichterstattung der deutschen Medien.
In RUS halte ich die Zustände für schlimmer bis absolut undemokratisch. Und dadurch auch noch gravierender, dass die Gewaltenteilung in den anderen 3 Bereichen ohnehin schon dauernd ausgehebelt ist.
Aber ich bin dort Gast.
DEU ist aber mein Land und ich habe hier Ansprüche, deshalb äussere ich hier auch offen Kritik und stelle fest, dass in DEU Pressefreiheit nur noch sehr bedingt funktioniert.
Bei internationalen Themen bekommen wir eine gefilterte und verfälschte Berichterstattung, die uns bewusst Informationen vorenthält und die übrigen einseitig einfärbt.
Sogar der SPIEGEL wird etwa in der Syrien-Frage zum Kriegstreiber. Kritische Stimmen muss man schon suchen.
Bei sozialen oder Wirtschaftsthemen werden die herrschenden Systematiken ausgeblendet, die zu undemokratischen und volksfeindlichen Umverteilungen ähnlich wie in RUS der 90er führen.
Wer in DEU kennt die kriminellen Machenschaften aller Groß-Banken oder etwa die der Big4 der Steuerberatergesellschaften?
Wer weiß um die Verbrechen der Hochfinanz, um die Milliardenstrafen der Banken und der Big4, die sich schuldig gemacht haben,
Verstöße gegen Handels-Boykotte, Libor-Manipulationen, Beihilfe zur Steuerflucht, Geldwäsche für Drogenbarone, Waffenhändler, Terrorfinanziers?
In DEU ist die Presse gekauft, nicht mehr unabhängig, in RUS gekauft und staatlich zumindest das TV unter Kontrolle.
Freie Meinungsbildung ist nur noch sehr erschwert möglich.
Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt
Verfasst: 11 Okt 2013, 14:05
von inorcist
Man muss ja nur mal deutsche und schweizer Nachrichten miteinander vergleichen, um zu sehen wie unterschiedlich dieselben Sachverhalte dargestellt werden können. Ich bin immer wieder überrascht, wie unterschiedlich selbst belanglose Themen wie "Koalabäraufzuchtstationen in Australien" dargestellt werden. In Deutschland steht bei solchen Themen der Umweltschutz deutlich im Vordergrund, in der Schweiz die biologisch / genetischen Vorraussetzungen, wobei jeweils der andere Aspekt ausgeblendet wird.
Von der Utopie-Vorstellung, dass es eine neutrale Presse gibt, bin ich schon lange geheilt. Ich lese einfach Nachrichten aus drei verschiedenen Ländern und versuche, irgendwie die Mitte zu finden.
Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt
Verfasst: 13 Okt 2013, 12:49
von Jochen
Schweizer mag ich nicht! Die sprechen das falsche Deutsch und drängeln auf unseren Autobahnen!
Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt
Verfasst: 13 Okt 2013, 12:55
von Jochen
Axel Henrich hat geschrieben:
Uebrigens bekomme ich auch immer ein deja vu, wenn ich den MDR einschalte ...
Letztens habe ich die Sendung "Biwak" auf MDR gesehen. Vom Konzept her super: irgendwo rumkraxeln, zelten, Jack Wolfskin-Kutte in die Kamera halten und 30min Bericht. Doch nach spätestens 10min. fremdschämen kam bei mir das Gefühl auf, gleich kommen Honnecker/ Krenz/ Mielke ins Bild und berichten über ihre letzten Jagderlebnisse in der Schorfheide!

Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt
Verfasst: 14 Okt 2013, 06:53
von Norbert
Jochen hat geschrieben:Axel Henrich hat geschrieben:
Uebrigens bekomme ich auch immer ein deja vu, wenn ich den MDR einschalte ...
Letztens habe ich die Sendung "Biwak" auf MDR gesehen. Vom Konzept her super: irgendwo rumkraxeln, zelten, Jack Wolfskin-Kutte in die Kamera halten und 30min Bericht. Doch nach spätestens 10min. fremdschämen kam bei mir das Gefühl auf, gleich kommen Honnecker/ Krenz/ Mielke ins Bild und berichten über ihre letzten Jagderlebnisse in der Schorfheide!

Das war mal eine richtig gute Sendung, aber der Moderator hatte seine Stasi-Kontakte geheim gehalten. Er hat darüber sogar ein Buch geschrieben, wie er sich da jahrelang selbst belogen hat ... spannend zu lesen ... aber das ist nun wirklich off-topic.
Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt
Verfasst: 14 Okt 2013, 21:08
von Tuersteher Ivan
Jeder der sich fuer Politik interessiert, kann in Russland frei und ohne jegliche Probleme jede Information rausholen.
ROG hat schon laengst Realitaet verloren.
Re: ROG: Wie der russische Staat das Fernsehen lenkt
Verfasst: 15 Okt 2013, 06:18
von Norbert
Ivan, das wissen wir. Die Frage ist doch, warum jene, die es nicht aktiv verfolgen wollen, bewusst einseitig informiert werden. Das, und nur das, kritisiert ROG. (Es wird explizit erwähnt, dass die Print-Presse frei und nahezu uneingeschränkt berichtet.)
Wobei es natürlich auch in Deutschland so ist, dass die taz als linke Tageszeitung keine rechten Texte veröffentlichen wird. Fox-News in Amerika wird sicher auch keine ausgewogenen Reportagen über Obamas Gesundheitsreform bringen. Der Hausherr bestimmt nun mal, was sein Kanal so bringt. Und da in Russland alle Kanäle direkt oder indirekt dem Kreml unterstehen, bestimmt halt der Kreml. Das ist an sich normal, aber in dieser Monopol-Form keinesfalls gut für die Weiterentwicklung und Modernisierung der Gesellschaft.