Wladimir30 hat geschrieben:klaupe hat geschrieben: Es wurde aber sehr 'lässig' umgesetzt, ignoriert oder gar als Einmischung/Bevormundung abgelehnt.
Tja, das ist gerade die große Kunst. Russen sind in diesem Punkt seit Urgedenken sehr empfindlich. Da den richtigen Ton zu treffen ist ein Problem, viel größer, als in DEU beispielsweise.
Ach Gott, empfindlich sind Andere auch und gerade die Deutschen waren eine Zeit lang so überheblich und selbstverliebt, dass man sich schnell im Ton vergreifen konnte.
Aber es kam einmal der entscheidende Knall, der vieles radikal veränderte.
Da muss ich gerade mal an die
Weizsacker Rede zum 8. Mai 1985 erinnern, wo er die Deutschen als befreite Sieger bezeichnete. Nach meiner Meinung und Erfahrung, ich habe ja die "Nachwehen" noch hautnah mitbekommen, war das der große Knackpunkt. Den ganzen Nationalstolz und die Überlegenheit der Rasse konnte man sich total in den A... schieben. Da musste man ganz klein und bescheiden wieder anfangen und das Handeln und Denken wurde von den Besatzern bestimmt. Eine harte, aber sehr wirkungsvolle Rosskur, die uns tatsächlich den Sieg brachte. Im Westen siegten nach kurzer Zeit Wirtschaftswunder und Wohlstandsbauch und der Osten feierte bis zur Wende den Sieg des "real existierenden Sozialismus". Auf jeden Fall hatten Andere den Kurs bestimmt und nicht nach unseren Be- & Empfindlichkeiten gefragt.
Doch was ich damit sagen will: So typische Volkseigenschaften, die als statisch und "gottgegeben" gerne dargestellt werden, sind durchaus massiv veränderbar. Es braucht nur den Auslöser, der den Funken ins Pulverfass der Revolution schmeißt. In Russland hat es bei der Oktoberrevolution kräftig gefunkt und alles wurde auf den Kopf gestellt. Perestroika und Glasnost wären ein guter Ansatz gewesen, aber da war Gorbatschow nicht brutal genug und musste einfach scheitern.
Nur mit Verstand, Einsicht und dem Willen zur Veränderung ist das schwer zu realisieren. Putins Zündfunke ließ am Anfang ein kleines Feuerchen auflodern, aber es verlosch zu schnell und jetzt bleibt Qualm und Gestank. Lieber zündelt er woanders herum.
Leider haben sie dann immer wieder diese Phrasen gebraucht wie "Ich an ihrer Stelle würde.." oder "Sie sollten ..." usw. Ich habe das beim Dolmetschen einfach ignoriert oder abgeschwächt.
Einen so ähnlichen Ansatz hatte ich auch mal und hörte dann in etwa: "Ich bin aber hier und nicht an Ihrer Stelle". Als ich dann "durchgegriffen" hatte, klappte es vorzüglich und ich habe dabei nicht einmal Freunde verloren.
Ein Beispiel ist symptomatisch und sicherlich auch auf Russen übertragbar:
Als Kreuzfahrtdirektor (Deutsche Gäste auf der sowjetischen "Ivan Franko") musste man die Augen überall haben und 7/24 eingreifen können.
So entstand in einem Hafen bei der Ausschiffung vor der Gangway ein wüstes Gedränge und man wartete, dass die Luke aufging. Dazwischen war eine Frau im Rollstuhl. Ich bat nun die Passagiere höflich, etwas Platz zu machen, damit die Dame ungefährdet voraus konnte. Das wurde einfach überhört oder bestenfalls mit millimeterweitem Ausweichen befolgt. Da platzte mir der Kragen und ich brüllte wie am/der Spieß: "Alle rechts und links zur Seite!" Schon öffnete sich eine Gasse und der Rollstuhl stand im Nu vorne.
Ich war beschämt, dass man sich manchmal wirklich nur mit Gebrüll und Gewalt durchsetzen kann. Der Gipfel war eine Bemerkung "Gratuliere, sie können sich wirklich gut durchsetzen -- tolle Organisation". Wohl gefühlt habe ich mich dabei nicht.
Wladimir30 hat geschrieben:Ich sehe auch viele, die trotz härtester Maloche nicht auf den grünen Zweig kommen, weil der Baum schon abgefressen ist.
Solche gibt es auch in Deutschland haufenweise.
Gibt es, aber das soziale Netz verstreut trockenes Laub und man muss schon einen starken Willen haben, wenn man verhungern will. Unseren "Armen" (per amtlicher Definition) geht es so gut, dass viele "Zuwanderer" es vorziehen, in Deutschland arm zu sein, als in der Heimat zu malochen.