m5bere2 hat geschrieben:Und wie bist du überhaupt ausgereist? Standard Ausreiseantrag oder irgendwelche Begünstigungen?
Von Anbeginn war alles sehr kompliziert. Wurde ja 1952 in Nürnberg geboren, bin praktisch ein gebürtiger Mittelfranke. -
Dann Mutter 1954 verstorben, Vater + Kinder in den Osten gegangen, dann ganze Familie zerbrochen.
Dann das Übliche: POS + Abitur + NVA + Schauspiel-Studium [Sprech-Dramatik-Theater] - dort mit Pauken + Trompeten rausgeflogen = Die Bretter, die die Welt bedeuteten brachen jämmerlichst zusammen, - fand mich im Theater-Keller wieder - dann erinnerte ich mich an die Volfsweisheit:
"Wer nichts wird, wird Wirt, und wer gar nichts wird, wird Gastwirt!"
[Hatte als Student gekellnert, um mir auch mal 'n Stück Brot ü Margarine, Sonja kostete 250 g: 0,50 M, manchmal auch Schmalz kaufen zu können, für Wurst + Schinken blieb nichts über]
Also fest angestellt in der VE HO = Volkseigene Handelsorganisation, dann zur Erwachsenenqualifizierung marschiert, das 5 Jahre gemacht bis zum SERVIERMEISTER [siehe hierzu auch meine fachkundigen Beiträge zum Thema: LAUWARMES ESSEN - WESENSMERKMAL EINER RUSSI. STOLAVAYA ?]
Zwischendurch mal in die Partei eingetreten, dann [negative] Diskussionen geführt zum Thema: A. SOLSCHENIZINS
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Archipel_Gulag | Erstveröffentlichung 1973 - weiterhin jetzt schon verschärfte [negative] Diskussionen zum Thema Ausbürgerung Biermanns 1976
https://de.wikipedia.org/wiki/Wolf_Biermann geführt, Folge: Rausschmiß aus der Partei und als Partei- & Staatsfeind in die rechte Ecke gestellt - gesellte mich also innerlich u. im Geiste zu meinem Freund A. Solschenitzin, war ja jetzt auch ein Dissident - wußte aber damals noch nicht so genau, wie man das schreibt ... usw. usw
Schon desöfteren hatte ich fixe, schräge Ideen im Kopf, die ich hart aber herzlich versuchte umzusetzen [auch meine letzte Reise in die Tundra war eine solcher Ideen] - damals war die tiefgreifendste fixe, schräge Idee, einen
Antrag auf ständige Ausreise aus der DDR zu stellen.
Offizieller Grund war: Rückkehr in meine Geburtsstadt, auch dort war noch Verwandtschaft = Familienzusammenführung war die Parole.
Inoffizieller, also mein eigener Grund war: Mich interessierte mal, was sich hinter dieser von Gott + allen guten Geistern verdammten Mauer befand - man konnte ja nichts sehen, nicht hören, nichts riechen, nichts wissen . . . usw. etc. pp.
Materiell ging es mir super, Wohnung, Auto, guten Beruf, viel Geld - was will man mehr.
Es folgten einige Diskussionen, dann irgendwann schaltete sich die Ampel auf gelb, als "Antragsteller" kannte man die genauen Symptome, da man sich auch untereinander kannte - diese Gruppe nannte sich völlig die "Antragsteller", deren Zahl zwischenzeitlich Hunterttausende, wenn nicht Millionen erreichte.
Lehrlinge durfte ich nicht mehr ausbilden, war ja jetzt Staatsfeind, und jegliche Ausbildung sollte im Sinne des Staates, genauer: seiner Partei- und Arbeiterklasse erfolgen - das konnte ich nicht mehr garantieren.
Irgendwann schaltete dann die polit. Ampel von gelb auf grün, dann hatte ich noch 1-2 Tg Zeit zum Packen, Geld bei der Staatsbank zu deponiern, 1 Aluminiumpfennig steckte ich mir in die Hosentasche u. machte mich auf die Reise in's Ungewisse.
Das sollte reichen - hoffe, die Frage vom:
Re: Zahlen mit Kreditkarte Beitrag von m5bere2 » Sonntag 24. Dezember 2017, 04:51
ausreichend beantwortet zu haben.
Ja, ne, ist klar: Von meinen 65 Jahren jetzt war ich 28 Jahre "Ossi" und 37 Jahre "Wessi". Hab' mich immer köstlich amüsiert, wenn ich zwi. 1985 + 1989 in die DDR fuhr u. dort mir Leute etwas erzählen wußten. Diese Leute waren doch der Annahme, ich sei ein "Original-Wessi" und sie müßten mir jetzt erst einmal erzählen, wie doch der Osten tickt u. wie schlecht doch alles ist und ... und ... und ...
Umgekehrt war es aber auch so im Westen - es gab doch tatsächlich dort Leute, die mal zu Besuch im Osten waren u. mir dann erzählen wollten, wie dort alles so ist . . . Es war köstlich - ich hab immer einen auf unwissend + unbedarft gemacht.
Das war jetzt das Wort zum Mittwoch - Sonntag ist ja Silvester - also keine Zeit zum Predigen . . . Gute Nacht!