Nahdem ich 2 Tage mit eingefrorenen Wasserrohren zu kämpfen hatte, die mein komplettes Haus lahmgelegt hatten, komme ich jetzt erst dazu, meinen angekündigten Beitrag zu liefern.
Das Thema als Russlandbashing zu bezeichnen scheint mir ziemlich unangemesen und rein emotional-subjektiv, denn die Logik ist ja wirklich einfach: ein an sich reiches Land, wo es alles gibt. Warum ist der Lebensstandard in RUS so vergleichsweise niedrig? Einfach nur alles auf die Werbung und den sozialen Druck "durch die anderen" zu schieben, ist zu kurz gegriffen, da dieser Druck in anderen Ländern ja genauso da ist.
gerine Löhne, keine Ersparnisse + hohes Geltungsbedürfnis was allein durch Güter befriedigt werden muss = Kredite en Masse
Das ist wie gesagt ja nicht nur in Russland so. Und die Russen sind ja nicht dümmer, so dass man nicht sagen kann, dass sie zu blöd sind und darauf reinfallen. Klar, solche Leute gibt es auch, aber deren prozentualer Anteil ist wohl nicht anders als in anderen Ländern auch.
Meine Vermutung ist, dass das Problem viel tiefer liegt. Nicht nur in der früheren UdSSR, wie kamensky anregte, sondern noch viel früher.
Vorab natürlich stimmt es, gerade bei der jüngeren Generation, dass der Druck z.B.durch die sozialen Netze (insbesondere denke ich mal Instagramm, weil dort hauptsaächlich aktuelle Photos reingestellt werden, wobei die politischen Grenzen bei Instagramm noch viel weniger gefühlt werden als bei Facebook und Konsorten) groß genug ist. Das Gefühl "Wow, cool, so/das will ich auch!!!" spielt hierbei natürlich eine große Rolle.
Viel größer aber ist der Mentalitätsunterschied, der sich aus der Geschichte ergibt. In Russland war und ist der zentrale Begriff, der das Zusammenleben bestimmte und auch heute noch in viel größerem Maße als es den meisten bewußt ist, der Begriff der "община". Die übliche Übersetzung als "Gemeinde" trifft es nur sehr am Rande. Diese община bettete jeden einzelnen in ein System, wo jeder für den anderen verantwortlich war in dem Sinne, das niemand hängen gelassen wird. Es gab einen "Führer" (blödes Wort, aber wir wollen es mal so belassen hier), der die Wertemaßstäbe festsetzte und sehr rigoros durchsetzte, und jeder musste (bzw. anerzogenermaßen auch wollte) sich dem unterwerfen. Es gab keine Diskussion, es wurde einfach gemacht, was der "Boss" sagte. Die andere Seite hiervon war, dass man nicht nachdenken mußte, was der morgige Tag bringt. Dafür war der "Führer" zuständig, dem man blind vertraute. Klar, dessen Aufgabe wurde dadurch natürlich eine geradezu unmenschlich erscheinende Bürde, da er für alle verantwortlich war. Eine Selbst- oder Eigenverantwortlichkeit der einfachen Leute wurde dadurch natürlich nie erreicht und war auch nie das Ziel. Vielleicht war dies eine Überlebenstaktik unter den rauhen Lebensbedingungen, mag sein. Wobei hier die Spekulationen beginnen. Lassen wir mal die Tatsache als solche einfach stehen. Weitläufig bekannte Folge dieser община war die Leibeigenschaft, aber sie war nur eine der Folgen.
Eine andere Folge dieser Grundhaltung war und ist noch heute, dass "die Leute" es erwarten, dass ihnen schon irgendwie geholfen wird. Wie oft hört man Sätze wie "Что-нибудь придумаем" oder "Как нибудь". Diese belegen sehr deutlich, dass nicht über den Tag hinaus gedacht wird. Und in der Tat: irgendwie hilft immer irgendwer. Das fängt in der Familie an, wo immer jemand da ist (meist die Mama) und hilft, auch wenn das "Kind" schon groß, erwachsen ist und eigenverantwortlich handeln sollte. Wie oft wird die Diskussion geführt, dass die Kinder verhätschelt werden und auch erwachsene Kinder oft noch am Rockzipfel hängen. Wenn nun jemand in (finanzieller) Not ist, findet sich immer jemand, der dann doch hilft. Das geht weiter zunächst im Verwandtenkreis, wo die Banden ja noch immer viel stärker sind als in den meisten westlichen Ländern. Das geht weiter im Bekanntenkreis und so weiter. Man läßt eben niemanden in der Patsche sitzen. Deshalb hilft man auch selber, wenn Not am Mann ist, obwohl "man selber" vermutlich selber ausreichend Probleme hat. Bei mir in der Firma merke ich das sehr deutlich. Jeder hat Kredite, jeder hat finanzielle Pobleme, aber alle helfen sich gegenseitig. Selten, dass mal jemand wirklich Nein sagt. Das war in der община nicht nur verpönt, sondern ausgeschlossen. Und ist es auch heute noch.
Diese община gibt es auch heute noch. Wer auf Arbeit "dazu" gehört, der bleibt mit seinen Kollegen irgendwie immer verbunden. Die Beziehungen, die während des Studims geknüpft wurden, halten ewig, nicht wie in DEU, wo sich alles nach dem Studium meist schnell verläuft. All das sind direkte "Nachfolger" dieser genannten община.