Nun zur letzten Teil. Den Rückweg nach Nowosibirsk teilen wir in zwei Etappen, denn wir mussten den Wagen Sonntags bis 18:00 Uhr wieder abgeben und mir war das Risiko zu groß, im Stau stecken zu bleiben, falls viele Leute von der Datscha nach Hause fahren. Also planten wir einen Stop in Barnaul ein. Zwei Nächte wollten wir dort verbringen, denn ich hatte im Internet positives über die Stadt gelesen. Anstatt bis Gorno-Altaisk und dann auf die M52 zu fahren, entschieden wir uns für eine Abkürzung über Turotschak. So sparten wir uns die Durchfahrt durch Gorno-Altaisk und Bijsk. Die Straße war laut Karte asphaltiert. Und das war sie auch tatsächlich - früher mal. Hinter Turochak wurde gerade eine Brücke repariert und wir mussten über eine Behelfsbrücke fahren, die aus zwei Stahlbahnen für die linken und rechten Räder bestand, zwischen denen ca. 80 cm Platz waren, durch den man den schnell fließenden Fluss Bija sah. Die Behelfsbrücke wird wohl noch einige Zeit in Betrieb bleiben: Zwischen den Bäumen am Ufer entdeckten wir Leute in orangenen Sicherheitswesten, die gerade angelten.
Ab dort mussten wir ca. 60 km über eine Piste fahren, die hauptsächlich aus Kieselsteinen, Sand, Matsch und Schlaglöchern bestand. Nur ab und zu entdeckten wir Reste der Asphaltdecke. Mit 30 bis 40 km/h konnten wir den meisten Schlaglöchern ausweichen. Wie die Russen das schafften, die uns ab und zu mit 60 km/h überholten, weiss ich nicht. Wahrscheinlich gar nicht. Augen zu und durch. Hinter Karabinka war die Straße wieder gut befahrbar.
In Turochak und später hinter Bijsk an der M52 kehrten wir in ein Kafe ein, verzehrten 3 Kaffee und 6 Teigtaschen. Natürlich nicht jeder, sondern zusammen. Das kostete einmal 135 Rubel und einmal 120 Rubel. Für das Geld bekommt man in Deutschland bestenfalls 3 Kaffee, aber nur wenn man danach sucht.
In Barnaul brauchten wir natürlich ein Hotel und eigentlich sollte uns klar sein, dass eines gar nicht geht: Wenn der einzige, der die Schrift lesen kann, auch noch fährt. Wir sind den ganzen Lenin-Prospekt entlang gefahren und ich habe kein einziges Hotel gesehen. Das war kein Schaden, denn besser hätten wir es nicht treffen können. In der Nähe des Bahnhofs (Ul. Profinterna) wurde im Sommer das Hotel "Alexander House" eröffnet. Die haben auch eine Homepage, aber ich habe die noch nicht erreichen können:
http://www.alexander-house.ru Das Hotel ist neu gebaut oder das Haus top renoviert. Wir nahmen ein Dreibettzimmer mit Flachbildfernseher und Klimaanlage. Die (Massage-) Dusche, Waschbecken und Toiletten sind zwar auf dem Flur, aber modern ausgestattet und sehr sauber. Der Spaß kostete sensationelle 1100 Rubel pro Nacht für uns drei zusammen! Außerdem registriert das Hotel Ausländer.
Abends sind wir in einem Bierrestaurant der Brauerei "Sibirskaja Korona" auf dem Sozialistitscheskij Prospekt hängen geblieben. Da hat es meinen Freunden so gut gefallen, dass wir am zweiten Abend dort nochmal hingegangen sind. Inzwischen hatten die Angestellten sogar die englische Speisekarte gefunden. Dafür bekamen wir kein Brot und ich keinen Reis. Martin bekam seine Vorspeise, als ich fast schon fertig war. Schräg gegenüber schlief ein Mann mit DFB Teamjacke und Mütze. Sein Gegenüber nutzte die Gelegenheit und klaute ihm den restlichen Wodka. Rechtzeitig zum Eintreffen seiner mutmaßlichen Lebensabschnittsgefährtin war er wieder fit. Ansonsten ging es sehr zivil in dem Laden zu. Vom Jogger bis zum Anzug war bei den Herren alles vertreten. Als Mann kann man sich in Russland in der Freizeit nur schwer unpassend kleiden.
Barnaul gefällt mir. Rund um den Lenin-Prospekt gibt es viele Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, die etwas hermachen oder entsprechen hergerichtet werden können. Die Innenstadt kann man gut zu Fuß erkunden. Abseits gibt es natürlich auch viele hässliche "Chroschtschowkas", also die 4- bis 5-stöckigen Ziegel- und Plattenbauten, die für die ehemalige Sowjetunion typisch sind. Wenn in so einem Haus ein guter Laden eingerichtet wird, dann möchte man die Fassade etwas herrichten. Also kommt an den Teil der Außenwand, der zu dem Ladenlokal gehört, eine neue Fassade dran und fertig ist die Laube. Der Rest sieht nach wie vor vergammelt aus. Am Schiffsbahnhof fragte Roy einen Mann, ob er das Skateboard seiner Tochter ausleihen könne. Er durfte. Der Mann sprach gut Englisch und wir unterhielten uns ein wenig. Als er hörte, dass wir in zwein Tagen wieder nach Hause fliegen, kommentierte er das grinsend: "Back to civilization." Leider war meinen Freunden eine dreistündige Schiffstour auf dem Ob zu lang. Statdessen setzen wir uns auf ein Bier in ein Zelt am Markt. Die Technobeschallung war uns etwas zu laut, um uns zu unterhalten. Also zogen wir durch die Stadt und besichtigten den Markt und das Fußballstadion. Am Eingang hängt eine große Tafel, auf der sämtliche Ergebnisse der Liga, der Tabellenstand, der Spielplan von Dinamo und der nächste Spieltag angeschlagen sind. Das habe ich vorher auch noch nicht gesehen.
Am letzten Tag fuhren wir dann nach Nowosibirsk und checkten im Flughafenhotel ein. Das kostet fast doppelt so viel wie das in Barnaul, ist aber recht runtergekommen. Registrierung wird dort auch nicht durchgeführt. Demnächst eröffnet dort ein neues Hotel. An der Bar gab es immerhin eine (!) kalte Flasche Bier. Die bekam Martin, weil der immer am lautesten jammert, wenn es nicht kalt genug ist.
Wir suchten eine Autowäsche auf. Die dauerte statt der angekündigten 35 Minuten ca. 90 Minuten, davon 30 Minuten Wartezeit bis wir dran waren. Der Typ hinter mir hatte das schon zwinkernd als "russische Stunde" angekündigt. Gegen 15:30 wollten wir den Mietwagen zurück geben, aber es machte niemand auf. Damit hatten wir die Gelegenheit, noch etwas in Nowsibirsk herumzulaufen und ein Bier unter Technobeschallung in einem kleinen Park zu trinken. Bei der Übergabe übersah der Angestellte großzügig die ganzen Teerflecken, die der Autowäsche widerstanden. Allerdings probiert er das Radio aus. Nach dem Feuerlöscher und der restlichen Notfallausrüstung sah er nicht, wohl in der Annahme, dass die zu schwer und sperrig ist, um sie als Beute im Fluggepäck mit nach Hause zu nehmen. Wahrscheinlich wissen die auch nicht, dass die Heizung nicht funktioniert. Das werden sie wohl im Winter erfahren. Der Tankdeckel war auch schon weg, als ich das erste mal tanken wollte. Am Bahnhof ließ gerade der Bus zum Flughafen den Motor an. Das passte uns ganz gut.
Ich hatte einige wenige Bedenken wegen der Ausreise, weil wir nur für zwei Nächte registriert waren. Bei der Passkontrolle hatte ich schon einen Stapel Quittungen parat, die beweisen sollten, dass wir tatsächlich dauernd unterwegs waren und uns deshalb nicht registrieren lassen mussten. Eigentlich hatte ich nur die Hoffnung, dass der Grenzbeamte angesichts der Anzahl an Quittungen gar nicht erst versucht, unsere Reiseroute nachzuvollziehen. Die Registrierung des Hotels in Barnaul bekam ich nach einem flüchtigen Blick darauf sofort zurück. Dann wurde der Pass ein, zwei mal gescannt, ein wenig gestempelt und fertig. Ich glaube, der hat mich nicht mal angesehen. Bestenfalls flüchtig.
Ein kleines Problem hatte ich noch. Ich hatte kein Mitbringsel für meine Nachbarn, die sich um meine Post und die Zeitung kümmerten. Irgendwie hatte ich verpasst, ihnen etwas nettes zu kaufen. Deshalb besorgte ich für sie eine Flasche Wodka im Magasin Kiew in Duisburg und entfernte den Aufkleber des Importeurs.
Roy spricht übrigens schon davon, nächstes Jahr zum Fußballländerspiel nach Moskau zu fliegen. Hoffentlich bekommen wir Tickets.