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Verfasst: 21 Feb 2007, 11:31
von manuchka
germanisator hat geschrieben:Ich finde es ehrlich gesagt etwas merkwürdig, dass jemand der mitten in Russland lebt, lässt sich von D aus die Russen beschreiben.
Nein , wirklich komisch. Ich habe mir eben vorgestellt, ich bitte jetzt jemanden in Russland, mir die Deutschen zu beschreiben.
germanisator, ich finde das gar nicht so abwegig. Denn in Russland haben die Leute ein anderes Bild oder eine andere Vorstellung von den Deutschen als
1. die Deutschen von sich selbst und
2. die Russen oder sonstigen Nicht-Deutschen, die in Deutschland unter Deutschen leben.
Genauso ist es andersrum: Ich hab jeden Tag Russen um mich rum, denn ich lebe ja hier in Russland. Meine Freunde in Deutschland kennen wenige Russen, die allerdings ihr Bild oder ihre Vorstellung von und über Russen und Russland prägen. Deswegen könnte ich also schon mal nachfragen: Wie seht ihr eigentlich die Russen so? - einfach um zu wissen, welche Vorstellungen und Vorurteile es gibt und um diese mit den eigenen Wahrnehmungen zu vergleichen und dann evtl. zu bestätigen oder zu widerlegen.

Verfasst: 21 Feb 2007, 12:42
von Zeppelin
germanisator hat geschrieben:Ich finde es ehrlich gesagt etwas merkwürdig, dass jemand der mitten in Russland lebt, lässt sich von D aus die Russen beschreiben.
@ germanisator: Zum einen sehe ich nicht, weshalb Du meinst, die Eingangsfrage des Threads sei an Deutschland gerichtet oder die Anwortversuche von deutschen Forumsteilnehmern wären evtl. weniger treffend.
Zum anderen stimme ich Dir zu, dass zumindest Slavisten, die sich auf die Russ. Föderation konzentrieren erwarten sollte, dass sie sich auch invensiv mit Land und Leuten befassen. Dazu gehört sicher auch, einie Zeit direkt in dem Kand zu leben.
Aber dies gilt keineswegs für Slavisten mt anderen Regionalen Schwerpunkten. Denn die gleiche Binnendifferenzierung, wie Du sie dann etwas weiter untern bzgl. Europas und der Russ. Föd. anmahnst (m.E. zu Recht), halte ich ganz besonders für die vielfältigen slavischen Völker für geboten.
Es sieht danach aus, dass du die sogennante eurasische Theorie vertritts. Eurasische Idee kursierte ziemlich lange in den russländischen Intellektuellenkreisen Ende 19/ Anfang 20. Jhr. Solche Persönichkeiten wie Alexander Block (übrigens ethnischer Deutscher) waren Anhänger dieser Theorie. Doch spätestens in den 30er Jahren wurde diese Idee mehrheitlich und endgültigvon von russländischen Intellektuellen (Schriftsteller, Philosofen, Wissenschaftler und sonstigen gesellschaftlichen Eliten) beerdigt. Heute wird diese Theorie sehr oft von Ausländern vertreten.
Zumindest liefert diese Theorie plausible Erklärungen, die man anderswo vergeblich sucht.
Ich betrachte sie keineswegs als Universalthorie und bin auch nicht direkt im Zusammenhang mit dem Postkommunismus darauf aufmerksam geworden.
Vielmehr habe ich mich früher im Rahmen der Komparatistik mit den unterschiedlichen Ausmaßen der gesellschaftlichen Akzeptanz von Gewalt (in allen Ausprägungen) recht ausführlich beschäftigt.
Dabei orientiere ich mich allerdings durchaus am bügerlich-liberalen Humansimus, der Aufklärung und der Luhmannschen funktional-strukurellen Gesellschaftstheorie.

Dass die russländischen Intellektuellen diese Theorie seit den 30ern nicht mehr vertreten, verwundert mich angesichts der ideologischen Entwicklung jener Zeit ganz und gar nicht.
Das war schließlich mit dem "Genie" Lenins und dem Bild vom "neuen Menschen" vereinbar. In diesem Kontext ist ja auch fast die gesamte empirische Sozialanthropologie bei den kommunistisch angehauchten Intellektuellen den Bach herunter.

Nun, wenn Du anderer Meinung sein solltest, und andere, bessere, nicht normative Erklärungen vorzuweisen hast, werde ich sie mit Interesse lesen.
Aber reine Polemik nach dem Motto: "Das ist alles falsch und ganz anders, aber ich sage Euch nicht wie "wirklich" ist" mag ich nicht hören. Ich bin es einfach leid, mir argumentationslos vorschreiben zu lassen, wie ich dies oder jenes Land zu sehen hätte.

Ansonsten muss ich sagen, dass die Binnenperspektive zwar viele detaillierte Informationen liefert, oft aber verhindert, einen Überblick zu behalten und die Dinge in ihrer Gesamtheit zu sehen. In Deutschland nennt man dies: Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen.
Sehr informativ sind jedoch häufig die Schilderungen von Russländern, die ins Ausland gegangen sind, sowie die von Leuten, die von hier nach RUS gegangen sind.

Ich finde es sehr begrüßenswert, dass Du auf die gebotene Differenzierung von russisch und russländisch hinweist. Damit stehe ich hier und anderswo nämlich sonst recht allein da.

Bedauerlich - um nicht zu sagen kritikwürdig - ist es jedoch, dass Du keinerlei Angaben über Dich in Deinem Userprofil eingetragen hast und bislang auch nichts über Dich in der Rubrik Mitglieder stellen sich vor geschrieben hast.

Über die Literaturlage zu RUS in dt. Sprache brauchst Du Dich nicht zu wundern. Der Deutschsprachige Büchermarkt ist einfach zu klein dafür, wie für die allermeisten anderen sozialwissenschaftlichen Themengebiete auch.
Die Fachöffentlichkeit publiziert deshalb seit langer Zeit fast ausschließlich in Englisch und zumeist in New York oder Chicago.
Ferner erscheinen gute Aufsätze von Experten häufig - wenn überhaupt - nur in der sog. 'grauen Literatur', also in universitätsinternen Publikationen, die im Handel nicht erhältlich sind.

Es wäre interessant zu erfahren, welcher ethnischen Gruppe Du selbst angehörst.
Deinen Patriotismus in alle Ehren, aber angesichts Deiner Beiträge zur Frage, ob Namen absichtlich zu dirkriminierenden Zwecken "unrichtig" geschrieben werden, habe ich schon den Eindruck, dass Du etwas zu voreingenommen bist.
Wenn Du Dir und Deinem Land einen Gefallen tun möchtest, rate ich dringend davon ab, überall nur Feinde zu wittern.

Grüße,
Zeppelin

Grüße

Verfasst: 21 Feb 2007, 13:24
von Dietrich
Ausserdem bin ich dafuer, solche Dinge wie Charakter etc. nicht so allzusehr zu verwissenschaftlifizieren.....
Wie ein Mensch "tickt" laesst sich nun mal eben nicht immer mit irgendwelchen Theorien genau feststellen und erklaeren....

Verfasst: 21 Feb 2007, 13:55
von Zeppelin
Dietrich hat geschrieben:... Wie ein Mensch "tickt" laesst sich nun mal eben nicht immer mit irgendwelchen Theorien genau feststellen und erklaeren....
Naja Dietrich, es läuft ja auch andersherum: Die Theorie entwickelt sich halt aus der Empirie.
Die Gravitation gibt's ja auch nicht, weil Newton das so festgelegt hat.

Verfasst: 21 Feb 2007, 15:27
von Dietrich
Zeppelin hat geschrieben: Naja Dietrich, es läuft ja auch andersherum: Die Theorie entwickelt sich halt aus der Empirie.
Die Gravitation gibt's ja auch nicht, weil Newton das so festgelegt hat.
Ja, aber die Gravitation gilt eben immer....

Aber lassen wir die Diskussion lieber!

Verfasst: 21 Feb 2007, 15:44
von Xottabych
germanisator hat geschrieben:Ich finde es ehrlich gesagt etwas merkwürdig, dass jemand der mitten in Russland lebt, lässt sich von D aus die Russen beschreiben. Das einnert mich irgendwie an Slavistikstudenten an meiner Uni, die alles tun, um bloß mit Russen nicht in Kontakt zu kommen.
zwei Anmerkungen:
- Du kannst den persönlichen Hintergrund eines Forumteilnehmers normalerweise nicht kennen; wenn jemand jetzt in Deutschlad lebt, muss das nicht heißen, dass er nie dort gelebt hat.
- Ich glaube nicht, dass jemand, der etwas nicht genau kennt, sich darüber keine Gedanken machen darf; das heißt ja nicht, den Anspruch zu erheben, eine richtige Einschätzung auch treffen zu können. Die Tiefsee kenn ich auch nur aus dem Fernsehen, darüber nachdenken kann man trotzdem, oder?

Verfasst: 21 Feb 2007, 15:55
von Zeppelin
waldmeister hat geschrieben:Wenn Du von Naturwissenschaften redest, dann ja. Gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften gibt es auch andere Wege der Theoriefindung und -Überprüfung neben der Empirie, z.B Hermeneutik oder normativ-ontologische Arbeitsweisen. Man kann bzw. muss Theorien auch logisch herleiten.
Wow: "Eins! Setzen!"
Schade nur, dass das Leben die 'logisch' normativ-othologischen Theorien oft so schnöde ignoriert, und dass die Hermeneutik eine durchaus empirische Methode ist.
M.a.W. die dummen Menschen sind einfach zu minderbemittelt, um nach intelektuellen Vorgaben zu leben.

Ganz abgesehen davon: Wie würdest Du denn auf die eigentliche Frage des Threads antworten?
Das würde mich dann doch mehr interessieren, als Deine sonstigen Kommentare.

Z.

Verfasst: 21 Feb 2007, 16:00
von Xottabych
Upps, jetzt warst Du schneller wie ich....:-) Ich fand die Bemerkung nach kurzem Nachdenken dann doch überflüssig.
Zeppelin hat geschrieben:Ganz abgesehen davon: Wie würdest Du denn auf die eigentliche Frage des Threads antworten?
Das würde mich dann doch mehr interessieren, als Deine sonstigen Kommentare.
Ey Zeppelin, jetzt fang nicht schon wieder an, ja? Kuck mal auf die erste Seite, da steht meine Antwort auf Alexs Frage:
Waldmeister hat geschrieben:Hallo Alekz,
Alex hat geschrieben: Ich hoere immer von der beruehmten russischen Seele, zweifle aber immer, ob man ne Mentalitaet auf ne Nation ueberhaupt so anwenden kann, weil man es im Grunde immer nur mit Individuen zu tun hat.
Das denke ich allgemein auch. Es gibt zwar schon Mentalitätsunterschiede wie zwischen allen Kulturen, und gerade Russen haben mich immer wieder darauf hingewiesen, dass sie keine "Europäer" seien, jedes Volk nationale Eigenheiten besäße usw. Ich glaubve aber, dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen viel entscheidender sind.
Zum Alkoholismus: Der ist meines Empfindens nach zumindest viel stärker sichtbar als in Deutschland. Nicht unbedingt in den Städten, aber auf dem Land wars teilsweise krass! Auch scheint in Russland der Konsum harter Drogen ein wesentlich ernstzunehmenderes Problem darzustellen.

Davon abgesehen konnte ich aber keine "Todessehnsucht" oder ähnliches entdecken. Ein paar Depressive gibts natürlich überall.

Verfasst: 21 Feb 2007, 16:15
von germanisator
@Zeppelin: Um die ganzen Theorien haben sie die jungen Sovjets gar nicht geschert. Das war für sie völlig unwichtig, da sie ihre eigene Theorien hatten. Nach der Oktoberrevolution sind bekanntlich die Eliten aus Russland in Massen ausgewandet. Deshalb fand die Fortsentzung dieser Diskussion im Ausland statt. Vornehmlich in Berlin und in Paris. Die Eurasiaten haben sogar eine eigene Zeitschrift herausgegeben. Also die Beendigung der Diskussion hat mit Kommunismus nichts zu tun. Das wollte ich eigentlich gleich erwähnen, weil geahnt, dass diese Anmerkung von dir kommt, doch ich wollte nicht wie ein Klugscheisser gelten, der sofort alles bis ins Detail weiß.

Verfasst: 21 Feb 2007, 16:35
von Zeppelin
germanisator hat geschrieben:@Zeppelin: Um die ganzen Theorien haben sie die jungen Sovjets gar nicht geschert. Das war für sie völlig unwichtig, da sie ihre eigene Theorien hatten.
Das eben glaube ich nicht so ganz, denn ganz besonders Stalin war bestimmt kein Dummkopf.
Und u.a. Stalins Staatsmodell bzw. seine Herrschaftspraxis belegen ja ganz deutlich, dass der Einzelne gar nichts zählt (außer natürlich er selbst).
Ebenso verhielt es sich mit der Kaisertreue der Japaner im WK II (Kamikaze.)

Reflektiert wurde das Ganze dann aber in der Tat vornehmlich im (westlichen) Ausland - aus den Gründen, die Du ja auch nennst mit all den bekannten Folgen für die westeurpäische Linke...