Re: Artikel: Welche Grenzen hat Russland verletzt, Herr Steinmei
Verfasst: 11 Sep 2008, 14:10
@ mkoehler: Eine sehr treffende Analyse!
Und es ist nicht zu verkennen, daß diese Entwicklung gerade in CDU-/CSU-nahen Kreisen mit großer Freude registriert wird. Endlich hat man wieder ein klares Feindbild, denn der Islamismus bleibt doch reichlich diffus und der "Krieg gegen den Terror" war seit 2001 auch nicht besonders erfolgreich (wo ist z.B. Osama bin Laden?). Russland als neues Feindbild bietet mehrere Vorteile: es ist plakativ und greifbar (und eignet sich deshalb sowie aufgrund eigener Fehler gut für eine Schwarz-weiß-Zuspitzung); man kann sich als Rächer der Entrechteten und Vorkämpfer der Demokratie aufspielen; man kann endlich den (vermeintlich) "großen Fehler" der Schröder-Ära - die Abkühlung des Verhältnisses zu den USA - korrigieren und demonstrativ die Allianz beschwören; man kann viertens fast nahtlos an die Feindbilder aus dem 2. Weltkrieg und dem Kalten Krieg anknüpfen (was gut für die Psyche ist).
Gerade der letzte Punkt darf m.E. nicht unterbewertet werden. Mir gegenüber hat vor einigen Monaten ein CDU-Mitglied in einem Gespräch geäußert: "In meiner Familie war immer klar, daß der Feind im Osten steht. Das war für meinen Opa [im 2. WK] so und so ist es auch bei mir." Ich denke, diese fast schon instinktive Haltung ist durchaus represäntativ für Teile sowohl der deutschen Gesellschaft als auch der politischen Klasse, auch wenn sie nur selten so deutlich artikuliert wird.
Auch bei der Behandlung des Themas in den Medien wird man an die "guten alten Zeiten" des Kalten Krieges erinnert: Die eher bürgerlichen Blätter (z.B. FAZ) fahren eine eher antirussische Linie, während die linke Presse (z.B. Junge Welt) eher prorussisch schreibt - und das, obwohl das heutige Russland nicht mehr das "Paradies der Werktätigen" sein will. Die alten Reflexe funktionieren also noch, auf beiden Seiten.
PS: Über den "Westen" wird in letzter Zeit wieder viel geredet. Ich lese gerade ein Buch, dessen Autor diesen nebulöse Kunstbegriff dekonstruiert und das ich nur empfehlen kann: David Gress "From Plato to NATO - The Idea of the West and Its Opponents".
Es ist in der Tat frappierend, daß die USA heute in der Weltpolitik die Rolle spielen, die früher die SU eingenommen hat: die eines weltanschaulich-ideologisch motivierten Akteurs, während andere Großmächte wie Russland oder China mittlerweile weitestgehend pragmatisch handeln. Dieser Befund sollte zu denken geben.mkoehler hat geschrieben:Der "Westen" hat heute beinahe die Rolle, die noch vor 30 Jahren der ideologisch vollkommen verblendete "Osten" hatte: Er ist einseitig blind.
Wenn man die deutschen Politiker und Medien während der letzten Wochen und Monate beobachtet hat, wird man um diese Feststellung nicht umhinkommen: Manche Deutschen (vor allem aus den "alten" Ländern) sind geistig irgendwann in den 1980er Jahren stehengeblieben. Deshalb auch das Gerede von einem neuen Kalten Krieg, an dem selbstverständlich das kooperationsunwillige und aggressive Russland allein schuld sei.mkoehler hat geschrieben: Hier stellt sich doch eine ganz generelle Frage zum Verhältnis des "Westens" gegenüber dem "Osten", der ja heute quasi "nur" noch aus Russland besteht:
Sind wir nun im 21. Jahrhundert oder immer noch im kalten Krieg der Sechziger?
1.) In den NATO-Staaten wird immer noch der von mir oben zitierte Wortunterschied zwischen Osten und Westen gemacht, als politisch-ideologisches Unterscheidungsmerkmal. In Russland gibt es diesen Sprachgebrauch nicht mehr, da heißt es "NATO" - was ja korrekt ist! - statt "Westen".
Und es ist nicht zu verkennen, daß diese Entwicklung gerade in CDU-/CSU-nahen Kreisen mit großer Freude registriert wird. Endlich hat man wieder ein klares Feindbild, denn der Islamismus bleibt doch reichlich diffus und der "Krieg gegen den Terror" war seit 2001 auch nicht besonders erfolgreich (wo ist z.B. Osama bin Laden?). Russland als neues Feindbild bietet mehrere Vorteile: es ist plakativ und greifbar (und eignet sich deshalb sowie aufgrund eigener Fehler gut für eine Schwarz-weiß-Zuspitzung); man kann sich als Rächer der Entrechteten und Vorkämpfer der Demokratie aufspielen; man kann endlich den (vermeintlich) "großen Fehler" der Schröder-Ära - die Abkühlung des Verhältnisses zu den USA - korrigieren und demonstrativ die Allianz beschwören; man kann viertens fast nahtlos an die Feindbilder aus dem 2. Weltkrieg und dem Kalten Krieg anknüpfen (was gut für die Psyche ist).
Gerade der letzte Punkt darf m.E. nicht unterbewertet werden. Mir gegenüber hat vor einigen Monaten ein CDU-Mitglied in einem Gespräch geäußert: "In meiner Familie war immer klar, daß der Feind im Osten steht. Das war für meinen Opa [im 2. WK] so und so ist es auch bei mir." Ich denke, diese fast schon instinktive Haltung ist durchaus represäntativ für Teile sowohl der deutschen Gesellschaft als auch der politischen Klasse, auch wenn sie nur selten so deutlich artikuliert wird.
Auch bei der Behandlung des Themas in den Medien wird man an die "guten alten Zeiten" des Kalten Krieges erinnert: Die eher bürgerlichen Blätter (z.B. FAZ) fahren eine eher antirussische Linie, während die linke Presse (z.B. Junge Welt) eher prorussisch schreibt - und das, obwohl das heutige Russland nicht mehr das "Paradies der Werktätigen" sein will. Die alten Reflexe funktionieren also noch, auf beiden Seiten.
PS: Über den "Westen" wird in letzter Zeit wieder viel geredet. Ich lese gerade ein Buch, dessen Autor diesen nebulöse Kunstbegriff dekonstruiert und das ich nur empfehlen kann: David Gress "From Plato to NATO - The Idea of the West and Its Opponents".