Bephep hat geschrieben:
Bisher ging es den Russen unter Putin immer besser,dank Oel,was passiert wenn sich das aendert.?
Das ist vielleicht eine der interessantesten Fragen, die viele Beobachter nicht nur innerhalb Russlands sondern auch außerhalb bewegt. Man kann recht klar feststellen, dass die Popularität Putins auf einem stillen Vertrag zwischen dem Kreml und der Bevölkerung beruhte, man gab den Menschen ein "Stück Brot" und uneingeschränkte persönliche Freiheiten und konnte dafür als Staatsmacht tun und lassen was man wollte. Jetzt wo die Krise in Russland immer mehr um sich greift und der Teil mit dem "Stück Brot" immer schwerer zu erfüllen sein wird, steht die Staatsmacht vor immer größeren Problemmen. Dies verstärkt ohnehin vorhandene Machtkämpfe innerhalb der Machtelite, die bisher meistens hinter verschlossenen Türen ausgetragen wurden, und führt von außen betrachtet zu teilweise schizophren anmutenden Entscheidungen. Einerseits ruft Medwedew bei seinen "Itogi 2008" beinah den Sozialstaat in Russland aus und erklärt die soziale Sicherheit der Bürger zur wichtigsten Staatsaufgabe, es werden die Renten, das Arbeitslosengeld und die Bezüge der Beamten erhöht und viele andere Maßnahmen in der Richtung ergriffen um soziale Spannungen aufgrund der Krise abzubauen, andererseits erhöht man die Ausgaben für das Innenministerium, den Omon und schickt den moskauer "Zubr" nach Vladivostok um mit Schlagstöcken für Ordnung zu sorgen. Man kann aus meiner Sicht annehmen, dass für die Entwicklung Russlands in den nächsten 1-2 Jahren, abgesehen von ökonomisch motivierten Unruhen, die als Katalysator fungieren könnten, der Ausgang der Machtkämpfe innerhalb der Eliten, wer wird sich durchsetzen, wer wird die anderen um seine Positionen konsolidieren können, entscheidend sein wird.
Ein anderer Faktor sind natürlich die Eliten als solches. Man muss vielleicht begreifen, dass die Leute die heute Macht in Russland haben, absolute Pragmatiker sind. Das ist das Positive und gleichzeitig das Erschreckende an diesen Menschen. Als Folge des Zerfalls der SU leben diese Menschen außerhalb jeder Ideologie. Das sind zynische Pragmatiker, die nur an Macht und Geld glauben und jeden Weg bereit sind zu gehen, der aus ihrer Sicht ihren Interessen dient. Wie sagten es schon die Medici - man braucht Geld um Macht zu erlangen und man braucht Macht um Geld zu vermehren. Dieser Zynismus gepaart mit den Stereotypen des sowjetischen Denkens und der besonderen Mentalität der Sicherheitsdienste prägt die putinsche Machtvertikale. Konsumstreben, Merkantilismus, Gleichgültigkeit und gewisse Apathie gepaart mit Patriotismus, Nationalismus und wieder erwachter Religiosität, die das ideologische Vakuum füllen, das die SU hinterlassen hat, prägen heute die russische Gesellschaft. Dies hat auch solche Aussagen zur Folge wie "Wir sind wieder Wer", "Russland ist von den Knien aufgestanden" etc., die die Realität je nach Blickwinkel unterschiedlich stark tangieren.
Dies zeigt auch ein anderes Problem Russlands, dem Land fehlt eine klare strategische Ausrichtung sowohl nach außen als auch nach innen hin. Die russische Führung betont immer wieder die russische Souveränität und Unabhängigkeit bei außen- und innenpolitischen Entscheidungen. Dabei ist nicht klar welche Position Russland annimmt. Wenn Russland neutral auftreten will, so muss man stark sein um diese Neutralität zu gewährleisten oder die Interessen aller Parteien bedienen um die Neutralität zu erkaufen. Wenn Russland ein Teil des Westens sein will, so muss man wohl oder übel nach westlichen Regeln spielen, die russische Führung scheint sich dem entgegenzusetzen und die Regeln neu definieren zu wollen. Will man mit den Schwellenländern wie z.B. Indien, China etc. zusammen agieren, so muss man in diesem Fall wenigstens einige gemeinsame Interessen definieren, wobei die Interessen und die Lage aller dieser Länder bei nüchterner Betrachtung recht weit auseinander liegen. Somit ist nicht klar zu erkennen, welche Rolle Russland auf der Weltbühne spielen will. Die Georgienkrise hat auf recht dramatische Art und Weise gezeigt, dass Russland aktuell alleine da steht, nicht nur global sondern sogar auch auf dem postsowjetischen Raum. Man kann lange darüber diskutieren, dass dies alles relativ ist und die Situation sich ändern wird, aber wenn sogar der engste Verbündete Russlands, Weißrussland mit dem Kreml über die Anerkennung Südossetien und Abchasiens feilscht, spricht das schon Bände über die russische Außenpolitik.
Man kann vielleicht resümieren, dass die weitere Entwicklung der Krise in Russland durchaus die Gefahr politischer Umwälzungsprozesse in sich birgt, wohin und ob überhaupt diese Umwälzungsprozesse das Land führen werden, kann man heute nur spekulieren. Sicher ist jedoch, dass die Situation in Russland heute eine andere ist als in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in der SU oder Ende der 80er Anfang der 90er. Russland ist vielleicht eins der Länder auf der Erde, das in seiner Geschichte die gravierendsten Transformationen durchlebt hat und am Ende aus diesen immer gestärkt hervorgegangen ist.