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Re: Artikel über den Arbeitsmarkt in Russland

Verfasst: 28 Sep 2009, 23:04
von Andy
Also die meisten grossen auslaendischen Firmen haben eher das Problem, dass wenige nach Russland kommen moechten. Meist sind nur abenteuerlustige Junggesellen dazu bereit - und das sind nicht immer die erfahrenen Spezialisten.

Ich hatte mal vor Jahren ueber Stellenanzeigen in deutschen Zeitungen jemanden gesucht, der hier in Moskau als Manager arbeitet und russisch kann - es meldeten sich entweder verkrachte Existenzen oder junge Leute, die gerade eine Russin geheiratet haben. Hab's dann aufgegeben und nicht wieder versucht.

Re: Artikel über den Arbeitsmarkt in Russland

Verfasst: 01 Okt 2009, 20:27
von Leistungsdenker
Ich wollte in meiner Stadt Praktikum bei den deutschen Tochterfirmen von Logistikunternehmen und Fluggesellschaften machen. Habe dann allen die Bewerbungen geschickt. Ich kannte allerdings keinen in der Leitung. Von vielen habe ich gar keine Antwort bekommen, außer von einer Firma. Nach zwanzig Anrufen habe ich die Sache aufgegeben, weil der Chef entweder Mittagsessen, ein Gespräch, oder etwas wichtiges zu tun hatte. Anscheinend wird man in unserer Stadt auch mit Kenntnissen der deutschen Sprache genauso gebraucht, wie eine Reinigungskraft ohne Berufserfahrung.
Ach ja das Unternehmen, dass mir geantwortet hat wollte mich als Träger für 300 Rubel Vollzeit am Tag haben. Ich habe die (russische) Chefin bei unseren Vorstellungsgespräch gefragt, ob Sie es ernst meint. Sie hat mich angeguckt, als machte ich dumme Witze. Stellt euch vor, da kommt ein Mann im Anzug (seriöser Student, der locker Mal deutsch oder russisch reden und schreiben kann) und Sie sagen ihm erst beim persönlichen Gespräch, dass Sinn des Praktikums ist es LKWs zu beladen. Sie sollten mich noch zum Vorstellungsgespräch einladen, um dann zu sagen, dass Sinn ihres Praktikums Toillete putzen sein wird.
Ich habe der Chefin freundlich "net" und "doswidanja" gesagt.
Ich will mit dem Praktikum erste Berufserfahrung mit seriösen Inhalten sammeln, um mich weiter in Sachen praktische Erfahrung zu bilden.
Also glaube ich kaum, dass russischer Staatsbürger mit deutsch Kenntnissen besser behandelt wird, als ein deutscher Staatsbürger mit russischen Kenntnissen.

Re: Artikel über den Arbeitsmarkt in Russland

Verfasst: 02 Okt 2009, 06:46
von Zejtnot
Leistungsdenker, ich kann Deine Erfahrungen teilen. Aber man muss die Firmen auch verstehen. Die meisten haben hier eine einfache Handelsvertretung. Wozu soll eine Handesvertretung mit ein oder zwei Leuten plötzlich einen Praktikanten brauchen? Was soll mir Mercedes Benz in Nowosibirsk anbieten? Oder Knauff?

Dies erklärt, warum viele Firmen einfach nicht reagieren.

Re: Artikel über den Arbeitsmarkt in Russland

Verfasst: 19 Okt 2009, 20:50
von Leistungsdenker
Zejtnot hat geschrieben:Leistungsdenker, ich kann Deine Erfahrungen teilen. Aber man muss die Firmen auch verstehen. Die meisten haben hier eine einfache Handelsvertretung. Wozu soll eine Handesvertretung mit ein oder zwei Leuten plötzlich einen Praktikanten brauchen? Was soll mir Mercedes Benz in Nowosibirsk anbieten? Oder Knauff?

Dies erklärt, warum viele Firmen einfach nicht reagieren.
Ich sehe die Sache etwas anders.
Zum Beispiel war ein Direktflug aus Ufa nach Frankfurt mit Lufthansa bis vor einiger Zeit möglich.
Die Anzahl der Reisenden sank mit der Zeit und dieser Flug wurde gestrichen. Das Lufthansa Büro in Ufa hatte ca.5 Mitarbeiter, alle Russen ( außer Tickets verkaufen haben sie fast nichts gemacht, aber guten Lohn haben sie gekriegt). Ich hätte zum Beispiel zig Ideen, wie man real das Flugzeug mit Menschen aus Ufa jeden Monat füllen kann. Ich kann diese Ideen umsetzen.
Nur wen interessiert es?
Ich bin zum Vorstellungsgespräch um neun, wie vereinbart gekommen und musste 20 Minuten auf die Leitung warten, obwohl auf der Tür steht, dass die Arbeitszeit um neun anfängt. Schließlich habe ich halbe Stunde lang mit der eingebildeten russischen Chefin geredet. Sie bot mir als Praktikum Gepäck zu tragen. Habe dankend abgelehnt. Nach paar Monaten beendete Lufthansa die Flüge nach Ufa.

Re: Artikel über den Arbeitsmarkt in Russland

Verfasst: 20 Okt 2009, 02:25
von Nikolaus
Das haben sie nun davon. :)
Und in welchen Wirtschaftszweig gehst Du nun?

Re: Artikel über den Arbeitsmarkt in Russland

Verfasst: 20 Okt 2009, 07:46
von Zejtnot
Die Lufthansa hat bereits 2002 die Flüge nach Novosibirsk eingestellt - nicht mangels Kunden, sondern aufgrund schwieriger Logistik. Wegen Arbeitsschutz mussten die Piloten nach dem Hinflug eine gewisse Pause haben - der nächste Rückflug war jedoch erst eine halbe Woche später. So saß immer eine ganze Mannschaft in den Novosibirsker Hotels rum - sie musste auf den nächsten Flug warten. Dies produziert unglaubliche Kosten. Wenn hingegen S7 direkt nach Frankfurt fliegt, kann der Pilot einen Tag später den Flug nach Moskau übernehmen - und sitzt nicht 3 bis 4 Tage bezahlt im Hotel rum.

In Ufa ist die Lage mit hoher Sicherheit ähnlich gewesen.

Die Flüge wurden also wahrscheinlich nicht mangels Passagieren eingestellt, sondern mangels Effizienz.

Und das von Dir beschriebene Problem ist dennoch typisch - natürlich lassen sich die Alt-Eingesessenen ungern von einem jungen Absolventen reinreden. Warum sollte Dich die überhebliche Chefin dort nehmen - sie riskiert doch Ihren eigenen Job! That's life! Ferner hat sie natürlich auch in gewisser Weise Recht - da kommt ein junger Student und will das Rad neu erfinden, ohne die internen Lufthansa-Abläufe zu kennen. Das macht mehr Arbeit als Nutzen. (Lufthansa hat sehr genaue Vorstellungen vom Marketing - da darf Ufa nicht plötzlich ausscheren.)

Re: Artikel über den Arbeitsmarkt in Russland

Verfasst: 20 Okt 2009, 09:51
von bella_b33
Zejtnot hat geschrieben: Und das von Dir beschriebene Problem ist dennoch typisch - natürlich lassen sich die Alt-Eingesessenen ungern von einem jungen Absolventen reinreden. Warum sollte Dich die überhebliche Chefin dort nehmen - sie riskiert doch Ihren eigenen Job! That's life! Ferner hat sie natürlich auch in gewisser Weise Recht - da kommt ein junger Student und will das Rad neu erfinden
Die Erfahrung musste ich in meinem Berufszweig hier auch schon machen, getreu dem Motto: Das Bessere ist des "Guten" Feind :D, da lässt sich niemand reinreden und riskiert seinen Job um dann nen jungen Neuling da drauf zu lassen(obwohl ich schon ein paar Jahre aus dem Neulingsalter raus sein sollte ;)

Gruß
Silvio

Re: Artikel über den Arbeitsmarkt in Russland

Verfasst: 20 Okt 2009, 16:14
von Schwabe
Scheint wohl, dass fuer Deutsche oder Auslaender allgemein nicht so viel geht. In meinem Bereich holen sie "billige" russische Uni-Abgaenger, anstatt einen Europaer, der innovative Ideen (siehe auch Leistungsdenker) hat. Bei meinem derzeitigen Job arbeite ich auch in Russland, jedoch nur vom Desktop aus. Doch wer stellt schon einen Europaer mit mindestens gleichem Wissen ein, wenn er billigere Leute kriegt?

Re: Artikel über den Arbeitsmarkt in Russland

Verfasst: 20 Okt 2009, 16:34
von Alex KA
Heute ist bekannt geworden, dass Quelle geschlossen wird. Dort muesste mann auch mehr Praktikanten mit grossen Visionen einstellen :)

Re: Artikel über den Arbeitsmarkt in Russland

Verfasst: 20 Okt 2009, 17:00
von Sibirier
Dafür hat VW ja heute die Fließbandproduktion aufgenommen.....

Also einen "von Ideen spritzenden Praktikanten", der halt "frisch aus der Ausbildung" kommt, würde ich mir meine Firma nicht umkrempeln lassen....

Zunächst muss der Praktikant erst einmal die Arbeitsabläufe verstehen und warum das so ist. Denn es nützt nichts, wenn man in einer Abteilung etwas verändert, aber die andere Abteilung damit nicht weiter arbeiten kann....

Und m. E. hat es noch niemand geschadet, von der "Pike" auf den Job zu lernen.... auch wenn es erst einmal "Entladungsarbeiten" sind, dann lernt man schon auch, welche Vordrucke für die Steuerverwaltung (und das sind in Russland m. E. nicht wenige...) auszufüllen sind usw....

Deswegen bin ich eigentlich auch ein Befürworter des deutschen Systems, wo man noch 2-3 Jahre in der Ausbildung im Betrieb ist und eigentlich "sachte" in seinen Aufgaben reinwächst....