Bescheidenheit in den Beziehungen DE_RU

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domizil
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Re: Bescheidenheit in den Beziehungen DE_RU

Beitrag von domizil »

... ich hatte erst gestern ein interessantes Treffen, verbunden mit einem Gedankenaustausch genau zu diesem Problem: "Das Image Russlands".

Übereinstimmende Meinung, dass dieses schlechte Image historisch gewachsen ist, beginnend irgendwann nach 1917. Im Ergebnis des 09.Mai 1945 gab es eine Neuaufteilung der Einflußsphären. Alle daran Beteiligten waren mit den Ergebnissen dieser Neuaufteilung unzufrieden. Den Amerikanern und "anliegenden Ortschaften" gelang es wesentlich besser (begünstigt durch die unklugen innenpolitischen Verhaltensweisen der sozialistischen Staaten), die Sowjetunion als "Reich des Bösen" darzustellen. Selbst in den sozialistischen Ländern wurde die SU nicht als der Vorbildstaat akzeptiert. Gorbatschow hatte vielleicht einen richtigen Ansatz in seiner Politik, aber sie führte nicht zu dem gewünschten Ergebnis, höchstens dazu das die SU zerbrach. In der Zeit seiner Amtsführung wurde weniger heftig kritisiert (man war ja im Westen zufrieden mit der Schwächung der SU). Dann kam Jelzin. Um es kurz zu machen: Eine insgesamt leider sehr schwache Führungspersönlichkeit. Der Niedergang Russlands setzte sich fort und es bestand keine Notwendigkeit Russland extrem zu kritisieren und in einem negativen Licht darzustellen. Dann kam Putin - eine starke Führungspersönlichkeit. In den ersten Jahren verhielt sich der Westen zurückhaltend, abwartend. Dann hatte man verstanden, mit wem man es zu tun hatte. Und ab diesem Moment intensivierte man alte Denkweisen und informiert "das Volk" wieder über das "Reich des Bösen", den heranwachsenden Diktator Putin, die Undemokratisierung Russlands, die Unfreiheit in dem Land usw. usf.Da es in der Natur des Menschen liegt Negatives gerne glauben zu wollen und er sich für positive Dinge weniger interessiert hat der Westen hier die besseren Karten und anscheinend auch die besseren Propagandisten.
Uwe Niemeier
http://www.blog.aktuell.ru/category/kal ... em-akzent/
pippie

Re: Bescheidenheit in den Beziehungen DE_RU

Beitrag von pippie »

Gut auf den Punkt gebracht. Ich sehe das ähnlich.
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Dietrich
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Re: Bescheidenheit in den Beziehungen DE_RU

Beitrag von Dietrich »

Hallo Uwe,

vielen Punkten deiner Zusammenfassung kann ich durchaus zustimmen.
Allerdings stellst du es auch sehr einseitig dar. Besonders die Reaktion des Westens nach dem Innehalten und mit Beginn der Ära Putin.

Hat für dich das Ansehen Russlands gar nichts damit zu tun, was Russland tut. Und wie Russlands dies tut?
Ist für dich der Grund der Kritik an Russland wirklich nur die (Angst?-)Reaktion auf den "starken Führer" Putin?

Außer "Reich des Bösen", welches vielleicht noch von ein paar ewig gestrigen Hardlinern jenseits des Atlantik benutzt wird, ist die Kritik an Russland doch auch in vielen Bereichen an direkte Kritikpunkte angeknüpft. Demokratisierung, Rechtstaatlichkeit, Menschenrechte.... sind diese Kritikpunkte alles nur erfunden, weil man ja eigentlich nur Angst vor Russland und seinem Macher Putin hat?

Bist du sicher, dass du bei deiner Betrachtung wirklich beide Augen gleich weit aufgesperrt hast?
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Kultgrieche
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Re: Bescheidenheit in den Beziehungen DE_RU

Beitrag von Kultgrieche »

Ein interessanter Passus hierzu aus http://de.wikipedia.org/wiki/Menschenrechte:
"Viele Autoren der postkolonialen Kritik verweisen auf ein hierarchisches Verhältnis des Westens und Europas gegenüber anderen Regionen und betrachten den Menschenrechtsdiskurs vor dem Hintergrund einer kolonialen Geschichte und postkolonialen Gegenwart. Dazu gehören Autoren wie Frantz Fanon, Stuart Hall, die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison, Homi K. Bhabha, Edward Said, Gayatri Chakravorty Spivak oder Gauri Viswanathan. Damit verbunden ist eine Kritik am Eurozentrismus, etwa dass das Konzept der Menschenrechte seine Wurzeln in der europäischen Philosophie habe. So hätten die Philosophen der Aufklärung nicht nur emanzipatorische Projekte verfolgt, sondern auch rassifizierende und essentialisierende Konzepte verwissenschaftlicht, mit denen kolonialistische Politiken auch in rechtsphilosophischer Hinsicht – wie die Praxis eines Racial Contract – legitimiert wurden. Der Menschenrechtsdiskurs wird hierbei auch unter den Aspekten der weißen und europäischen Bildungsprozesse der eigenen Identität und nationaler Diskurse betrachtet. Diese Autorinnen verweisen dabei auf die Etablierung einer weißen Dominanzkultur. Zur Absicherung bestehender sozialer Verhältnisse, die für die weiße Dominanzkultur Privilegien schaffe, gehöre es auch, dass Weiße sich phantasierten, was für die ihnen fremden Menschen und Kulturen gut sei. Eine reduzierte Wahrnehmung sei es, Menschen in anderen Regionen beständig als Opfer wahrzunehmen. Damit ist ein gesellschaftlicher Prozess gemeint, den Autoren wie Slavoj Žižek, Alain Badiou und andere als Viktimisierung beschreiben."
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Dietrich
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Re: Bescheidenheit in den Beziehungen DE_RU

Beitrag von Dietrich »

Kultgrieche hat geschrieben:Zur Absicherung bestehender sozialer Verhältnisse, die für die weiße Dominanzkultur Privilegien schaffe, gehöre es auch, dass Weiße sich phantasierten, was für die ihnen fremden Menschen und Kulturen gut sei.
So etwas ähnliches hatten wir ja auch schon mal bezüglich der masochistischen Veranlagung russischer Frauen, die einfach ab und an gerne mal ordentlich durchgelassen werden wollen (wenn auch dieser Wunsch oft unbewusst ist und manchmal sogar nach außen hin verneint wird).
So brauchen vielleicht Frauen aus dem islamischen Kulturkreis ab und an mal einen mittelgroßen Stein an den Kopf geworfen, damit das Denken wieder angekurbelt wird. Das können wir weisse Dominanzimperialisten uns einfach nicht so richtig vorstellen....

Oder wie?
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Kultgrieche
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Re: Bescheidenheit in den Beziehungen DE_RU

Beitrag von Kultgrieche »

Na, wie es doch so schön in Wiki beschrieben ist: "Eine reduzierte Wahrnehmung sei es, Menschen in anderen Regionen beständig als Opfer wahrzunehmen"..."Viktimisierung"...
Islam=Steinigung der Frau. Ist das ein nicht zu sehr reduzierter Fokus?
"Eines der zentralen Probleme heutzutage ist, dass die Politik so eine Schande ist. Gute Menschen gehen nicht in die Politik." (Donald Trump)
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Re: Bescheidenheit in den Beziehungen DE_RU

Beitrag von pippie »

Dietrich hat geschrieben:Hallo Uwe,

vielen Punkten deiner Zusammenfassung kann ich durchaus zustimmen.
Allerdings stellst du es auch sehr einseitig dar. Besonders die Reaktion des Westens nach dem Innehalten und mit Beginn der Ära Putin.

Hat für dich das Ansehen Russlands gar nichts damit zu tun, was Russland tut. Und wie Russlands dies tut?
Ist für dich der Grund der Kritik an Russland wirklich nur die (Angst?-)Reaktion auf den "starken Führer" Putin?

Außer "Reich des Bösen", welches vielleicht noch von ein paar ewig gestrigen Hardlinern jenseits des Atlantik benutzt wird, ist die Kritik an Russland doch auch in vielen Bereichen an direkte Kritikpunkte angeknüpft. Demokratisierung, Rechtstaatlichkeit, Menschenrechte.... sind diese Kritikpunkte alles nur erfunden, weil man ja eigentlich nur Angst vor Russland und seinem Macher Putin hat?

Bist du sicher, dass du bei deiner Betrachtung wirklich beide Augen gleich weit aufgesperrt hast?
Kennst du das Buch " From Dictatorship to Democracie" von Gene Sharp? Organisationen wie Otpor! veranstalten Workshops, wie man Staaten, die man für sich als "Diktaturen" definiert hat, "friedlich" zersetzt. http://de.wikipedia.org/wiki/Otpor!
Das alles passiert natürlich nur, weil die Mehrheit der Bevölkerung des "erwählten" Landes die eigene Regierung nicht mehr will... [verdacht]

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Re: Bescheidenheit in den Beziehungen DE_RU

Beitrag von domizil »

Dietrich hat geschrieben:Bist du sicher, dass du bei deiner Betrachtung wirklich beide Augen gleich weit aufgesperrt hast?
... ich bin mir 100%tig sicher, dass ich das nicht getan habe.

Wir sind alle hier im Forum etwas "lastig" - das ist auch völlig normal, denn wir haben eine bestimmte Meinung, die sich im Laufe vieler Jahre und Erfahrungen gebildet hat. Und ich bin nun mal jemand, der für Russland starke Sympathien entwickelt. Andere haben andere Sympathien und wir werden uns gegenseitig nicht vom Gegenteil überzeugen können. Was wir aber können: Wir können voneinander lernen, die (sachlichen) Argumente der anderen Seite anhören und wenn diese logisch und wertvoll sind, in der eigenen Meinungsbildung berücksichtigen.

Das, was ich im vorangegangenen Beitrag geschrieben habe, ist natürlich radikal vereinfacht dargestellt. Um das Phänomen "Image Russland" richtig zu analysieren und zu beschreiben ist mehr als nur ein kurzer Text hier im Forum nötig (aber ich arbeite an so einem Material).

Vielleicht, um auf das putinsche Russland zurückzukommen, könnte ich versuchen noch einen Denkanstoß zu geben: Im Westen gibt es eine Staatensolidarität (im Rahmen der EU, NATO usw.). Eine feine Sache und diese Staaten reden auch alle miteinander und geben sich ganz sicher auch gute Ratschläge. Und wenn es was zu kritisieren gibt, so wird dies kulturvoll und i.d.R. nicht öffentlich getan - eben so, wie es unter guten Freunden/Bekannten üblich ist.

Russland hat keine adäquate Staatensolidarität, auf deren wohlmeinende Meinung man auch mal bauen kann. Die "guten" Ratschläge und "guten" Resolutionen sind doch in Wirklichkeit gar nicht gut gemeint. Es geht doch nur darum jemanden zu demütigen und sich diebisch zu freuen, wenn derjenige mal wieder in ein Fettnäpfchen gesprungen ist. Und leider -eben in Ermangelung von ausreichenden Freunden - passieren eben in Russland Dinge, die besser nicht passieren sollten. Damit muss Russland nun leben - und es lebt damit.

Wenig angenehm wird es allerdings, wenn sich Russland nach Gesprächspartnern umschaut, mit denen es angenehme Gespräche führen kann - und diese Gesprächspartner sich nicht im Westen befinden.
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Re: Bescheidenheit in den Beziehungen DE_RU

Beitrag von Dietrich »

Kultgrieche hat geschrieben:Islam=Steinigung der Frau. Ist das ein nicht zu sehr reduzierter Fokus?
Wieso Fokus?
Es war ein (natürlich absichtlich extrem plakatives) Beispiel für eine Menschenrechtsverletzung, die man eben nicht einfach mit der von dir zitierten Kritik an der Viktimisierung als nicht vorhanden abtun kann. Und da gibt es mit Sicherheit noch viele andere Beispiele, die in dem Fall dann natürlich weit weniger plakativ sind, aber trotzdem genau so wenig mit Viktimisierung zu tun haben.
Wenn ein Magnitsky in der Haft umkommt, dann mach nicht ich ihn zu einem Opfer - er ist eins.

Dass es da auch Dinge geben mag, bei denen diese Viktimisierung relevant ist, das will ich ja gar nicht abstreiten. Aber um solche Dinge geht es hier doch überhaupt nicht. Insofern fand ich deinen Einwurf an diese Stelle einfach unpassend.
Außerdem geht es in den Beziehungen DE-RU ja nicht nur um Menschenrechte, sondern auch um demokratische und rechtstaatliche Defizite. Da jedes Mal von Opfern zu sprechen, führt wohl zu weit. "Betroffene" trifft es da wohl eher. Wobei einige dann aber auch zu Opfern werden können.
Natürlich nicht in allen Augen, denn es gibt ja genug Leute, denen z.B. die Zustände im Lager für P.R. gar nicht schlecht genug sein können. Für andere ist die Behandlung und die Unterbringung selbst für Schwerverbrecher eher ungenügend und als Strafe für derartige "Verbrechen" damit dann erst recht überzogen.

Aber wenn man da von "Viktimisierung" sprechen möchte.... bittesehr. Ich finde das zynisch.
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Re: Bescheidenheit in den Beziehungen DE_RU

Beitrag von Dietrich »

pippie hat geschrieben:Kennst du das Buch " From Dictatorship to Democracie" von Gene Sharp? Organisationen wie Otpor! veranstalten Workshops, wie man Staaten, die man für sich als "Diktaturen" definiert hat, "friedlich" zersetzt. http://de.wikipedia.org/wiki/Otpor!
Das alles passiert natürlich nur, weil die Mehrheit der Bevölkerung des "erwählten" Landes die eigene Regierung nicht mehr will...
Und weil da jemand ein Buch geschrieben hat und eine serbische Organisation gibt, die seltsame workshops veranstalten, deshalb ist die ganze Kritik an Russland von obskuren Mächten gesteuert?

Es gibt da auch ein Buch, indem sich ein Mädchen die Welt so macht, widdewidde wie sie ihr gefällt. Reicht das als "Beweis", oder fehlt da noch eine Gesellschaft mit obskuren workshops?

Um differenzierte Kritik an Dingen die in Russland passieren zu widerlegen, da braucht es schon mehr als eine derartige pauschale Konstruktion einer Verschwörungstheorie.

Leider habe ich das Buch von Gene Sharp nicht gelesen. Du? Was hälst du davon? Hälst du es für wichtig? Für gut? Stimmst du den dort gemachten Aussagen zu?
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