Re: Deutsche aus Russland
Verfasst: 10 Okt 2013, 14:18
Den Eindruck hatte ich auch, als ich die Beiträge gelesen habe. Ich selbst bin in Deutschland geboren, meine Mutter mit 14 Jahren Anfang der 60er als Oberschlesierin nach DEU gekommen, sie konnte kein Deutsch und musste es hier lernen.Jochen hat geschrieben:Ich glaube eher, Blue88 hat aufgrund ihrer Herkunft starke Minderwertigkeitskomplexe und möchte nun in DE allen zeigen, was für eine mustergültige Deutsche sie jetzt sei.
Leider führte das wohl zu Komplexen, und einer Haltung "bloß nicht auffallen" und vermittelte mir das Gefühl "weniger wert zu sein" bzw. etwas verheimlichen zu müssen.
Und das obwohl sich ehrlich gesagt niemand dafür interessierte, woher man kam ...
Ich persönlich finde es schade, dass sie mir nie Polnisch beigebracht hat ... auch für meine Oma war klar, dass man die Vergangenheit lieber schnellstmöglich abschließen und verbergen sollte.
Diese vorauseilende Deutschtümelei, immer als "guter Deutscher" dastehen zu wollen, offenbarte sich damals zumindest auch in besonders harten politischen Meinungen gegenüber Ausländern, pro Todesstrafe u.ä.
Ich finde es jedenfalls schade, wenn man alles nur schwarz/weiß betrachtet, und plötzlich nur noch 100% Deutscher sein will ... man verliert - gerade auch mit der (russischen) Sprache - nicht nur Erinnerungen, sondern quasi auch seine eigene Kindheit, man gibt einen Teil seiner eigenen Identität auf und verleugnet letztendlich einen Teil von sich selbst - das kann nicht gesund sein.
Man kann doch jetzt als Deutscher leben und trotzdem noch die alte Sprache, Kultur und Bräuche seiner Kindheit pflegen? Ob man in jungen Jahren seine Blini nun mit deutschem oder russischem Pass gegessen hat, dürfte gerade auch für Kinder völlig schnuppe sein. Und gesunden Deutschen macht das mit Sicherheit gar nichts aus, im Gegenteil werden sie es als Bereicherung erfahren. Warum sonst bietet zB Helene Fischer in DEU immer wieder russische Lieder aus ihrer alten Heimat dar, obwohl sie schon mit 5 Jahren auswanderte?
Ich finde es verständlich und wahrscheinlich auch unausweichlich, wenn man sich erst einmal "leer" macht, um so viel Deutsches einzusaugen, damit man sich bald heimisch fühlen kann in seiner neuen Heimat.
Wlada Kolosowa: Russland to go hat geschrieben: Als ich nach Deutschland kam, tat ich alles, um zu vergessen, wo ich herkomme. Mit zwölf macht es keinen Spaß, anders zu sein. Ich hätte die rechte Hand für einen Nachnamen gegeben, den ich nicht bei jeder Gelegenheit fünfmal buchstabieren muss, und die linke für irgendeine deutsche Stadt als Geburtsort, egal welche, von mir aus auch Bottrop.
Auch später versuchte ich zu vertuschen, dass ich meine ersten Jahre in einem anderen Land verbracht habe. Ich las dreimal "Generation Golf", weil ich glaubte, dass ich so etwas über die deutsche Kindheit lernen könnte. Ich schrieb Karteikarten, damit ich mitreden kann. "Capri-Sonne", stand drauf, "Mini-Playback-Show", "Wicki und die starken Männer". Ich habe sogar einmal in meinem Leben "Wetten, dass…?" angeschaut und mir Stichpunkte gemacht.
Erst heute ist das Anderssein zu einem Wert geworden. Was früher Stigma war, ist heute Alleinstellungsmerkmal.
Aber keinesfalls sollte man seine Herkunft/Kindheit verleugnen oder auch Sprache, Wurzeln ablegen.
Auch wenn die mehrmonatige Reise von Wlada Kolosowa vielleicht auch journalistisch motiviert war, kann man nachvollziehen, wie wertvoll es ist, sich selbst zu erfahren, warum man ist wer man ist ...
Irgendwann kann man das sogar positiv einbeziehen in sein Leben, seine Identität … Ich persönlich finde es jedenfalls bereichernd, wenn man Kulturen anderer Länder in seine Identität holen kann und so hoffe ich darauf noch viele russische Monate einsaugen zu können, so wie ich es vor Jahren mit Italien gemacht habe … ich glaube dabei nicht, ein schlechterer Deutscher zu sein, im Gegenteil .. auch wenn vielleicht nur 74,5% von mir deutsch sind, 12,3% polnisch, 11,6% russisch, 7,6% italienisch …
Sprachen zu beherrschen, Kulturen und Menschen international zu kennen ist eine Bereicherung .. sie zu vergessen oder gar zu verleugen eine Verarmung.