Naila hat geschrieben:Die ersten Jahre in Deutschland hat mich das massiv gestört, daß mir alle die Hand schütteln wollten. ...vor einem kräftigen Händedruck hatte ich Panik: ich habe sehr zierlich Finger, aber der Mann, der mir die Hand drückte, entschied letztendlich, ob es mir weh tun durfte oder nicht. Aber das war natürlich nicht entscheidend, warum das mich so störte:
Das ist ja wirklich dramatisch! Bist Du schon mal auf die Idee gekommen, drüber nachzudenken, dass die Grußformeln jeder Kultur deshalb praktiziert werden, weil sie allgemein als anerkannt gelten?
1. Als russischsozialisierte Frau empfindet man das als Zwang.
2. Man fühlt sich auf eine Stufe (im negativen Sinne) mit einem Mann gestellt, quasi wie ein Kumpel. Russische Frauen wollen oft keine Kumpels für einen Mann sein. Sogar in studentischen Kreisen. Man möchte unerreichbar bleiben und einfach sein Geheimnis bewahren. Mit einem Händedruck wird man "erreichbar" gemacht und zwar sofort.
Moment. Ich habe bisher von Dir gelesen, dass Du so eine oberintegrierte Deutsche bist.
Was Ihr noch vergessen habt:
1. Russische Frauen machen sich gegenseitig gern aufrichtig gemeinte Komplimente.
Da wäre ich gern mal dabei.
2. Die Russen duzen sich nie sofort, sogar als sehr junge Erwachsene oder manchmal sogar Teenies, die Phase des Siezens dauert je nach Umständen, unterschiedlich lang. Bei älteren gut befreundetet Menschen hört sie manchmal nie auf. Es ist sehr unhöflich, wenn ein Mann beim Kennenlernen eine Frau sofort duzt. Es gibt es sehr selten, aber manchmal schon noch, besonders in der tiefsten Provinz: die Kinder siezen ihre Eltern. Die Schüler oder Studenten duzen niemals ihre Lehrer!
Wie vornehm. Wie lebt es sich eigentlich, wenn man einen Stock verschluckt hat?
3. Lautes Furzen wird unter Familienmitgliedern viel weniger locker genommen als in Deutschland.
Russland ist für seine drakonische Intoleranz bekannt.
Hier hat es jedoch mal so etwas wie die Aufklärung gegeben durch die auch die natürlichen Gegebenheiten und Notdürfte sozial anerkannt wurden.
Gleichwohl würde hier kaum ein halbwegs kultivierter Mensch das Wort "Furzen" verwenden - wenn nicht gerade in tiefster Bierseeligkeit.
4. Alles, was mit der Physiologie zu tun hat wird in Rußland bei normal erzogenen Leuten eher kaschiert. Man sagt auch nie laut: "Ich muß aufs Klo", wenn man in einer Gesellschaft ist. Man sagt lieber :"Ich muß jetzt eine gewisse Anstalt aufsuchen".
Dafür verwendet man hier den Begriff "verklemmt". (siehe auch meine Antwort auf Deinen Punkte 3.)
Ferner muss ich dabei sofort an den Vergleich von Toiletten in Zügen und Bahnhöfen hierzulande und in Russland denken,

sowie an die Ausstattung der Badezimmer
durchschnittlicher! Wohnungen hier und dort.
Stell Dir mal vor: Hier ist es sogar eine soziale Mindestanforderung, dass Männer und Frauen gemeinsam über die optimale/mögliche Einrichtung hygienisch besonders anspruchsvoller Bereiche entscheiden.
Und es gilt als außerordentlich höflich, wenn selbst (oder gerade) allein wohnende Männer an den entsprechenden "Örtchen" gewisse Hygieneartikel vorrätig halten, an denen bei Besuch von Damen evtl. Bedarf bestehen könnte - ganz gleich ob die gute Freundin, die Mutter, Schwester oder Geliebte diese nutzen oder dies auch nicht tun würden.
Kurzum: Ich muss mich im Namen meiner Landsleute bei Dir entschuldigen, dass Du hier eher wie eine Deutsche und weniger als Russin behandelt wirst.
Du wirst jedoch wohl kaum erwarten, dass man hier das kulturelle Niveau auf das von Russland zurückschraubt.