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Re: 2 Tote und in Deutschland ist nichts zu lesen !?

Verfasst: 25 Nov 2009, 17:02
von Dietrich
Axel Henrich hat geschrieben:Sie koennten allerdings auch die aus dem Schadensbild ermittelte Aufprallgeschwindiglkeit, den "Kontaktort" und den Endstand des Fahrzeuges fuer die Berechnung verwendet haben. Aber dafuer sind die Russen bestimmt zu primitiv ...
Wie kann ich aus Aufprallgeschwindigkeit, Kontaktort und Endstand des Fahrzeuges den Punkt ermitteln, an dem er mit dem Bremsen hätte anfangen können?
Dazu brauche ich den genauen Ablauf, Sichtverhältnisse und Geschwindigkeit. Ausserdem noch eine Aussage über die Reaktionsfähigkeit (betrunken?) des Fahrers.
Beispiele:
1) Ich fahre mit 110 km/h auf einen Fussgängerüberweg zu, auf der von weitem sichtbar 2 Leute rüberlaufen. Ich kann bequem bremsen und vor dem Überweg anhalten. Tue ich es nicht:
Aufprallgeschwindigkeit: 110, Kontakt auf dem Zebrastreifen, Endstand irgendwo dahinter.

2) Ich fahre mit 100 km/h hinter jemandem her der auf einen Überweg zufährt. Vor diesem Auto (für mich unsichtbar, weil der höher ist als ich und dunkle Scheiben hat) gehen 2 Leute über die Strasse. Da diese aber bereits über dessen Spur drüber sind, nimmt der keinerlei Geschwindgkeit weg (ist in Moskau so üblich). Kurz vor dem Überweg beschleunige ich etwas und ziehe auf die linke Spur um ihn zu überholen. V= 110 km/h. Da sehe ich plötzlich 5m vor mir die beiden über die Spur auf der ich gerade fahre..... Als ich reagieren kann (60/10*3 = 18m) ist es bereits zu spät.
Aufprallgeschwindigkeit: 110, Kontakt auf dem Zebrastreifen, Endstand irgendwo dahinter.

Wie kann ich aus diesen 3 Werten jetzt sehen, ob ich 2m vor denen hätte zum Stehen kommen können?

Re: 2 Tote und in Deutschland ist nichts zu lesen !?

Verfasst: 26 Nov 2009, 00:21
von Axel Henrich
Dietrich hat geschrieben:Wie kann ich aus Aufprallgeschwindigkeit, Kontaktort und Endstand des Fahrzeuges den Punkt ermitteln, an dem er mit dem Bremsen hätte anfangen können?
Berechtigte Frage, die sich in dem Zusammenhang aber auch schon bei der ermittelten Geschwindigkeit stellt...
Evtl. Zeugenaussagen der eigenen gefahrenen Geschwindigkeit beim ersten Blickkontakt + Strecke - soviel gibt der Zeitungsbericht leider nicht preis.
Dass die Russen es koennen steht fuer mich ausser Frage. Woran machst du deine Zweifel an den Unfallspezialisten fest?
Vlt. hat der Journalist zwei Werte ins Verhaeltniss gesetzt, die fuer sich zwar exakt und nachweisbar sind, die ein Spezialist aber in dem Zusammenhang so nicht mittragen wuerde.
Dietrich hat geschrieben:2) Ich fahre mit 100 km/h hinter jemandem her der auf einen Überweg zufährt. Vor diesem Auto (für mich unsichtbar, weil der höher ist als ich und dunkle Scheiben hat) gehen 2 Leute über die Strasse. Da diese aber bereits über dessen Spur drüber sind, nimmt der keinerlei Geschwindgkeit weg (ist in Moskau so üblich). Kurz vor dem Überweg beschleunige ich etwas und ziehe auf die linke Spur um ihn zu überholen.
Die Zwei kamen von links, dein Beispiel ist so also nicht moeglich, selbst wenn er den Wagen mit den dunklen Scheiben rechts ueberholen wollte, ist bei den Geschwindigkeitsunterschieden ein "ploetzlich und unerwartet" nicht drinn. Dein Wagen legt 28m/s zurueck, die Jungen 1,5m ...
Um allein die entgegengesetzten Fahrspuren zu ueberqueren, brauchen Sie ca. 10s (eher etwas mehr), beim ersten Blickkontakt waerst du also rund 300m vom Ueberweg entfernt...

-ah-

Re: 2 Tote und in Deutschland ist nichts zu lesen !?

Verfasst: 26 Nov 2009, 01:31
von Nikolaus
Axel Henrich hat geschrieben:Selbst wenn Kolonnenverkehr, kann ich doch nicht aus Angst vor drohenden Auffahrunfaellen zwei Leute ueber den Haufen fahren ...
Ausserdem moechte ich den Richter sehen/hoeren, wenn man ihm sagt:"allerdings hält grundsätzlich niemand an diesen Streifen an" ... und so kam es zu dem Unfall.
Auch die Aussage:"In jener Nacht standen plötzlich und überraschend die beiden Studenten vor mir auf dem Zebrastreifen" duerfte bei der Breite des Prospektes an der Stelle, bei einer Geh-Geschwindigkeit von knapp 5km/h, Laufrichtung von links nach rechts und die Aussage:"Ребята уже почти перешли дорогу, до тротуара оставалось несколько метров" kaum zu vermitteln sein.
-ah-
ja, da kann man kaum etwas hinzufuegen... Ausser vielleicht: Genauso urteilt das OLG im link vom zimdriver auch.


Uebrigens: Das russische Aussenministerium ist ja offenbar gewillt, die Sache wie angekuendigt weiter zu verfolgen.
http://www.vesti.ru/doc.html?id=327563

Re: 2 Tote und in Deutschland ist nichts zu lesen !?

Verfasst: 26 Nov 2009, 11:17
von Dietrich
Axel Henrich hat geschrieben:Die Zwei kamen von links, dein Beispiel ist so also nicht moeglich, selbst wenn er den Wagen mit den dunklen Scheiben rechts ueberholen wollte, ist bei den Geschwindigkeitsunterschieden ein "ploetzlich und unerwartet" nicht drinn. Dein Wagen legt 28m/s zurueck, die Jungen 1,5m ...
Um allein die entgegengesetzten Fahrspuren zu ueberqueren, brauchen Sie ca. 10s (eher etwas mehr), beim ersten Blickkontakt waerst du also rund 300m vom Ueberweg entfernt...
Ich habe ja auch nicht behauptet, dass dieser Unfall so abgelaufen ist. Ich finde nur diese Aussage "wäre 2m vor den Studenten zu stehen gekommen" etwas mehr als gewagt, gerade weil er, wie du schriebst pro Sekunde fast 30m zurücklegt. Da muss man für eine Genauigkeit von 2m also den möglichen Bremsbeginn der Fahrers auf 2/30 Sekunden, also weniger als 1/10 Sekunde genau festmachen können. DAS können russische Experten? Waoh! Respekt!

Immerhin ist der Fall ja jetzt schon auf höchster Ebend angekommen. Vielleicht hat es dann ja wenigstens irgendeinen Einfluss auf das Problem der "Rennfahrer mit Diplomatenpass". Sowohl auf der einen, wie auf der anderen Seite.

Re: 2 Tote und in Deutschland ist nichts zu lesen !?

Verfasst: 26 Nov 2009, 13:36
von Axel Henrich
Dietrich hat geschrieben:Ich finde nur diese Aussage "wäre 2m vor den Studenten zu stehen gekommen" etwas mehr als gewagt, gerade weil er, wie du schriebst pro Sekunde fast 30m zurücklegt. Da muss man für eine Genauigkeit von 2m also den möglichen Bremsbeginn der Fahrers auf 2/30 Sekunden, also weniger als 1/10 Sekunde genau festmachen können.
Geniales Beispiel ... ;) - хочу повторять:
Vlt. hat der Journalist (nun auch der Dietrich) zwei Werte ins Verhaeltniss gesetzt, die fuer sich zwar exakt und nachweisbar sind, die ein Spezialist aber in dem Zusammenhang so nicht mittragen wuerde.
Was in der Expertise steht wissen wir nicht, wie es zu dem Wert kommt wissen wir nicht. Wenn jeder jetzt seine Ihm genehmen Werte rausnimmt und damit Spekuliert, potenzieren sich die Fehler natuerlich bis in die Fabelwelt.
Im Umkehrschluss daraus nun den Unfallspezies Unvermoegen vorzuwerfen ist schon recht verwegen. Der arme Kerl klopft sich vermutlich ueber uns "Zeitungsleser" schon laenger vergnuegt auf die Schenkel ... ;)
Moderne Fahrzeuge stehen alle so um die 45m, der Cayenne mit seiner "Vorbefuellungstechnik" vermutlich nochmal 5m eher. Fahrzeugzustand (Gewicht, Reifenzustand etc.), Wetterdaten, Zeugenaussagen auswerten, den Anhalteweg berechnen, duerfte die Leute vom Fach kaum vor unloesbare Probleme stellen.

-ah-

Re: 2 Tote und in Deutschland ist nichts zu lesen !?

Verfasst: 26 Nov 2009, 13:59
von Paulchen
Hallo Leute,
also aus der Unfalltechnischensachverständigendiskussion halt ich mich raus..davon verstehe ich zu wenig... :shock:

Ich kann übrigens auch zu schlecht Russisch, um die russische Presse und die obigen Zitate zu dem Fall zu verstehe. Deswegen habe ich mich auch nur auf rein hypothetische Annahmen und nicht auf den konkreten Sachverhalt gestützt, einfach um etwas Hitze aus der Diskussion um den "Killer-Porsche" zu nehmen. Ich denke, dass eine Beruhigung der Gemüter grundsätzlich sinnvoll ist und habe nicht damit gerechnet, dafür "Juristenschelte" zu beziehen...naja, allen kann mans wohl nie rechtmachen :roll:

Immerhin ist die Diskussion jetzt aber weg von den pauschalen und schnell erhobenen "Abendlandsuntergangsrufen" und hin zu konkreten Detailfragen. Das finde ich gut :)

Re: 2 Tote und in Deutschland ist nichts zu lesen !?

Verfasst: 26 Nov 2009, 14:27
von Aniki
Paulchen hat geschrieben:
Immerhin ist die Diskussion jetzt aber weg von den pauschalen und schnell erhobenen "Abendlandsuntergangsrufen" und hin zu konkreten Detailfragen. Das finde ich gut :)
Paulchen, da bin ich genau umgekehrter Meinung. Nachdem wir die Details und möglichen Hergänge nun ad nauseam diskutiert haben, könnte wir uns ruhig mal daran machen, das Urteil gegen den Lehrer vom gesellschaftlichen Standpunkt aus zu diskutieren und festzustellen, ob es sich um ein extremes Einzelurteil der Mindener Richter oder aber um ein weiteres Beispiel einer sich abzeichnenden juristischen und damit gesellschaftlichen Tendenz handelt.

Der Strafrechtsprofessor, den ich in meinem letzten Beitrag anführte, hat ja eindeutig das aus seiner Extertensicht bestätigt, was wir sicher alle intuitiv feststellen, dass nämlich Menschenleben bei Verkehrsdelikten (und nicht nur da) in Deutschland oft einen geringen Stellenwert einnehmen. Zur Erinnerung: Er sprach von einer "Tendenz zum Kavaliersdelikt" in der deutschen Rechtsprechung bei Verkehrstötungen.

Ich bin nun der Meinung, dass diese immer geringere Wertschätzung von körperlicher Unversehrtheit und menschlichem Leben im krassen Gegensatz steht zu einer immer höhreren Schätzung von Sachwerten. Populistisch gesagt: Hätte der Lehrer unter gleichen Umständen in Deutschland eine Ampelanlage umgefahren, hätte er wahrscheinlich annährend das gleiche Urteil bekommen...

Das halte ich für diskutierenswert.

Re: 2 Tote und in Deutschland ist nichts zu lesen !?

Verfasst: 26 Nov 2009, 15:13
von Paulchen
Hallo Aniki,
ja, es ist natürlich richtig, auch darüber zu diskutieren. Da gebe ich Dir vollkommen recht.
Ich habe mich in den letzten Jahren übrigens auch schon häufig über die deutsche Strafrechtssprechung im Hinblick auf verhängte Strafmaße geärgert. Ich bin auch der Meinung, dass vieles zu lax bestraft wird...gerade zB auch im Jugendstrafrecht. Und da fordere ich nicht mehr Knast oder Heim sondern harte Strafen mit Erzieherischem Wert. Die Amerikaner, deren Rechtssystem ich eigentlich nicht sehr schätze, machen uns da einiges vor, was nachahmenswert wäre. Peinliche oder für jugendliche "uncoole" Aktionen bewirken bestimmt mehr als ins Heim stecken.

Nur diese ganze Diskussion hat bei fahrlässigen Straftaten n.E. nicht so viel zu suchen, denn dort hat der Täter die Tat ja gerade nicht gewollt (billigend in Kauf genommen), sie ist ihm vielmehr "nur" mehr oder weniger vorwerfbar passiert.
Fahrlässigkeit ist leider eine menschliche Eigenschaft die bereits in Kindesjahren auftritt (ich denke daran, wie mein Sohn z.B. einen Joghurt aufmacht...) und nichts mit gesellschaftlicher Einstellung oder Entwicklung zu tun hat, denn sie ist ja nicht unmittelbar im Moment der Begehung willensgesteuert. Klar kann man sagen, dass eine schärfere Bestrafung die Leute sorgfältiger und vorsichtiger werden ließe, aber ich meine, das ist kein so dringliches gesellschaftliches Thema. Die rückläufige Unfallstatistik in Deutschland belegt jedenfalls, dass die Leute ohnehin immer vorsichtiger werden und immer bessere Sicherungssysteme ausklügeln.

Außerdem bezweifele ich, dass mein Sohne weniger schwungvoll und genüsslich seinen Joghurt öffnen würde, wenn ihm fürs Kleckern schärfere Strafen erwarten würden. Unbewusste Momente sind einfach viel schwerer steuerbar...oder vielleicht doch nicht?

Re: 2 Tote und in Deutschland ist nichts zu lesen !?

Verfasst: 29 Nov 2009, 12:44
von Aniki
Deutsche Behörden im Jahre 2009... da kann man nur noch schreiend davonlaufen.
http://www.giessener-anzeiger.de/lokale ... 940167.htm

Re: 2 Tote und in Deutschland ist nichts zu lesen !?

Verfasst: 29 Nov 2009, 15:32
von bella_b33
Da kann man nur noch mit dem Kopf schütteln! Nichts gegen Deutschland, aber das ist echt "kindisch". Da soll man das Auto stehen lassen......und warum? damit man dann aufm Fahrrad einen reingewürgt bekommt. Heisst also in Zukunft mit dem Fahrrad: Durchbrettern und bloß nicht anhalten lassen, wenn man mehr als 1 Bier getrunken hat :lol: