harald63 hat geschrieben:Man kann aber keine Abstimmung machen und einfach verlangen/erwarten, dass der Rest das Ergebnis gefälligst zu akzeptieren hat. Bei S21 hat nur BaWü abgestimmt, es war aber vorher ausgehandelt, dass das Ergebnis akzeptiert werden würde.
Bei der Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Schottlands stimmen auch nur die Schotten ab, ob sie sie wollen. Die Abstimmung ist aber "nur" einer der letzten Schritte eines langen politischen Prozesses, der mit dem Mutterland verfolgt wurde. London stimmt nicht mit ab, hat aber zugesagt, dass Ergebnis der Abstimmung zu akzeptieren.
Auch die deutsche Wiedervereinigung, so relativ schnell sie über die Bühne ging, war Ergebnis eines politischen Prozesses mit vielen Beteiligten.
Eine Volksabstimmung ist juristisch nicht mehr oder weniger wert durch einen Prozess im Vorfeld mit mehreren Beteiligten. Es kommt nur auf den Akt der Abstimmung an, denn wie lange soll ein Abstimmungsprozess vorher dauern? Wie viele beteiligte Parteien soll es vorher geben? Was ist, wenn andere Parteien sich dem Votum nicht anschließen? Kurz und gut: Die Volksabstimmung im Kosovo ist juristisch genauso zu werten wie die auf der Krim. Wie sagte es so schön Gregor Gysi: Ein Diebstahl aus edlen Motiven wird vom Richter genauso behandelt wie ein gemeiner Diebstahl.
Serben und Albaner waren sich nicht einig über eine Volksabstimmung im Kosovo, dennoch wurde sie durchgeführt in Anwesenheit von NATO-Soldaten auf Veranlassung der NATO.
Russen und Ukrainer waren sich nicht einig über eine Volksabstimmung auf der Krim, dennoch wurde sie durchgeführt in Anwesenheit von russischen Soldaten auf Veranlassung Russlands.
harald63 hat geschrieben:Bei der Zerschlagung der Ukraine durch die Russen sehe ich nicht, dass es vorher irgendwelche politischen Versuche gab, dass ganze auf vernünftige Art zu regeln. Man hat das Land systematisch destabilisiert und hat dann gut vorbereitet mal eben schnell sich Teile eines anderen Staates einverleibt.
Wer ist "Man" in puncto Destabilisierung? Doch wohl kaum die Russen! Die Ukraine befindet sich seit 2004 in einem politischen Dauerchaos. Sie ist mit dem derzeitigen zentralistischen Staatsaufbau ein failed state, zudem gibt es keine Führungspersönlichkeit in der Ukraine, die sowohl von der Westhälfte wie auch von der Osthälfte akzeptiert werden würde. Insoweit macht die Teilung des Landes durchaus Sinn bzw. ein Aufbau des Staatses mit zwei starken Entitäten und einer schwachen Zentralregierung (Modell Bosnien-Herzegowina oder Modell Annan-Friedensplan für die Zukunft Zyperns)
harald63 hat geschrieben:Russland hat aus gutem Grund bisher international eine Politik gefahren, die sich auf Nichteinmischung beruft. Jetzt hat man sich nicht nur eingemischt, sondern sogar die unverletzlichkeit territorialer Integrität gebrochen - gegen selbst gegebene Zusagen.
Das war doch auch zu erwarten, denn wenn das tibetanische Gebetsmühlen-Mantra seitens Russlands der territorialen Unversehrtheit vom Westen andauernd negiert wird (Libyen, Kosovo, Irak, Afghanistan), dann ist es naheliegend, dass sich auch Russland dieses Verhaltensmuster zu eigen macht.
"Eines der zentralen Probleme heutzutage ist, dass die Politik so eine Schande ist. Gute Menschen gehen nicht in die Politik." (Donald Trump)