ein Mann zum verlieben hat geschrieben:manuchka hat geschrieben: Kannst ja mal vorbeikommen, dann zeig ich dir die russische Alltagswirklichkeit.
Oh ja. Hab ich ganz vergessen. In den deutschen Medien heisst es "täglicher Überlebenskampf". Aber ich bin mir ganz sicher: Du schaffst es!

Danke. Willst du eine kurze Aufzählung der Ereignisse der letzten Woche?
- Mittwoch, 6.9.: Unfall in Moskau bei der Fahrt zur Arbeit - ein Gazell-Fahrer drückt sich auf der Mittellinie zwischen unserer und der Gegenfahrbahn durch, reißt uns dabei den Außenspiegel ab und rammt den Kotflügel. Versucht abzuhauen, klappt nicht. Diskussion "Ich kann das nicht gewesen sein, und wenn ihr die Polizei ruft, dann sag ich, ich bin ordentlich gefahren und ihr habt mich rechts überholt." Das soll er erst mal beweisen. Gibt schließlich doch nach.
- Freitag, 8.9.: Wir kommen nach der Arbeit abends heim in unser Städtchen - kein Wasser da. Nicht nur kein heißes, gar keins, ohne Vorwarnung, ohne Erklärung. Wieder los mit Kanistern zum Wasserpumpen, und das gegen 22 Uhr.
- Montag, 11.9. (gestern): Wir kommen nach der Arbeit gegen 21 Uhr nach Hause - in der Nachbarschaft ist alles dunkel, stockfinster - richtig vermutet, kein Strom da. Auch ohne Vorwarnung, ohne Erklärung. Wir kramen Kerzen und Kerosinlampen raus, Romantik pur.
Du siehst, ich schaffe es in der Tat. Ich fahre zur "chas pik" Metro, ich überquere Straßen, ich esse manchmal Wurst, ich war im Eisenbahnerklinikum - und ich habe (bisher) tatsächlich überlebt.
Aber was ist denn mit den Alten, die nicht zum Brunnen gehen und Kanister schleppen können? Die von ihren paar Rubeln Rente kaum die Kommunalabgaben bezahlen können? Die stundenlang in irgendwelchen Polikliniken Schlange stehen, um dann von mies bezahlten und schlecht qualifizierten Ärzten (denn die guten gehen in "Bezahlkliniken" arbeiten) 08-15-Rezepte für billige Medizin ausgestellt zu kriegen? Die überleben vielleicht auch irgendwie - aber ist das denn ein Leben, ein würdiges? Oder ist das nur Existenz, irgendwo am Rande der Gesellschaft?
Klar gibt es die neue High Society, solche wie dich und deine Freundin wahrscheinlich mit Haufen Kohle und so, Urlaub in Thailand, auf den Malediven oder in der Schweiz, dicke "Inomarka" in der Garage, kottedsh und taunhaus hinter dicken hohen Mauern - die russische "Elite", die die Sahne abschöpft und auf die "westliche Propaganda" schimpft, während die Mehrheit der Russen, insbesondere die, die nicht in Moskau lebt, irgendwie um die Runden zu kommen versucht und es satt hat, dass ihnen in den Nachrichten die immer gleichen sozialistischen Märchen von den ach so tollen Errungenschaften aufgetischt werden: Renten werden wieder erhöht (und erreichen nun bald das Existenzminimum, wenn die Inflation nicht wieder alles auffrisst), erziehende Mütter kriegen Erziehungsgeld bis zu 60% des bisherigen Gehalts (beachte das Kleingedruckte: aber maximal 6.000 Rubel - das lohnt sich doch glatt, zu Hause zu bleiben... und das soll ein Anreiz zur Erhöhung der Geburtenrate sein???), die Dienstzeit in der Armee wird verkürzt (aber gegen "dedovshina" wird doch nix getan)... und in den gleichen Nachrichten ist die Rede davon, dass in der Hauptstadt eine Hauptverkehrsstraße 15 Meter absackt, dass Häuser in Havariezustand sind und da drin Leute wohnen, dass in einer karalischen Kleinstadt die Bewohner zur Selbstjustiz greifen, weil die Staatsmacht Schmiergeld kassiert und nichts unternimmt, dass Schachtarbeiter ums Leben kommen, weil die Sicherheitsvorkehrungen katastrophal sind (und nicht nur in Schächten von englischen Firmen), dass Flugzeuge abstürzen, weil alte und gefälschte Ersatzteile eingebaut werden, dass Kinder jahrelang auf lebensnotwendige Operationen warten, weil dafür kein Geld da ist, dass wieder ein Betrunkener soundsoviele Leute totgefahren hat - oder ist das, was in den nationalen Nachrichten auf diversen staatlich kontrollierten russischen Kanälen gezeigt wird, auch westliche Propaganda?
Denk du ruhig weiter, alles glänzt, alles ist prima, Hauptsache, Russland macht dem Westen Druck und poliert seinen Ruf nach außen auf, und wie es dem Großteil der Bevölkerung geht, ist doch egal. Einbildung ist auch eine Bildung. Und es gibt inzwischen genug "Westler", die sich selber ein Bild von Russland machen können, weil sie hier leben, und zwar nicht in irgendwelchen abgeschirmten Nobelvierteln auf der Rublevskoe chaussee oder so. Meine Einladung steht - komm doch mal gucken in unser Städtchen in der Nähe von Moskau, dann reden wir weiter.
PS: Kann einer der Moderatoren das Thema mal da abschneiden, wo es nicht mehr um Schuhekauf geht, und es in die "Warum wir hier leben"-Rubrik verschieben?