Re: Umfragetief für den Premier: Putins Stern sinkt
Verfasst: 18 Nov 2011, 21:50
1. Zwar sind "westeuropäische Augen" sicherlich keine Beleidigung, aber tragen in deinem Kontext schon eine Wertung in sich. Das sind deiner Ansicht scheinbar (ich vermute nur) die, die sich erlauben an Russland herumzukritisieren, ohne einen russischen Pass in der Tasche zu haben.pippie hat geschrieben:Es lag und liegt mir fern, dir irgendetwas vorzuschreiben sondern es war eher ein Ratschlag, auch wenn er etwas genervt rüberkam.
Mich wundert eben immer wieder, dass ausgerechnet die, die einen russischen Ehepartner haben, auch diejenigen sind, die am meisten mit "westeuropäischen Augen" auf Russland schauen. Ich hätte es anders erwartet.
Aber wahrscheinlich ist es wie mit dem dick sein. Die ehemalig Dicken sind am intollerantesten gegenüber den gegenwärtig Dicken. Schade...
2. Merkwürdig, dass Forumsmitglied Andrei scheinbar auch mit "westeuropäischen Augen" auf Russland schaut, denn er spricht mir oft wie aus der Seele mit seinen Beiträgen. Aber er darf das auch, er ist ja Russe, er lebt auch noch in Russland.
3. Merkwürdig, dass mein Mann, ein Russe, Russland und alles, was in ihm vorgeht, ebenfalls recht kritisch betrachtet - aber auch mit großem Schmerz, denn es ist ja sein Land, seine Heimat. Auch unter seinen russischen Freunden und in seiner Familie (die auch noch in Russland leben) sind eine ganze Menge der Meinung, dass sich unter Putin vieles verändert hat, aber eben längst nicht alles positiv und einiges sogar explizit negativ. Es wird wohl was Wahres dran sein, wenn Russen an ihrem eigenen Land und den dortigen Zuständen was auszusetzen haben. Es ist gut möglich, und das merkt man auch in den Gesprächen, dass sie selbst auch ratlos sind und nicht so recht wissen, wie und wo man Veränderungen anfangen sollte und was die Alternativen zur gegenwärtigen (politischen und allgemeinen) Entwicklung sind. Es ist aber auf jeden Fall ihr gutes Recht, dass sie Dinge und Entscheidungen und Geschehnisse und Zustände diskutieren und auch einfach Scheiße finden dürfen, ohne gleich eine Handlungsalternative und einen Ausweg und DIE Lösung parat zu haben.
4. Natürlich sprechen wir zu Hause auch über sowas und nicht nur über den Wochenendeinkauf. Viele Dinge, die ich als Westeuropäer "von außen" anders sehen würde oder die ich genau so sehe wie mein russischer Familienteil (und das ist ja nicht nur mein Mann), ohne dass ich genau die Historie oder gewisse Zusammenhänge kenne bzw. verstehe, werden durch solche Diskussionen (und das neugewonnene Hintergrundwissen) auf einmal klarer. Und da erlaube ich mir einfach mal zu fragen: Kann es womöglich sein, dass "ausgerechnet die, die einen russischen Ehepartner haben", wie du so schön schreibst, auch diejenigen sind, die Russland realistischer sehen als andere, weil sie aus familiären Gründen viel tiefer mit Russland verbunden sind? Und mit "realistischer" meine ich weder "abwertend" mit den Anspruch vieler Außenstehender, dass Russland unbedingt den westeuropäischen Weg gehen muss (vielleicht meinst du das mit den "westeuropäischen" Augen), noch "beschönigend" mit dem falschen Patriotismus, den einige Russen, aber auch viele zugereiste Ausländer vertreten.
5. Den Vergleich "ehemals dick / gegenwärtig dick" im Bezug auf meinen russischen Ehepartner verstehe ich, ehrlich gesagt nicht. "Ehemals" kann sich ja nur auf meinen russischen Wohnsitz beziehen, denn verheiratet bin ich ja noch. Eine differenzierte Meinung zu Russland (die auf großer Sympathie beruht, aber sich trotzdem der Realität nicht verschließt) hatte ich aufgrund eigener Russlanderfahrung bereits vor meiner Ehe und vor meinem (dauerhaften) Umzug nach Russland, ebenso während meiner Ehe in Russland und habe ich nun auch immer noch während meiner Ehe, aber wieder außerhalb Russlands.
6. Ich habe oft den Eindruck, dass du, pippie, Leuten, die Russland oder Putin oder irgendwas an Russland kritisieren, unbewusst Besserwissertum oder Arroganz unterstellst und deswegen auch immer wieder auf deiner rhetorischen Frage herumreitest: "Ja wer hätte es denn besser gemacht?"
Ich weiß keine Antwort auf diese Frage. Aber wie ich oben schon schrieb: Nur weil man keine bessere Lösung weiß, heißt das nicht, dass man deswegen schweigen muss und die Dinge, die verkehrt laufen, nicht aufzeigen darf. Ich weiß auch in meinem Leben, in meinen Beziehungen nicht immer für jedes Problem eine Lösung. Aber wenn es eins gibt, muss man doch drüber reden dürfen. Und das eben nicht, weil man sich insgeheim freut, dass was mies läuft und man endlich Grund zum Meckern hat, nicht weil man etwas oder jemanden etwas schlecht reden will. Sondern weil man dem Gegenüber (in Bezug auf Russland: dem Land und den Leuten) wohlgesonnen ist und Gutes wünscht. Mein Freund ist nicht derjenige, der immer nur freundlich ist und mir Komplimente macht, sondern derjenige, der die Augen nicht vor meinen Fehlern verschließt und auch mal den Mut hat mir zu sagen: "Manu, das war richtig Mist. Manu, hier hattest du Unrecht. Manu, komm, ich zeig dir mal, wie du das oder jenes besser machen kannst." Wenn ich dem Freund das übel nehme, bin ich ja selber blöd. Wenn meine anderen Freunde sich dann noch über diesen Freund beschweren: "Wie kann er nur sowas sagen! Der ist ja so gemein zu dir! Der will dir bestimmt nur seine Meinung aufdrücken." - dann tun sie mir auch keinen Gefallen. Nur wenn ich meine Unzulänglichkeiten kenne, kann ich an mir arbeiten und mich weiterentwickeln.
Und so empfinde ich es auch in Bezug auf Russland: Nur weil ich Russland mag, heißt das nicht, dass ich auch nur "Nettes" über Russland sagen darf. Nicht jeder, der Russland kritisiert, meint es schlecht. Und nicht jeder "Russlandfreund", der sich dann über den Kritiker hermacht und ihn quasi in der Luft zerreißt, tut Russland etwas Gutes damit. Das möchte ich mal zu bedenken geben.
PS: pippie, mit was für Augen schaust du denn auf Russland, wenn ich mal fragen darf? Mit ostasiatischen vielleicht?