Erstmal vielen Dank für den ausführlichen Bericht!
LeonS hat geschrieben:meine (vor allem was meine russlanddeutschen Eltern aus der Zeit der UdSSR erzählt haben) Erwartungen waren schlimmer. Die Städte waren meist recht sauber (was mich überrascht), die Züge waren immer auf den Punkt genau, man kann schon ein "normales" Leben dort führen, die russischen Importprodukte fand ich ok.
Das geht vielen so, dass das Horroland Russland eigentlich ein ganz normales Land ist, mit solchen und solchen Seiten. Freut mich, dass Du es auch so empfunden hast.
Was mich eher gestört hat war die Mentälität.
Das ist der Punkt, wo sich die Geister scheiden.
Die Begrüßungsmentalität in Deutschland kann man in Russland vergessen. Den ersten Kulturschock hatte ich schon am Flughafen, die Frauen am Schalter waren extrem unzufrieden, Polizisten genauso, Lächeln sucht man durch Moskaus Metros vergeblich.
Nicht ganz. Es ist nicht so, dass du die vergessen kannst, die ist nur anders. Wirkt für jemanden aus Deutschland schon krass, das stimmt.
Lächeln sucht man dort vergeblich, das stimmt. Aber warum sollen die Leute lächeln? Wenn sie nicht lächeln, heißt das nicht, dass sie schlecht gelaunt sind. Es ist nur nicht üblich. Erstens ist Lächeln kein Symbol für Freundlichkeit. Lächeln ist ein Zeichen persönlicher Sympathie, die Fremden gegenüber natürlich fehlt, da man sie nicht kennt. Deshalb wird auch in Geschäften nicht gelächelt, solange du kein Stammkunde bist. Andersherum gesagt: wenn jemand einen Russen anlächelt, wird er sich fragen, warum du das machst. Es muß ja einen Grund dafür geben. «Смех без причины – признак дурачины». Bei der Ausübung wichtiger Aufgaben ist es sogar verpönt zu lächeln. deshalb lächeln die Damen bei der Passkontrolle nicht.
Stattdessen wird viel auf Höfflichkeit gelegt, sagt man irgendetwas falsches kann man auch schnell aufs Maul bekommen, zumindest schneller als in Deutschland.
Dem möchte ich nur bedingt zustimmen. Schnell einen aufs Maul bekommt man, wenn man den anderen von oben herab behandelt. Das kann dann allerdings in der Tat schnell gehen.
Ich erwarte kein gefaktes Lächeln, aber zumindest Kulanz, und nicht ein polemisches "Че надо ?" (Was willst du ?, als ich Wasser in Moskau kaufen wollte) Das Verhältnis ist immer distanziert, egal ob Flugzeug, Bahn, Metro, immer Stillschweigen, schlecht gelaunte Minen.
Andere Länder, andere Umgangsformen. Das ist in der Tat gewöhnungsbedürftig, aber es eben anders als in Deutschland. Wertungen wie "polemisch", "schlecht gelaunte Mienen" usw. sollten dabei sehr vorsichtig verwendet werden. Was die einen als polemisch etc. empfinden, ist für die anderen normaler Umgangston.
habe meine Bestellung falsch vorgetragen und "Пломбир с виииишняями" vorgelesen, die Verkäuferin hat sich kaputtgelacht, daraufhin habe ich gleich gesagt, dass ich aus Deutschland komme, die Frau hat sich entschuldigt und sogar "Счастливо" gesagt.
Glaube ich sofort! Das finde ich einen sehr angenehmen Zug hier.
Nicht weit vom МГУ stand ich wartend an Lomonossow-Denkmal, daraufhin hat eine Frau zu mir gemeint, ich solle verschwinden, damit sie ein Foto vom Denkmal schießen kann. Ich dachte nur "WTF?". Solche oder so ähnliche Situationen habe ich in Russland andauernd erlebt.
Tja ja, die Russen sind da sehr direkt. Aber Du sagst ja selber, dass Du solche Situationen dauernd erlebt hast. Also legt das den Schluss nahe, dass es (fast) alle so machen. Also scheint es normal zu sein. Nur Ausländer empfinden das dann als schlimm.
Es gab in Russland eben nie die höfische Kultur, die aus Frankreich kam, und die die Etikette in Deutschland prägt. Diejenigen, die sie dennoch beherrschten, wurden vor einigen Jahrzehnten sehr stark dezimiert. Übrig geblieben ist die originäre russische Kultur, die dörflich geprägt ist.
Höfflichkeit erwarten, aber selbst "хамить", dort herrscht eine "мне все насрать" Subkultur.
In vielen ja, aber bei weitem nicht in allem. Die Prioritäten werden in Russland anders gestzt als in Deutschland, deshalb wirkt das oft so. Die Dinge, die hier wichtiger sind, werden von Deutschen oft gar nicht gesehen, erst recht nicht erkannt.
Desweiteren finde ich es merkwürdig, dass man Russlands Schulen oder Universitäten nicht betreten darf, in Deutschland kannst du dich einfach als Obdachloser in eine Vorlesung setzen, dort no way.
Wie schon geschrieben hier: Terrorangst.
Das Unisystem finde ich im Übrigen krass verschult.
Ja, das ist es. Und, wie Du weiter schreibst, die Studenten beten nach, was der Dozent sagt. Das ist die urtief sitzende Hierarchiehörigkeit in Russland, die ebenfalls historisch bedingt ist.
Das soll kein Negativbericht werden, ich fand die Reise reisenswert,
Das ist doch schon mal ne schöne Aussage!
gerne fliege ich als Gast nochmal hin, aber dort leben ? Eher nicht.
Mein erster Besuch in Russland war wirklich finster. Die Liebe zum Land kam erst nach der was-weiß-ich-wievielten Reise. Dazu ist eine Reise einfach viel zu wenig.
Auf vieles kann ich verzichten, auf den Komfort in der Bahn beispielsweise, aber diese "мне насрать на других" Mentalität ist für einen Deutschen nicht einfach.
Klar, wirklich nicht einfach. Wenn man aber versucht, das alles aus der Sicht der Leute hier zu sehen und nicht nur durch die deutsche Brille, dann eröffnen sich ganz adnere seiten, die vorher verborgen bleiben.
Bin nicht kontaktscheu, aber in Russland hatte ich echt manchmal Angst nach den Weg zu fragen.
Hatte ich ursprünglich auch! Das geht vorbei. Außer in Moskau mache ich das heute inzwischen sogar sehr gerne.
Ansonsten mein Erfahrungsbericht, muss keiner gutheißen, sind nur meine Erfahrungen eben. Deutschland ist zweifelsfrei eher meine Heimat als Russland.
Mag sein. Ich bin immer skeptisch bei schnellen Urteilen.