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Re: Investitionsklima am Beispiel Sedelmayer

Verfasst: 16 Feb 2015, 06:26
von GIN
Wenn Staaten ausländische Investoren haben wollen dann brauchen diese ausländischen Investoren irgendeinen Schutz. Ich finde es legitim das man sich auch durch Abkommen schützt. Diese ganzen Hermeskredite, Bürgschaften und Garantien brauchen ja eine Grundlage und diese Grundlage ist nun einmal ein Investitionsschutzabkommen.
Wenn das Volk diesen Freihandel mit den USA möchte, dann sollte man diese Schutzabkommen entweder einklammern oder ausklammern. Zwischen der Schweiz und China wurde das ja ausgeklammert. Beide verlassen sich auf die dortigen Rechtssysteme.
Man darf sich dann aber nicht beklagen das dann keine Kohle vom Ausland kommt. Ich habe schon Verständnis das US Investoren gerade mit Hinblick auf die Air Baltica Geschichte in Lettland (Enteignung eines Deutschen durch den lettischen Staat), Fälle in Rumänien und Bulgarien, sowie Ungarn sich nicht auf die dortige Justiz verlassen wollen.

Re: Investitionsklima am Beispiel Sedelmayer

Verfasst: 03 Mär 2015, 00:18
von tecis
ich stimmte GIN zu und erweitere insofern, als dass Abkommen zum Investitionsschutz IMMER kleineren Firmen mehr helfen als groesseren, denn groessere Konzerne schmieren notfalls eben selbst und haben die richtigen (juristischen) Kontakte.

Kommen aber mittelstaendische Firmen nicht zum Zug, so werden viel weniger Arbeitsplaetze geschaffen und auch die Produkte weiterhin fuer den Endverbraucher teu(r)er.

Gerade der Mittelstand aus dem deutschsprachigen Raum ist weltweit insofern einzigartig, als dass er sich wirklich um seine Mitarbeiter (auch im Ausland) kuemmert und diese nicht selten nochmals ausbildet, weil es gar keine anstaendige betriebliche Berufsausbildung in der Breite vor Ort gibt.

Ergebnis ist dann, dass aus diesen Laendern (des nicht-zentraleuropaeischen Kulturkreises) in der Regel NULL technische Innovation zu Stande kommt.

Russland kann das durch Rohstoffe und straffe innere Fuehrung (wofuer Putin definitiv steht, was sicher das beste fuers Land ist) abfedern, ich glaube aber nicht permanent.

Wenn dann diesen Firmen (welche vor Ort Arbeitsplaetze schaffen und Steuern entrichten) noch Steine vor die Fuesse geworfen werden, indem irgendwelche Provinzherrscher die Hand aufhalten oder willkuerliche Entscheidungen treffen, so halte ich das fuer einen Skandal erster Guete.

Gerade in diesem Thema ist Russland (und andere Laender des gleichen Dunstkreises) nach meiner Auffassung von der Normalitaet noch weit entfernt.

Warum wohl waren zu Zeiten des letzten Zars angeblich >80 % der grossen Firmen in RU unter deutscher Inhaberschaft oder Leitung?

Re: Investitionsklima am Beispiel Sedelmayer

Verfasst: 10 Mär 2015, 02:07
von GIN
Lieber Tecic, vielen Dank für den Eintrag. Vor allem das mit der Zarenzeit ist sehr interessant. Ein Herr Nobel würde im heutigen Russland sicherlich keine Unternehmung mehr starten.

Re: Investitionsklima am Beispiel Sedelmayer

Verfasst: 12 Mär 2015, 02:07
von tecis
Passend dazu:

http://www.spiegel.de/einestages/interv ... 50175.html

Zitat:

"Man muss die Vorgeschichte kennen. Die deutsche Kaufmannschaft, zu der auch mein Großvater gehörte, besaß in Russland seit den Napoleonischen Kriegen großen Einfluss. Die russische Wirtschaft lag zu 80 Prozent in der Hand von Deutschen, alle Großbetriebe wurden von deutschen Direktoren geleitet, das technische Know-how kam aus Deutschland. Das Zusammenleben zwischen Russen und Deutschen funktionierte sehr gut. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, wurden die Deutschen in Russland quasi über Nacht zu Feinden. "



So wird es wieder kommen (%-Ziffer), ich glaube allerdings in Moskau werden die Deutschen und im asiatischen Teil Russlands die Chinesen, zum Teil auch Koreaner, den Ton angeben.

Re: Investitionsklima am Beispiel Sedelmayer

Verfasst: 15 Mär 2015, 21:34
von GIN
tecis hat geschrieben:Passend dazu:

http://www.spiegel.de/einestages/interv ... 50175.html

Zitat:

"Man muss die Vorgeschichte kennen. Die deutsche Kaufmannschaft, zu der auch mein Großvater gehörte, besaß in Russland seit den Napoleonischen Kriegen großen Einfluss. Die russische Wirtschaft lag zu 80 Prozent in der Hand von Deutschen, alle Großbetriebe wurden von deutschen Direktoren geleitet, das technische Know-how kam aus Deutschland. Das Zusammenleben zwischen Russen und Deutschen funktionierte sehr gut. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, wurden die Deutschen in Russland quasi über Nacht zu Feinden. "



So wird es wieder kommen (%-Ziffer), ich glaube allerdings in Moskau werden die Deutschen und im asiatischen Teil Russlands die Chinesen, zum Teil auch Koreaner, den Ton angeben.

Schweden, Dänen, deutschsprachige Juden, erfoglreiche Letten, Esten . Schweizer usw wurden in RUssland schnell auch mal als "Deutsche" bezeichnet. Ob 80% der Wirtschaft in RUssland in deutscher Hand war bezweifele ich, denke aber das in St Petersburg und Moskau so war.

"einestages: Das klingt nach einer schönen heilen Welt. Wie passt das zu dem raffiniert taktierenden Geschäftsmann, der Ihr Großvater auch war? Vor dem Ersten Weltkrieg wurde er in Russland mit Bankgeschäften reich, während große Teile der Bevölkerung darbten"

Danke für diese Jürgenseinlage. Sieht man wieder einmal wie wir verwoben sind,
Mein Grossmutter die aus ärmeren Hause war erzählte mir das sie für 1/4 Kopeke ein kleines Stück Schwarzwälder Kirchtorte kaufen konnte in St Petersburg. Ihr Vater verdiente bei der Kirche 11 Rubel im Monat + kostenloses Holz für die kalte Zeit. Es reichte um eine Hausfrau, 8 Kinder zu füttern, heisses Wasser in der Mietswohnung zu haben und dieses auf 80m2. Nach der Revolution waren dann 20 bis 30 Personen auf dem gleichen Wohnraum.
Ein Grossonkel aus reicherem Hause erzähle mir das er einmal in die Ferien in den Schwarzwald geschickt wurde. Er war erschrocken von der Armut in Freiburg ums Jahr 1910. Kaufte am Bahnhof den Kindern einmal Süssigkeiten. Einen Tag später waren dann dutzende Kinder vor dem Hotel und warteten auf ihn. Überhaupt meinte er der Lebensstandard war viel höher als in Freiburg oder Frankfurt. So können sich die Zeiten ändern.

Re: Investitionsklima am Beispiel Sedelmayer

Verfasst: 15 Mär 2015, 22:03
von klaupe
GIN hat geschrieben:Schweden, Dänen, deutschsprachige Juden, erfoglreiche Letten, Esten . Schweizer usw wurden in RUssland schnell auch mal als "Deutsche" bezeichnet.
Bei Skandinaviern weiß ich es nicht so genau, aber sicherlich auch Österreich und das war damals zeitweise ein Weltreich.
Ob 80% der Wirtschaft in RUssland in deutscher Hand war bezweifele ich, denke aber das in St Petersburg und Moskau so war.
Die Rechnung kann aufgehen, denn was gab es damals noch für bedeutende Wirtschaftszentren? Da wird es bald dünn und man muss die Deutschen nicht mehr so dick säen, um die Statistik passend zu machen. Ist aber eigentlich auch egal, da heutzutage irrelevant.
Da kommen auch jede Menge Investitionen vom Erzfeind, nicht nur McDoof und Cola, im Gas-/Ölgeschäft haben die leider auch noch die Finger drin.

Die Zukunft wird vermutlich den Ostasiaten gehören und die sehe ich schon bis an die Westgrenze vorrücken. Man merkt es nur nicht so, weil die nicht bei jeder Investition und Übernahme ein Mordsspektakel machen.

Re: Investitionsklima am Beispiel Sedelmayer

Verfasst: 16 Mär 2015, 07:41
von tecis
Gin,

vielen Dank fuer die Einlassungen, es rundet mein Bild ab.

Diese "Revolution" hat wirklich niemandem geholfen, den Russen selbst am wenigsten, vermutlich wird das Rad bald 200 Jahre zurueck gedreht.

Zu den "falschen" Deutschen:

Ja, so aehnlich kann es wieder kommen, wobei diesmal fast wirklich nur DE, ein wenig deutsch-CH und AT noch nennenswert Industrieproduktion im Land haben, selbst in Skandinavien ist der Ofen schon so gut wie aus (dazu Konsumverschuldung jenseits von Gut und Boese) und im Baltikum nach meinem Dafuerhalten eine reine Veranstaltung Marke "verlaengerte Werkbank", wobei ich mich gern vom Gegenteil ueberzeugen lasse.

Juergens' Vorfahren waren natuerlich damals ganz oben, aber deine Einlage zeigt, dass eben auch die "Durchschnittsleute" keineswegs so schlecht dastanden, wie immer beteuert.

Das mit 20-30 Leuten war dann so vermute ich der Beginn der Kommunalkas oder gab es sowas schon eher?

Kamen die 20-30 Leute durch die Zwangskollektivierung am Land zu Stande oder was war der Grund?

Re: Investitionsklima am Beispiel Sedelmayer

Verfasst: 16 Mär 2015, 07:44
von tecis
Klaupe,

ich glaube die werden sich im Bereich Novosibirsk treffen.

Evtl. werden auch diese Ural-Staedte in der (logistischen) Bedeutung zunehmen.

Vor allem die Suedkoreaner werden nach meinem Dafuerhalten stark unterschaetzt.

Der Westen hat einfach massiv abgewirtschaftet und schiesst sich selbst durch sinnfreie Regelungen immer mehr ins Knie.

Nennenswert Marken, Technologie, Vertriebskanaele und einen entsprechenden Mittelstand haben noch DE; CH, AT, sonst ganz schwach ueberall.

Frankreich und Italien brauchen wenn dann eine massive Abwertung, sonst kommen die nie mehr auf die Beine.

Strukturell ist aber auch dort noch nichts verbessert.

Re: Investitionsklima am Beispiel Sedelmayer

Verfasst: 16 Mär 2015, 12:19
von klaupe
tecis hat geschrieben:Ja, so aehnlich kann es wieder kommen, wobei diesmal fast wirklich nur DE, ein wenig deutsch-CH und AT noch nennenswert Industrieproduktion im Land haben, selbst in Skandinavien ist der Ofen schon so gut wie aus (dazu Konsumverschuldung jenseits von Gut und Boese) und im Baltikum nach meinem Dafuerhalten eine reine Veranstaltung Marke "verlaengerte Werkbank", wobei ich mich gern vom Gegenteil ueberzeugen lasse.
Das Bild ist etwas verzerrt. Tatsächlich hat es in den deutschsprachigen Ländern massive Veränderungen in der Wirtschaft gegeben. Manpower ist nur noch zu bezahlen, wenn sie hochqualitativ ist. Mit der Massenfertigung werden jetzt die "Kulis" beschäftigt. Die Industrie-Dreckschleudern wurden durch Umweltauflagen unprofitabel, das lässt man auch da machen, wo uns der Qualm nicht stört.
Dennoch beweisen ja die enormen Exportumsätze, dass hier, bei deutlich umgestellten Produktionssortiment, nicht nur geschlafen wird. Ich wollte fast sagen, 'der Schornstein raucht', aber das darf ja wegen der Umwelt nicht mehr sein.
Interessant dabei ist ja auch, dass die Hauptproduzenten der Massenware hier die hochqualifizierten Werkzeuge für teuer Geld einkaufen. So profitieren wir doppelt, einmal durch hochwertige Exporte und dann Import von Billigware, die wir selbst nicht mehr rentabel fertigen können.
ich glaube die werden sich im Bereich Novosibirsk treffen
Man unterschätze die Asiaten nicht. Ein paar km mehr sind nicht die Hürde, aber wenn, dann picken sie sich ganz clever die Perlen heraus. Man kann es auch in Deutschland sehen. Da wo die Chinesen & Co. investieren, da brummt es auch. An Brachland haben die wenig Interesse.

Für Russland sehe ich eine Chance und ein Problem:
Die Chinesen könnten in die sich dahinschleppende Industrie und Konsumgüterproduktion einsteigen und endlich das realisieren, was schon lange fällig ist. Damit würde die Abhängigkeit von Rohstoffexporten und damit bezahlten Konsumgüter- und Lebensmittelimporten.
Aber wie reagieren die Russen, wenn die Geschäftsleitung und die weisungsbefugten Abteilungsleiter alles Chinesen sind?
Vor allem die Suedkoreaner werden nach meinem Dafuerhalten stark unterschaetzt.
Keinesfalls, aber gemessen an China sind die Kapazitäten begrenzt. Technologisch haben sie aber einen gewaltigen Sprung nach oben gemacht.
Der Westen hat einfach massiv abgewirtschaftet und schiesst sich selbst durch sinnfreie Regelungen immer mehr ins Knie.
Gemessen an den Produktionszahlen, den BIP, Exporterlösen und Lebensstandard nimmt man für die Knieschüsse vermutlich nur Luftdruckpistolen oder Paintballs. Wenn Andere es besser regeln können, sollen sie es erst mal beweisen. Das schließt nicht aus, dass sehr vieles verbesserungsbedürftig ist.

Tatsache ist, dass es mir seit Jahrzehnten immer besser geht. Da bin ich mal ganz egoistisch. Mir kommt es gerade in diesem Kreis (RusslandAktuell) vor, als wäre ich der satte Einäugige unter den notleidenden Blinden.

Frankreich ist ein Problemfall, Italien steht ähnlich da. Als Europa-Urväter beanspruchen sie eine gehobene Rolle, die sie aber nicht erfüllen können. Man sollte ihnen genau so straffe Zügel anlegen, wie gerade den Griechen. Aber soll Deutschland als Oberlehrer auftreten? Das gäbe die Katastrophe! na gut, lassen wir den Schäuble mal ab und zu mit der Faust auf den Tisch hauen, wenn es an die Kasse geht.

Re: Investitionsklima am Beispiel Sedelmayer

Verfasst: 16 Mär 2015, 20:18
von tecis
In welcher Branche bist du taetig? Unternehmer, Selbst., Angesteller?

Zu Europa: Den Lebensstandard einer Region mit aus Schulden finanziertem Sozialsystem zu verschiedenen Regionen ohne Sozialsystem (und entsprechend uneinbringlichen Schulden) zu vergleichen, finde ich etwas schwierig.

Zu Russland: Ja, die Betriebsleiter werden dann sicher Chinesen, Taiwanesen oder Koreaner sein und die sind nicht halb so nett wie die deutschen (dazu passend meine Einlassung zum Thema Mittelstand).

Zu notleidend: Das kommt sicher immer auf die Branche an. Tatsache ist, dass viele Branchen und entsprechende Arbeitsplaetze in Europa einfach nicht mehr bestehen werden, zudem ist die Steuerbelastung des Mittelstands jenseits von gut und boese.In RU ins Geschaeft zu kommen scheint auch nicht so leicht zu sein, einfach weil es dort diese Konsenskultur im Geschaeftsleben wie bei uns (leben und leben lassen) offenbar nicht gibt.

Sicher ist es in RU nicht das gelbe vom Ei fuer viele, meine vermutlich zukuenftige z.B. wohnt aktuell in Canada, ist dort auch mit vielem nicht einverstanden, seit ich ihr aber einmal ihre dortigen Nettobezuege in aktuelle Rubel umgerechnet habe, sieht sie das auch etwas anders. Dazu spart sie auch monatlich, was ja mittlerweile bei vor allem der juengeren Generation weltweit alles andere als en vogue ist.