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Re: Russische Justiz, die 2.
Verfasst: 26 Sep 2013, 07:00
von Norbert
Dietrich hat geschrieben:Kultgrieche hat geschrieben:Dietrich hat geschrieben:Hier übrigens die Übersetzung des Briefes.
Das ist die Zeitung DIE WELT. In puncto Russland ist DIE WELT propagandistisch wie der VÖLKISCHE BEOBACHTER.
Du hast aber schon mitbekommen, dass es sich dabei um die Übersetzung des Briefes handelt, oder? Gibt es Hinweise, dass die Spingerpresse bei der Übersetzung gemogelt hat? Oder hätte sich die Übersetzung der gleichen Quelle in der Taz, der Jungen Welt oder einer beliebigen anderen Zeitung nicht vielleicht sehr ähnlich angehört?
Kultgrieche, ich denke auch, dass die WELT wohl kaum den Brief manipuliert hat. Dass der Brief natürlich mit Freude von der deutschen Presse aufgegriffen wird, ist klar. Aber es ändert nichts daran, dass der russische Strafvollzug menschenunwürdig ist. Und es ist gut, wenn prominente Häftlinge die Möglichkeit nutzen, aus Ihrer Position darauf hinzuweisen. Gewöhnliche Häftlinge haben diese Möglichkeit leider nicht.
Kultgrieche hat geschrieben:Mal ne andere Frage: Hat das Pussy-Thema nicht mittlerweile einen Bart? Wen juckt das noch? Das war doch in unseren Medien genauso ein Strohfeuer wie Ehec in den Gurken.
Alle Themen sind nur noch Strohfeuer. Nenne mir ein Thema, welches KEIN Strohfeuer ist? Nie geht es in die Tiefe, nie wird ein Thema länger behandelt. Logisch, weil die Nachfrage dafür nicht da ist. Wir wissen alle, dass SPON nur Strohfeuer publiziert und es besser wäre, tiefgründige Hintergrundartikel in der Le Monde Diplomatique zu lesen. Und dennoch schauen wir uns täglich SPON an und haben kein Abo von LMD. Wollen wir mal eine Umfrage machen, wie viele Forenteilnehmer Nachrichten auf tiefgründigen Seiten wirklich lesen?
Das Pussy-Riot-Thema interessiert weiterhin die Familien der Damen. Ganz egal, ob deren Aktion bescheuert oder notwendig war (ich tendiere subjektiv zu ersterem), als Ehemann würde ich mich für meine Frau auch dann engagieren, wenn sie mal Blödsinn gemacht hat. Immerhin habe ich dies versprochen, "in guten wie in schlechten Zeiten". Und insofern würde ich natürlich als Ehemann auch schauen, dass ein solcher Brief meiner Frau möglichst breite Beachtung findet. Daran sehe ich nichts Verwerfliches.
Ich kann allen nur empfehlen, den Brief wirklich zu lesen. Man kann sich sicher zu Details der Schilderungen seinen Teil denken. Aber jeder, der schon einmal mit russischer Willkür in der Bürokratie zu tun hatte, wird fühlen, was sich in diesen Lagern so abspielt. Und - Pussy Riots hin oder her - was soll denn der Sinn von solchen Lagern sein? Was hat der Staat davon, Menschen über solche Bedingungen derart verrohen zu lassen? (Eine Novosibirsker Autofahrerin, die betrunken einen Polizisten überfahren hatte, ist sieben Jahre in einem solchen Lager gelandet - das Strafmaß finde ich nicht unberechtigt, jedoch die Vorstellung, dass diese Frau nachher in keiner Weise mehr gesellschaftsfähig sein wird, ist erschreckend. Wozu?)
Re: Russische Justiz, die 2.
Verfasst: 26 Sep 2013, 10:02
von Kultgrieche
Zum russischen Strafvollzug:
- war schon immer hart, ist eben Traditionskontinuität.
- dient der STRAFE, nicht der RESOZIALISIERUNG. Opfersicht, keine Tätersicht.
- in einem Land, in dem Rentner keine ordentliche Rente erhalten, kann ich auch keine Kuschelpädagogik in den Knästen erwarten.
- Große Länder - harte Knäste: Der US-Strafvollzug ist derart hart/krass, dass schon Knastbüder mit leichteren Delikten wg. Überfüllung freigelassen werden müssen. Ist dort wie im Rindercorral. Und die dort verhängten Knaststrafen von irre langen Haftjahren oder der Todesstrafe implizieren dort auch eher das Prinzip der Strafe denn der Hirn-Umpolung.
Re: Russische Justiz, die 2.
Verfasst: 26 Sep 2013, 10:45
von Norbert
Kultgrieche hat geschrieben:- dient der STRAFE, nicht der RESOZIALISIERUNG. Opfersicht, keine Tätersicht.
Ich bin auch gegen Kuscheljustiz. Aber man muss nicht aus Kleinkriminellen oder dummen Oppositionellen menschliche Wracks machen, welche die Gesellschaft am Ende ein Vielfaches dessen kosten, was ein menschenwürdiger Strafvollzug gekostet hätte.
Re: Russische Justiz, die 2.
Verfasst: 26 Sep 2013, 10:47
von Dietrich
Kultgrieche hat geschrieben:- Große Länder - harte Knäste: Der US-Strafvollzug ist derart hart/krass, dass schon Knastbüder mit leichteren Delikten wg. Überfüllung freigelassen werden müssen. Ist dort wie im Rindercorral. Und die dort verhängten Knaststrafen von irre langen Haftjahren oder der Todesstrafe implizieren dort auch eher das Prinzip der Strafe denn der Hirn-Umpolung.
- Erstens beweist Überfüllung überhaupt nicht, dass es da besonders hart zugeht. Es besagt eher, dass da eben nicht plötzlich 8 Leute in einer Zweierzelle untergebracht werden.
- Zweitens mag es in den USA durchaus Gefängnisse geben, in denen fast nur Schwerverbrecher einsitzen, und in denen es härter zugeht. Dies geht allerdings im Allgemeinen (einzelne Missbräuche gibt es natürlich leider immer) NICHT von der Gefängnisleitung, sondern von den Gefangenen selber aus. Frauengefängnisse für leichtere Strafen sehen GARANTIERT ganz anders aus. Da wird niemand dazu gezwungen, 16 Stunden am Tag Uniformen zu nähen.
- Drittens sollte man nicht RTL2-"Reportagen" oder Serien wie Prison Break als Zustandsbeschreibung der normalen US-Gefängnisse zu Rate ziehen.
Und last but not least macht dies
es übliche
Argumtent "aber in den USA....."
... die unmenschlichen Zustände in den russischen Gefängnissen keinen Deut "richtiger". Selbst wenn es denn stimmen WÜRDE.
Sorry, dem Forumsfrieden zuliebe habe ich ein Wort gestrichen. Bitte um Entschuldigung! Norbert, Vizeadmin
Re: Russische Justiz, die 2.
Verfasst: 26 Sep 2013, 10:52
von Kultgrieche
Dietrich hat geschrieben:Und last but not least ...
Haben wir heute morgen mal wieder
...
Sorry, dem Forumsfrieden zuliebe habe ich einen halben Satz gestrichen. Bitte um Entschuldigung! Norbert, Vizeadmin
Re: Russische Justiz, die 2.
Verfasst: 26 Sep 2013, 10:55
von Saboteur
Kultgrieche hat geschrieben:
- war schon immer hart, ist eben Traditionskontinuität.
Wenn ich mich nicht täusche ist das Gefängnissystem erst nach Machtergreifung der Sowjets ins so extreme umgeschwenkt. Die Strafsysteme des zaristischen und später roten Russlands unterscheiden sich meiner Kenntnis nach immens. Nun kann man natürlich drüber streiten wann irgendwas zur Tradition wird...
Re: Russische Justiz, die 2.
Verfasst: 26 Sep 2013, 11:14
von Kultgrieche
Das zaristische Strafsystem kenne ich nicht im Detail, aber wenn man nur vom Jahr 1917 ausgeht, dann haben wir doch schon schlappe 100 Jahre auf dem Buckel, seitdem wahrscheinlich der russische Strafvollzug härter geworden ist.
Kennt eigentlich jemand die Rückfallquoten in Russland und in Deutschland nach der Entlassung aus dem Gefängnis?
Re: Russische Justiz, die 2.
Verfasst: 26 Sep 2013, 11:19
von Norbert
Kultgrieche, mir geht es primär nicht um Rückfallquoten, sondern darum, dass man sich hier aus an sich ungefährlichen Dummköpfen Verbrecher züchtet. Diese Mädels - und sie sind ja nur ein Beispiel - haben ja nichts gemacht, was es lohnen würde, sie zu psychischen Wracks zu machen. Dumm - ja, Strafe - ja, das Leben versauen - nein. Und nicht, weil ich Mitleid habe, sondern weil ich einfach die gesellschaftlichen Folgen sehe: Unglückliche Kinder, Folgeschäden, etc.
Re: Russische Justiz, die 2.
Verfasst: 26 Sep 2013, 11:28
von Kultgrieche
Frei nach dem Motto "You Can't Manage What You Don't Measure" würden mich die Rückfallquoten wirklich sehr interessieren, denn nur diese legitimieren/objektivieren einen Strafvollzug.
In Russland ist m.E. der Strafvollzug als deutliche Warnung anzusehen, was einem blühen kann, wenn er aus der Reihe tanzt. Nochmals: Dort steht die Strafe im Vordergrund. Nicht die Resozialisierung.
Ich bekomme eher das Kotzen wenn ich lese, dass in Norwegen Breivik seinen eigenen Zellentrakt bekommen hat und noch ein Fernstudium aufnehmen kann. Wahrscheinlich hat der dort auch noch einen Fitnessraum und leckeres Kantinenessen.
Re: Russische Justiz, die 2.
Verfasst: 26 Sep 2013, 11:54
von Norbert
Bei einem Breivik kann ich Dein Argument nachvollziehen. Ich frage mich auch, wer die drei Topjuristen der deutschen Nazibraut zahlt.
Aber wenn die Abschreckung schon nicht klappt, dass die Leute nicht mehr betrunken Fußgänger auf Zebrastreifen abschießen, wie soll es denn dann bei größeren Delikten funktionieren? Trotzdem jeder weiß, dass man für so eine Aktion 7 Jahre Arbeitslager bekommt, wird in Novosibirsk nahezu wöchentlich ein Fußgänger von betrunkenen Autofahrern ins Jenseits befördert.
Und die Zahl der Inhaftierten in Russland / Amerika zeigen ja, dass solche Konzepte genauso wenig funktionieren, wie die europäische Kuscheljustiz. In Russland gibt vielleicht den Opfern mehr Genugtuung, aber die europäische Idee ist schlicht günstiger.