Sibirier hat geschrieben: ... Ich meine, da müsste die Debatte überall bei den dt. Städten (nicht nur in der RF, sondern auch in Polen, Tschechien sein) geführt werden, die DE verloren hat. Da kräht nämlich schon kein Hahn hinterher....
Ich meine, Kaliningrad sollte umbenannt werden, um sich - wie es bei mehr russischen Städten als nur Leningrad und Jekaterinburg (?) geschehen ist, des übel beleumundeten Herrn Kalinin zu entledigen. Wie der neue Name lauten könnte, sollte die derzeitige Bevölkerung entscheiden.
Ich bereise Polen und andere ostmitteleuropäische Staaten seit fast 40 Jahren und habe einige meiner besten Freunde dort gefunden. Nach meiner Erfahrung ist das Thema 'Ortsnamen' dort immer noch hochgradig virulent, teilweise mit erheblichen Ressentiments belastet, die noch aus der Zeit der kommunistischen Indoktrination stammen. Letzeres bedeutet, dass die jüngste Generation ab etwa Geburtsjahr 1980 die Angelegenheit locker und entspannt behandelt.
Grundsätzlich kann man die russischen Verhältnisse überhaupt nicht mit denjenigen in anderen Ländern vergleichen. Die Sowjets haben sowohl kernrussischen als auch eroberten Städten völlig frei erfundene Namen, meistens mit einem kommunistischen Bezug vergeben. Die übrigen Staaten hatten 'schon immer' für große ausländische Städte ihre eigenen Bezeichnungen, so wie wir Deutschen ja auch nicht Lisboa, Athinai und Koebnhavn (das dänische ö schreibt mein PC nicht; so viel zu der obigen Anmerkung, die Transkription des ö in Königsberg werde Schwierigkeiten machen.) sagen, sondern Lissabon, Athen und Kopenhagen. Kleinere Ortschaften und Städte haben z.B. die Polen und Tschechen unter ihrer Verwaltung meistens nicht willkürlich benannt, sondern entweder sinngemäß übersetzt (Grünberg = Zielona Góra, Hirschberg = Jelenia Góra, Spindlermühle = Spindleruv Mlyn) oder klangmäßig nachgebildet (Jauer = Jawor, Teschen = Cieszyn bzw. Tecin). In manchen Fällen haben auch die polnischen Heimatvertriebenen ihre Ortsnamen aus dem Baltikum, Weißrussland oder der Ukraine auf die ostdeutschen Dörfer übertragen, in denen sie angesiedelt worden sind.
Eigentlich ist es Normalzustand, dass alle Völker einigen ausländischen Orten eigene Namen geben. So sagen die Polen zu Rom = Rzym, zu Mailand = Mediolan, zu Paris = Parysz und zu Leipzig = Lipsk, und niemand denkt sich etwas Schlimmes dabei. Aber geht es um ehemals überwiegend deutsch besiedelte Orte im Osten, dann vermutet nicht nur die dort neuangesiedelte Bevölkerung (mit Ausnahme der Jüngeren), sondern auch ein Großteil unserer deutschen Mitbürger hinter der Verwendung der alten Ortsnamen einen Revanchismus, d.h. die versteckte Geltendmachung von Gebietsansprüchen. Das mag auch daran liegen, dass die Kommunisten 'drüben' die Verwendung der alten Ortsnamen streng verboten haben, während man sich 'hüben' bei Verwendung der neuen Ortsnamen als kommunistischer Sympathisant, ja gar als eine Art Landesverräter verdächtig gemacht hat.
Nach meiner Erfahrung hat sich heute in den östlichen Ländern zum Glück die tolerante Sitte verbreitet, geographische Bezeichnungen aus der Sprache zu nehmen, in der man sich gerade unterhält. Mit Deutschen spricht man über Danzig, mit Polen über Gdansk und mit Italienern über Danzica. (Spezielle Nazi-Bezeichnungen wie Litzmannstadt = Lodsch werden natürlich nicht weiter verwendet.) In einigen Gebieten sowohl auf deutscher Seite wie auf östlicher Seite sind schon offiziell zweisprachige Ortsschilder aufgestellt worden.
Mit besten Grüßen:
Armin