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Re: Skandal am Opernhaus in Novosibirsk

Verfasst: 03 Apr 2015, 14:48
von klaupe
Wladimir30 hat geschrieben:Nein, das sind sicher nicht die Gedanken eines "normalen" Orthodoxen, wie mir einige unentwegt bestätigen.
Das würde ich den meisten auch ohne Bedenken glauben. Ich habe ja nun auch ein paar Exemplare in der Familie, sogar eine ultraorthodoxe Schwiegermutter, die ich einen Dreck um die Politik kümmern und vielleicht bei einem "Tannhäuser" allenfalls am Herd zu Hause heftig meckern über solche Schweinerei.
Ich kann nicht beurteilen, ob es dahingehend "Schulungen" von der offiziellen Kirche aus (so inder Art von "Hirtenbriefen" oder so) sogar bis runter zu den örtlichen Priestern gibt.
Das kenne ich von früher, wo die katholische Hierarchie auch die Gemeinden gegängelt hat.
Inzwischen haben sie den Fuß schwer auf der Bremse, denn in den Kirchen lohnt es kaum noch, die Heizung anzustellen wegen der paar verlorenen Figuren. Die Leute sind ja nicht urplötzlich zu Atheisten geworden, sondern finden zu ihrem Leben dort keine Ergänzung mehr. Das Bisschen Dialog mit Gott bekommen sie auch ohne Pfarrer hin und Weihnachten/Ostern geht man mal hin, weil die Show so festlich ist.
Ich betone immer wieder, dass die Position der offiziellen Kirche nicht die meine ist (und auch nicht die anderer).
Die wird auch in Russland nicht mehr lange anhalten.
Ach hier waren nach dem Krieg und der kirchenkritischen (oder -feindlichen) Nazizeit die Kirchen prall voll und der Pfarrer war eine Orientierungsgröße. Das leben im Wohlstand passt nicht mehr so gut zu Demut und Einfachheit und der üppige Protz der Kirchenfürsten wird nicht mehr als gottgewollt akzeptiert.

Re: Skandal am Opernhaus in Novosibirsk

Verfasst: 06 Apr 2015, 08:04
von Nikolaus
Gestern kamen zu dem von Zejtnot erwaehnten Gegenmeeting in Nowosibirks fuer die "Freiheit der Kunst" unerwartet wohl ca. 4.000 Befuerworter ( http://news.ngs.ru/more/2113962/ ) bei wohl von den Organisatoren erwarteten 1.500 Teilnehmern. In Piter waren es wohl auch etwa 100.
Naja, das gibt doch etwas Optimismus, dass die Seiten weiter friedliche Kompromisse erzielen koennen.

Re: Skandal am Opernhaus in Novosibirsk

Verfasst: 06 Apr 2015, 09:49
von klaupe
Nikolaus hat geschrieben:Gestern kamen zu dem von Zejtnot erwaehnten Gegenmeeting in Nowosibirks fuer die "Freiheit der Kunst" unerwartet wohl ca. 4.000 Befuerworter ( http://news.ngs.ru/more/2113962/ ) bei wohl von den Organisatoren erwarteten 1.500 Teilnehmern. In Piter waren es wohl auch etwa 100.
Naja, das gibt doch etwas Optimismus, dass die Seiten weiter friedliche Kompromisse erzielen koennen.
Auf dem Foto zum Bericht vermisse ich (nicht wirklich) die aufgeputschte Menge mit Fahnen und nationalistischen Transparenten/Sprüchen.

Ist schon peinlich, wenn die "verdammten Atheisten" sich gesitteter benehmen, als die Gläubigen.

Falls Tannhäuser nun wieder im Repertoire landet, hat dieses Werk Dank der rechtgläubigen Verteidiger der Moral und Sitte eine fantastische Publicity gewonnen, die möglicherweise die Kassen satt füllt - ein klassischer Pyrrhussieg :reiter:

Da wäre ich dann mal sehr gespannt, wie viele der Orthodoxen sich das Stück ansehen, um zu wissen, gegen was sie gekämpft haben :?

Re: Skandal am Opernhaus in Novosibirsk

Verfasst: 17 Apr 2015, 09:24
von Zejtnot
Nikolaus hat geschrieben:Naja, das gibt doch etwas Optimismus, dass die Seiten weiter friedliche Kompromisse erzielen koennen.
Leider sieht es nicht danach aus. Der neue Direktor beschimpft in Pressekonferenzen auf wüste Weise die Demonstranten, die lokalen Politiker und lokale Kulturschaffende. Immerhin hat ihn das Bolschoi in Moskau darauf hingewiesen, dass die Novosibirsker Oper zu keiner Zeit "Bolschoi Theater Sibiriens" hieß und man die Namensrechte für so einen Titel auch nicht hergeben würde.

Die aktuelle Saison wird auf Initiative des neuen Direktors kurzerhand abgebrochen - angeblich wegen Renovierungsarbeiten (was angesichts der erst vor wenigen Jahren durchgeführten umfassende Sanierung sehr mysteriös scheint). Die Tickets bekommt man nur am Tag der jeweiligen Veranstaltung erstattet - was dem russischen Verbraucherrecht widerspricht.

Eine Anfrage der KPRF in der Duma, wieso diese zwielichtige Gestalt zum neuen Direktor ernannt wurde, wurde abgelehnt. Eine Petition mit 15.000 Unterschriften an den Kulturminister wird ignoriert ... er hätte wichtigere Dinge zu tun.

Eigenartige Geschichte. Mir scheint fast, dass sie mit Absicht den größten denkbaren Schreihals installiert haben, um ihn im Anschluss durch eine mildere Variante zu ersetzen - als Kompromiss. Das Ziel, den alten Direktor zu ersetzen, hätten sie damit dennoch erreicht.

Re: Skandal am Opernhaus in Novosibirsk

Verfasst: 17 Apr 2015, 22:58
von Nikolaus
Nun, das sind sicherlich umstrittene und vielleicht unschoene Erscheinungen, aber doch "friedliche". Und ich finde es gut, dass sich bis jetzt offenbar keine 20.000 Anhaenger des Regisseurs/des Operndirektors finden liessen, die sich mit vielleicht 50.000 Gegnern von deren "Kunst" pruegeln, staatliche Einrichtungen besetzen und abfackeln oder sogar schiessen wollen. Ich hoffe, dass auch in Zukunft solche Meinungsverschiedenheiten sich in Russland gewaltlos regeln lassen. Dass anderenfalls immer radikale Kraefte letztlich Aufwind bekommen, ob nun mit oder ohne die entscheidende Unterstuetzung des Westens sei geschenkt, hat der Maidan ueberzeugend gezeigt. Ebenso wie, dass die "gemeine" Bevoelkerung davon nur Nachteile hat.
So eine Eskalation waere auch und besonders fuer uns Auslaender mit engen Kontakten zu Russland wohl ausserordentlich unangenehm.

Re: Skandal am Opernhaus in Novosibirsk

Verfasst: 20 Apr 2015, 11:45
von Saboteur
Hallo Zejtnot,

den Artikel hier habe ich neulich geselen und habe dabei ab und an an die Geschichte in Novosibirsk gedacht: Vielleicht hast du ja Lust und Zeit:

http://www.laender-analysen.de/russland ... sen293.pdf

Ab Seite 23. 3 PDF Seiten.