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Arbeitskräfte in Russland
Verfasst: 17 Mär 2012, 23:26
von GIN
Hallo, ich hätte gerne von euch eure Meinung über folgende Beobachtung und wohlmögliche Begründung zu folgenden Problemen die sich mir ständig in Russland bei Arbeitnehmern, Investoren und Behörden stellt.
1. Mangelnde Aufmerksamkeit, oft wird Information usw nur sehr schlecht verarbeitet, es entstehen ständige Wi derholungen zu immer den gleichen Punkten.
Ist euch das auch ufgefallen? Mögliche Ursache?
2. Trotz vielen Diplomen zu schlechtes Fachwissen, weder Softskills (Sprachen), noch Hardskills (Fachwissen) reichen oft auch nach Doktorarbeiten aus.
Sind wirklich die meisten Diplome gefälscht? oder gekauft?, oder ist die Ausbildung sehr einfach im Land?
Eure Meinung?
Re: Arbeitskräfte in Russland
Verfasst: 18 Mär 2012, 07:54
von GastroService
Die Grundfrage ist, in welcher Sprache wird kommuniziert. Ich kann nur aus meinem Fachbereich reden.
Meine Erfahrungen zu Punkt 1:
Oft ist die vermeindliche Unaufmerksamkeit mit dem Verstaendnis des Gesagten begruendet. Wird das Gesagte so verstanden, wie es gemeint ist? Ich muss (leider noch) in deutsch kommunizieren, da habe ich oft das Problem, dass ein deutscher Fachbegriff im russischen eine andere Bedeutung zukommt, was ich auch zuerst in Erfahrung bringen musste. Aus diesem Grund ist oft eine Umschreibung hilfreicher als der gewohnte Fachbegriff. Dann kommt dazu, dass in Russland oft anders gearbeitet wird, als in Westeuropa oder Deutschland. Am deutlichsten sieht man das am Zuschnitt des Fleisches. Vergleiche eine Fleischauslage in der deutschen Metzgerei mit der in Russland.
Daraus ergeben sich natuerlich auch Unterschiede in der Weitergabe der Informationen. Wenn ich in Deutschland ein bestimmtes Fleischstueck bestelle, bekomme ich es, zum Beispiel eine "Oberschale" aus der Keule, in der auch die Unterschale und Nuss sind. Dieses Stueck gibt es in Russland nicht, weil die Keule einfach quer geteilt (wie bei und die "Beinscheiben") wird, so dass ich ein Stueck Oberschale, Unterschale und Nuss bekomme. Also muss ich meinem russischen Metzger erklaeren, dass er die Keule anders zerlegen muss, als er es gewohnt ist.
Zu Punkt 2: Um bei diesem Beispiel zu bleiben, er hat sein Metzgerdiplom nicht gekauft und nicht gewonnen, er hat auch nicht weniger gelernt, als ein deutscher Metzger. Es ist die Arbeitsweise und Tradition, die den Unterschied mitbringt.
http://www.glanrindzuechterverband.de/t ... legen4.pdf
Ich hoffe, dass ich Dir damit etwas helfen konnte
Re: Arbeitskräfte in Russland
Verfasst: 18 Mär 2012, 11:01
von bella_b33
Ich finde, daß teils auch noch eine Portion Lustlosigkeit bei einigen Leuten mit reinspielt. Man erträgt eher die schlechte Situation auf Arbeit und fährt seinen Arbeitsdrang auf ein Minimum anstatt versuchen vorwärts zu kommen. Wenn Du nem Fahrer sagst, er soll schneller fahren, dann sagt er auch gerne mal: "Ich hab Zeit, mein Geld am Ende des Monats ändert sich dadurch nicht" :(
Re: Arbeitskräfte in Russland
Verfasst: 18 Mär 2012, 11:20
von GastroService
Da gebe ich Dir auch Recht. Auch wird Privates oft in die AZ "verlegt" ob im Internet oder bei Ausserhaus-Terminen. Aber darueber war die Frage nicht gestellt.
Re: Arbeitskräfte in Russland
Verfasst: 18 Mär 2012, 12:33
von Jochen
Die Ausbildung, bis auf basics, ist grottenschlecht. Nur merken dies lediglich Aussenstehende. Hinzu kommt eine sehr verzerrte Selbstwahrnehmung (ich habe ein rotes Diplom, also bin ich). Irgendwie kann jeder etwas, aber nie richtig professionell. Und dann noch die alte Denke: Chef was soll ich tun, bin fertig...
Re: Arbeitskräfte in Russland
Verfasst: 18 Mär 2012, 12:50
von bella_b33
Jochen hat geschrieben:ich habe ein rotes Diplom, also bin ich
haben das nicht so ca. 35% aller Absolventen? Ist in meinen Augen wirklich nichts besonderes

.
Was ich so in meiner Branche(Großbrennanlagen) sehe zeugt im russischen Bereich nicht gerade von Ideenreichtum oder Kenntnis, egal ob jetzt Materialzulieferer oder Einbaumethoden. Aber gut, somit hat man als ausländischer Spezialist noch ein paar Jahre mehr "den Fuß in der Tür"
Re: Arbeitskräfte in Russland
Verfasst: 18 Mär 2012, 16:35
von GIN
bei mir geht es um Life Science das als R&D zwischen der Schweiz, Russland und Japan läuft.
Eure Beobachtungen sind interessant sind.
Frage: Kann es sein, das in Russland man leistungsstarke Mitarbeiter mobben tut? also es eine Grundstimmung zu gemeinsam er Leistungsminderung gibt?, so wie hier schon von euch leicht bestätigt, Fahrer bekommt ja eh am Ende des Monats seine Kohle.
Mitarbeiter A arbeitet stark vor, B, C, D, F und G sehen das nicht ein und finden ihn/sie als Gruppenschwein, zwingen zur Leistungsminderung um gemeinsam weniger zu machen?
Mein japanischer Partner meinte, das man in Japan in den 60ern und 70ern um die Produktivität zu steigern die stündlichen Teepausen gestrichen hat, dieses Gruppendenken (keiner darf von der Rolle fallen) verändert hat, in dem man den Tee zum Tisch genommen hat und nicht mehr in speziellen Räumen. Die Löhne nach Gruppenleistung festgelegt hat und nicht mehr nach Einzelleistung.
Er vermutet das in Russland vielleicht dieses Denken seien könnte und das die schlechte Produktivität erklärt.
Re: Arbeitskräfte in Russland
Verfasst: 18 Mär 2012, 17:19
von Apollo
In klassischen Unternehmen sowjetischer Prägung ist Eigeninitiative nahezu tödlich. Der "Wert" des Kollektivs steht immer noch über der Leistung des Einzelnen. Zwar wird niemand gezwungen, in der Regel laufen solche Bestrebungen subtil und informal ab, aber schon offensichtlich vorhandenes Desinteresse sind starke Signale zur Leistungsminderung.
Die meisten Diplome sehen künstlerisch toll aus, sind aber keine Garantie dafür, dass auch Wissen oder Anwendungswissen dahinter steckt. Von der Bereitschaft dieses dann auch in den Arbeitsprozess einzubringen ganz zu schweigen. Aufgaben werden dann erledigt wenn sie angewiesen werden und nicht wenn man selbst erkennen würde, dass sie erledigt werden müssten. Shisn tak ;-)
Re: Arbeitskräfte in Russland
Verfasst: 18 Mär 2012, 18:05
von GastroService
Mobbing hat man wohl in allen Laendern, die Frage ist, wird es als solches gesehen?
Dass man auch mit ueberdurchschnittlicher Leistung nicht mehr Geld bekommt ist auch in vielen Wirtschaftszweigen normal und die Meinung, dass Geld (Lohn) motivierent wirkt ist in dem meisten Faellen ein Irrtum. Geld - Motivation sinkt relatv rasch und fordet "Nachshub", das gibt eine endlose Schleife. Da gibt es andere Motivationsmechanismen, die staerker in die Zukunft wirken. Zum Beispiel ein Geschaeftswagen zur privaten Nutzung, Unterstuetzung zum KiTa- oder Schulgeld, zusaetzliche betriebliche Altersversorgung und und und. Und nicht zu Vergessen, eine relare "Zielvereinbarung", die realistische Steigerungen vorsieht. Ob diese fuer ein Team oder den Einzelnen wirkt ist weniger erheblich. Nicht zu vergessen ist auch, dass in Russland mehr auf persoenliche Bindungen als auf formale Bindungen geschaut wird. Wenn der "gute Kollegen-Freund" den Betrieb verlaesst, so schaut er dass der andere gute Freund auch einen Job in der neuen Firma bekommen kann. So kann man umgekehrt auch gute Mitarbeiter dazu gewinnen, das ist in Westeuropa weniger der Fall.
Re: Arbeitskräfte in Russland
Verfasst: 18 Mär 2012, 21:35
von GIN
Mobbing hat man wohl in allen Laendern, die Frage ist, wird es als solches gesehen?
das muss ich abklären, wohl vielleicht sogar nicht.
Das Model in dem man oft bezahlt wir in Firmen mit kleinem Budget (Grossteil der R&D sind das wohl)
Niedrige fester Entlohnung und "Ködern" mit Angeboten auf Doktorarbeiten, Postdocs und Aktienpaketen in einer rosigen Zukunft (Google usw machten so Geschichten).
So etwas scheint in Russland wohl nicht zu funktionieren, wobei ich sagen muss das es auch im Westen kaum Motivation gibt für kleine Unternehmen mit Projekten zu arbeiten, das Machen im Dunst von grossen Konzernen oder der Hochschule ist viel attraktiver, so bleibt nur
das Model...
bei gutem Budget in Russland in R&D zu arbeiten.
eine klare Zielvereinbarung mit hohem Festlohn und einer Formel in dem man diesen Festlohn faktisch ervielfachen könnte.
Gruppe A erreichen Target, meint das der Lohn der Gruppe um (BSP.) 4X usw des Jahreslohnen übersteigt.
Gruppe B erreicht nicht das Target, meint das der Lohn der Gruppe die Chance auf 3X, 2X, 1X und dann halt bei 0 bei Nichterfüllung zu enden.
Der Nachteil ist für mich bei dem System.....das bei grossen Gruppen die Einzelleistung nicht gesehen wird und es gibt auch Druck, ich weiss zbs. von vielen westlichen Pharmakonzernen das die Vorstände unrealistische Zielsetzung machen, das viele Wissenschaftler ausgebrannt sind und auch die Selbstmordraten, Scheidungsraten usw entsprechende Geschichten erzählen.
Es kann aber natürlich schon passieren, das man so höhere Gehälter hat als die Vorgesetzten oder sogar der Vorstand.
Die R&D Laborleiter von Novartis verdienen das Vielfache ihres Vorstandes um nur ein Beispiel zu geben.
Thema Russland: Nach meiner Meinung spielen sowjetische Denkmuster bei uns keine Rolle, die Personen die ich meine sind unter 35 Jahre, haben naturwissenschaftliche/ingenieurstechnische Abschlüsse gemacht, einige Jahre Hochschule, fast alle erste Erfahrungen in der russischen Industrie gemacht und sprechen durchschaubares Englisch.
Die Kommunikation ist aber ein Problem, vielleicht hebt sich das ja Problem mit mehr Umschreibungen aber auf.
Die udSSR hat doch in den 60ern, 70ern und 80ern riesige Leistungen vollbracht, übrigens die DDR auch, DDR Grundlagenforschung und technische Entwicklung greife ich bis zur jetzigen Zeit ab, prägten mein Studium im westlichen Teil Deutschlands sehr viel
Wie haben die das gemacht? ihre R&D bezahlt? oder war es wirklich nur der Patrotismus der die Forscher und Entwickler angespornt hat?
Ein teurer Chefpersonaler aus den USA mit jahrelanger Russlanderfahrung meinte zu mir, das R&D in Russland viel teurer werden sollte als im Westen.
Die Leute seien nur durch Geld zu bekommen, Expads brauchen einen Grund um in Russland zu sein, globales Denken prägt diese Tätigkeit und wenn Brasilien und UAE lockt mit schönem Wetter und Haus am Meer, dann sind Wohnungen in Moskau kein Angebot für einen fähigen Inder,junge Russen usw..