Seite 1 von 4
... wildes Forum - ich erinnere mich.
Verfasst: 26 Mai 2012, 18:50
von domizil
... Ende 2011 in Vorbereitung/Durchführung der Dumawahlen und im weiteren der Präsidentenwahlen, kam es hier im Forum zu emotionalen, ja ich möchte sagen «wilden» Diskussionen. Teilweise war auch ich Initiator. Die Diskussionen entwickelten sich in einer Art und Weise, daß ich zeitweise erschrocken, sprach- und schreiblos war. Heute herrscht wieder Ruhe – sowohl im Land wie auch in unserem Forum. Warum? Gibt es nichts mehr zu streiten? Viele von uns waren doch der Meinung, daß das Tandem «Medwedjew-Putin» für die Zukunft Rußlands nicht wirklich gut ist. Jetzt haben wir das Tandem «Putin-Medwedjew»! Ist es das richtige Tandem? Was haben beide vor der Wahl alles versprochen? (vielleicht machen wir uns hier im Forum mal die Mühe diese ganzen Versprechen aufzulisten? – wer kann es?). Und was werden die Beiden einhalten? (Können wir das hier im Forum irgendwie kontrollieren?). Werden die beiden überhaupt sechs Jahre gemeinsam die Politik Rußlands bestimmen? Was trennt die Beiden, was vereint sie? Kurz: Was erwartet uns Eurer Meinung nach in den nächsten 12 Monaten und auf was können wir in den nächsten sechs Jahren rechnen? In der Hoffnung auf eine angenehme emotionale Diskussion
Uwe Niemeier
Re: ... wildes Forum - ich erinnere mich.
Verfasst: 26 Mai 2012, 19:05
von manuchka
Warum sollten wir den ganzen Brei von neuem aufkochen? Ich sehe dazu keinen Anlass. Die, die damals der Ansicht waren, dass das Tandem - in welcher Konstellation auch immer - nicht die optimale Lösung ist, hatten ihre Argumente dargelegt, die Pro-Putin-Fraktion hatte ihre Meinung geäußert. Im Prinzip ist zu diesem Thema Ende 2011 alles gesagt worden. Einen Konsens hat man damals nicht gefunden, und den wird es auch jetzt nicht geben, weil sich vermutlich in beiden Gruppen die Ansichten kaum verändert haben. Ich hab nichts gegen Diskussionen, aber an einer Neuauflage der Streiterei, die oft ins Persönliche abgerutscht ist und mit dem eigentlichen Thema nichts mehr zu tun hatte, ist mir absolut nicht gelegen.
Re: ... wildes Forum - ich erinnere mich.
Verfasst: 26 Mai 2012, 19:16
von Admix
Ich bin der Ansicht, dass im Umfeld der Wahlen einige im Forum einen Hoffnungsschimmer für eine beschleunigte Demokratisierung Russlands hatten. Zumindest ich. (Ich meine damit keine pseudokunterbunte Revolution)
Dieser Hoffnungsschimmer ist verglüht. Also warum noch weiter darüber reden. Der Zar wirds schon richten.
PS: In Deutschlands habe ich diese naiven Anwandlungen auch oft in der heissen Wahlphase. Und dann bleibt doch nur: Mama wirds schon richten ...

Re: ... wildes Forum - ich erinnere mich.
Verfasst: 26 Mai 2012, 19:33
von domizil
manuchka hat geschrieben:Einen Konsens hat man damals nicht gefunden, und den wird es auch jetzt nicht geben,
... das wäre meiner Meinung nach eine Katastrophe: Alle hätten eine, die gleiche Meinung - was für ein langweiliges Leben/Forum. Ich denke aber schon das es lohnt weiter zu diskutieren, denn es gibt ja tägliche Meldungen über irgendwelche Änderungen die MEHR, WENIGER oder ÜBERHAUPT KEINEN Beifall finden. Ich werfe einfach mal in die Debatte die Wählbarkeit der Gouverneure. Eine Forderung der Demonstranten die auch prompt erfüllt wurde. Aber bis 30.06.2012 wird ein Großteil der Gouverneure ausgetauscht oder tritt zurück (der nächste könnte der Kaliningrader werden ...) und somit ist gesichert das die nächsten 5 Jahre defacto noch der alte Zustand herrscht ... oder die Schaffung des neuen Ministeriums für die Öffentlichkeitsarbeit der Regierung. Wird hier der Gedankenaustausch mit "Nawalny" organisiert oder kontrolliert?
Uwe Niemeier
Re: ... wildes Forum - ich erinnere mich.
Verfasst: 28 Mai 2012, 11:12
von Dietrich
Wieso sollte bei solch einer Diskussion ein Konsenz gefunden werden? Es werden doch hier keine Maßnahmen beschlossen, bei denen man sich am Ende auf etwas einigen muss. Bei einer Diskussion in so einem Rahmen hier kann es eigentlich nur darum gehen, seine Meinung zu äußern und diese auch zu begründen. Man kann sich dann die Meinungen der anderen ansehen, die Begründungen lesen und seine eigene Meinung dann vielleicht justieren, wenn einem die Argumente schlüssig erscheinen.
Diese Art von Diskussion setzt allerdings eine gewisse Diskussionskultur vorraus, bei der man andere Meinungen akzeptieren muss und dabei trotzdem weiter sachlich bleiben und nicht persönlich werden darf. Das war hier nicht mehr der Fall und deshalb wird hier eben nicht mehr diskutiert....
Ja, über die putinschen Daumenschrauben, Protestcamps etc. gäbe es eine Menge zu diskutieren. Aber so richtig scheint es niemanden zu interessieren oder beunruhigen. Weder hier, noch bei den meisten russischen Bürgern.
Re: ... wildes Forum - ich erinnere mich.
Verfasst: 28 Mai 2012, 11:30
von domizil
... Hallo Dietrich,
darf ich auch meine Unterschrift unter Deinen Beitrag setzen?
Wir haben übrigens beide ein Jubiläum: Dein nächster Beitrag wird der 5.000 sein und mein vorheriger war der 600ste
Uwe Niemeier
Re: ... wildes Forum - ich erinnere mich.
Verfasst: 28 Mai 2012, 18:27
von GIN
Ich habe damals an der Diskussion teilgenommen weil ich es wichtig finde/fand Gedanken auszutauschen, Informationen z* sammeln und meine Eindrücke in diesem "FachForum" weiterzugeben. Von Medien versuche ich mich begrenzt steuern zu lassen, forderte damals sowieso keine Revolution doch hoffte ich auf Signale einer Evolution für meine Freunde, Bekannten und Familienmitglieder in dem Kremelreich die sich individuelle Verbesserungen für ihr Leben wünschen und jedes Vertrauen in den Staat verloren haben.
Wenn wir uns diese 12 Monate anschauen und ich meinen Blick zurück ins Jahr 2007 zurückbringe dann sehe ich nur eine defekte Demokratie, sehr viel Show und eine Korruption die noch viel schlimmer geworden ist. Im Moment fahre ich meinen Einsatz in Russland auf ein Minimum zurück....., die Duma-Wahl, die Präsidentenwahl aber noch viel mehr das Schmierenspiel der Führung mit der wonabe Wahl und dem Korruptionskampf sowie dem Innovationsgeblase verlanslassen mich den Mittelfinger gestreckt dem heutigen Staat zu zeigen und meine Dienstleistungen jetzt nur noch für noch teueres Expat-Geld ohne Stempel und Unterschrift irgednwelchen Firmen anzubieteten die Lust haben in Russland ein Abenteuer zu machen.
Re: ... wildes Forum - ich erinnere mich.
Verfasst: 28 Mai 2012, 21:31
von GIN
Dietrich hat geschrieben:Wieso sollte bei solch einer Diskussion ein Konsenz gefunden werden? Es werden doch hier keine Maßnahmen beschlossen, bei denen man sich am Ende auf etwas einigen muss. Bei einer Diskussion in so einem Rahmen hier kann es eigentlich nur darum gehen, seine Meinung zu äußern und diese auch zu begründen. Man kann sich dann die Meinungen der anderen ansehen, die Begründungen lesen und seine eigene Meinung dann vielleicht justieren, wenn einem die Argumente schlüssig erscheinen.
Diese Art von Diskussion setzt allerdings eine gewisse Diskussionskultur vorraus, bei der man andere Meinungen akzeptieren muss und dabei trotzdem weiter sachlich bleiben und nicht persönlich werden darf. Das war hier nicht mehr der Fall und deshalb wird hier eben nicht mehr diskutiert....
Ja, über die putinschen Daumenschrauben, Protestcamps etc. gäbe es eine Menge zu diskutieren. Aber so richtig scheint es niemanden zu interessieren oder beunruhigen. Weder hier, noch bei den meisten russischen Bürgern.
Dietrich, die Russen sind selber schuld, jede Regierung ist ein Spiegel seiner Menschen
Re: ... wildes Forum - ich erinnere mich.
Verfasst: 29 Mai 2012, 09:32
von pippie
J.Eckel hat geschrieben:
Dietrich, die Russen sind selber schuld, jede Regierung ist ein Spiegel seiner Menschen
Das ist mir zu pauschal! Wie würde es denn in Deutschland aussehen, wenn wir die selbe gesellschaftliche Entwicklung gehabt hätten (und ich meine hier die Entwicklung der letzten 1500 Jahre)...?
Re: ... wildes Forum - ich erinnere mich.
Verfasst: 29 Mai 2012, 11:18
von GIN
Liebe Pippie, denke nicht das wir hier 1500 Jahre zurück müssen, für mich reichen die neunziger Jahre aus. Die besondere Hervorhebung gerade dieser Zeit in Russland ist kein Zufall. Die neunziger Jahre sind die Gründerjahre der Russischen Föderation und eben nicht einem Weitergang einer RSFSR, die spätestens mit dem Putsch von Jelzin endete. Das sind die Jahre in dem ein Großteil der heutigen politischen und gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen wurzelt. Den meistens erscheint sie als "schlechte" Zeit, in der die Menschen ein gemeinsames Ziel verloren haben kannten und erst mit Putin angeblich Optimismus und Tatkraft folgte: Nur für eine kleine Minderheit sind es "freie Zeiten" voller spassiger Freiheiten.
Das letzte Jahrzehnt des alten Jahrhunderts waren ein Zeitraum, in dem die Menschen, denen der Zusammenbruch der UdSSR noch in den Knochen steckte, vor allem Ruhe und Sicherheit erstrebten. Die Erwerbsstruktur mit einem hohen Anteil von höherer Bildung wandelte sich zu landwirtschaftlicher und sonstiger manueller einfacher Arbeit, ein geringer Anteil an höherer Bildung, autoritäre Wertmuster in Ehe, Familie und Schule wandelten sich und passten sich Europa an. Die neunziger Jahre in vielem als der Beginn der heutigen modernen Gesellschaft: Aufstieg des Internets und des TV, Automobilboom, Massentourismus und Teenagerkultur sowie Wandel vom Menschen zum Konsument durch Sex Sales etc erfolgte schnell. Zwischen der Abschaffung der Warteschlangen vor dem Brotgeschäft und der Wahl Putins schien aufjedenfall mehr als 10 Jahre zu liegen. Seit Putin tauschten viele Russen ihre demokratischen Rechte mit Wohlstand ab, ich nenne das für mich das saudi arabische Model... Geld gegen Freiheit das vom Grossteil der russischen Bevölkerung gerne getragen wird..... als Beweis führe ich Georgien mit dem Amtseintritt Sackarschwillis an... etwa gegen 2005 hatte Georgien und Russland eine sehr ähnliche Entwicklung gehabt, Sackarschwilli fehlte aber die Oilkeule und so ging er den Weg nach Europa, also EU Integration um an die Subventionstöpfe der freien Märkte zu kommen.
Die Entwicklung seit dem Jahr 2005 kann kaum krasser sichtbar werden als im Kaukasus, wo Abchasien viel demokratischer und freier sich entwickelt konnte als seine russischen Nachbarn, wo die Türkei und Georgien Quantensprünge in Punkto Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten gemacht haben, Baku und Moskau aber ein Gegenbild bietet, der heutige Georgiern, Türken oder Abchasen nicht sexy erscheint.