Chruschtschows Geschenk Krim?
Verfasst: 01 Apr 2014, 11:27
Zu diesem Schlagwort kursieren immer wieder obskure Meldungen durch Foren und Medien, die komplett oder teilweise diese Aussage machen:
"Der Ukrainer Nikita Chruschtschow hat die Krim eigenmächtig den Ukrainern 1954 geschenkt."
Da sind gleich mehrere sachliche Fehler enthalten:
"Der Ukrainer Nikita Chruschtschow hat die Krim eigenmächtig den Ukrainern 1954 geschenkt."
Da sind gleich mehrere sachliche Fehler enthalten:
- Chruschtschow war kein Ukrainer, er lebte und wirkte nur ca. 20 Jahre lang in der Ukraine, also etwa 1/3 seines Lebens.
- Nikita Chruschtschow wurde 1894 geboren in Kalinowka (КАЛИНОВКА), Ujesd Dmitrijew, Gouvernement Kursk, Russisches Kaiserreich. Demnach war er von Geburt an zweifelsfrei erst einmal Russe. Auch von den Eltern Sergej Nikanorovich Chruschtschow und Xenia Iwanowna ist nicht überliefert, dass sie Ukrainer waren. Das Dorf Kalinowka ist zwar in der Nähe der heutigen Ukraine (ca. 10 km), gehörte aber nie zur Ukraine (im Gegensatz zum nahe gelegenen Kreis Belgorod)
- 1908, im Alter von 14 Jahren zog Nikita mit den Eltern nach Jusowka, damals Russisches Kaiserreich, ab 1924 Stalino, jetzt Donezk.
- Die Ukraine gab es als Ukrainische Volksrepublik/Українська Народна Республіка erst ab 1917, als Ukrainische SSR ab 1919.
- Ich kenne die Urkunden, bzw. den Pass von Chruschtschow nicht , aber frühestens mit 23 Jahren hätte er Ukrainer werden können und ab 1919 war ja wohl schon Sowjetbürger.
- Ab 1929 studierte und arbeitete er in Moskau/Russland, war 1938 bis 1949 wieder in der Ukrainischen SSR aktiv, danach wurde er zum Moskauer und russischer Kreml-Chef bis zu seinem Tod.
- 1954 übertrug der "Russe" dann die Krim an die Ukrainische SSR, legitimiert durch seine Unterschrift.
- Es war keine einsame Entscheidung von Chruschtschow, sondern wurde im Politbüro lange und kontrovers diskutiert und dann vom Politbüro der UdSSR beschlossen.
Die Protokolle dazu sind archiviert und frei einsehbar, liegen also in keinem Geheimarchiv! - Vorgeschichte der Krim:
- Bis auf ein paar "Perlen" an der Schwarzmeerküste und dem Flottenstützpunkt Sewastopol gab es auf der Krim überwiegend unwegsame Berge und viel trockene Steppe, im Norden ein paar ausgedehnte Salzseen.
- In der Geschichte gab es dort Tataren, auch Osmanen, Saporoger Kosaken, Krimdeutsche, natürlich auch zugewanderte Russen und sogar Engländer, Franzosen und Sardinier.
- Unter Potjomkin wurde die Krim Teil des Russischen Reiches, 1783 wurde sie formell von Katharina II. „von nun an und für alle Zeiten“ als russisch deklariert. Katharina war zwar groß, aber sicherlich kein Maßstab für die Ewigkeit.
- Nach der Oktoberrevolution wurde auf der Krim die Taurische Sowjetische Sozialistische Republik (Советская Социалистическая Республика Тавриды) gegründet, doch gleich danach wurde die Volksrepublik Krim wieder als unabhängige krimtatarische Republik (1921 ASSR) ausgerufen.
- Die Urbevölkerung (Krimtataren) wurden infolge des WK II schon von Stalin verbannt und verschleppt. Für die verlassene Steppe gab es aber kaum Interessenten. Die Autonome Republik wurde aufgehoben und die Nazideutschen planten mal für die germanischen Krimgoten den Gotengau.
- Nach 1946 war die Krim acht Jahre lang Oblast innerhalb der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR).
- Hintergründe der "Aktion Krim" waren:
- Zur Bewässerung der Steppe plante das Politbüro den Nord-Krim-Kanal (Північно-Кримський канал) vom Kachowkaer Dnjepr-Stausee (Ukraine) auf die Halbinsel bis Kertsch (realisiert ab 1961 bis 1976)
- Vom ukrainischen Norden gab es bereits Landverbindungen (Straße, Bahn), die auszubauen waren. Später wurden auch die Energieverbindungen (Strom, Gas) von der Ukraine her ausgebaut.
- Eine von der Wehrmacht begonnene und unter Stalin mit den hinterlassenen Bauteilen fertiggestellte Straßenbrücke über die Straße von Kertsch wurde bald durch Eisgang zerstört und nie wieder aufgebaut.
- Um die Planung und Finanzierung nicht zwischen zwei Sowjetrepubliken zu zersplittern und zu komplizieren, wurde die Krim der Ukrainischen SSR übertragen.
- Es war keine einsame Entscheidung von Chruschtschow, sondern wurde im Politbüro lange und kontrovers diskutiert und dann vom Politbüro der UdSSR beschlossen.
- Das "Geschenk" war eine Übertragung von einer SSR zur anderen, aber innerhalb eines Staates UdSSR, ging also von einer Hosentasche in die andere, denn wie kann ein Staat sich selbst etwas schenken? Probleme entstanden erst nach dem Zerfall der UdSSR, der aber nicht automatisch eine Gebietsübertragung rückgängig machte. Dafür fehlte jegliche Rechtsgrundlage. Dennoch hat man einen Sonderstatus (ab 1992 Autonome Republik Krim) eingeräumt.
Auch in Deutschland gab es schon öfter Gebietsübertragungen; z.B. bekam Württemberg mal Baden und Hohenzollern geschenkt, Franken ging an Bayern, die bayerische Oberpfalz an Rheinland-Pfalz und viele Gemeinden/Landkreise wurden anderen Bundesländern übertragen. Auch die neuen Bundesländer (ex DDR) gingen quasi als "Geschenk" an die Bundesrepublik. - Mit dem "Geschenk" bekam die Ukraine ein überwiegend unattraktives "Entwicklungsland", das erst einmal viel Arbeit machte und Geld kostete, bis es eine vernünftige Infrastruktur bekam, entwickelt und industrialisiert war. Ich weiß nicht, wie oft dafür Nikita Sergejewitsch verflucht wurde.
- Bis 2014 war es ein Zugschussgebiet, in dem aus Kiew jährlich ca. 1 Milliarde Subventionen flossen. Dazu kamen die Probleme mit dem Stützpunkt der Russischen Schwarzmeerflotte.
- Die Völkervielfalt war das geringste Problem und auch "die Russen" sahen sich bis 2014 als Krimbürger an, die von Kiew national und außenpolitisch regiert wurden. Regionale Belange unterlagen der Selbstverwaltung.