Seite 1 von 2
Pressefreiheit Schein und Sein
Verfasst: 02 Feb 2016, 19:24
von saransk
Folgende Zitate fand ich in einem Intervieuw der RP-Online vom 22.01.
Da das Thema auch in der Kaffebar bereits angeschnitten war, dachte ich mir, ich eröffne es hier mal. Vielleicht besteht ja Interesse. Selbst werde ich nicht mehr viel beitragen können, da ich für den Rest der Woche im Urlaub bin (jetzt grinsen vielleicht einige)
"Jetzt steht sie in der Schusslinie. In der Talkshow "De Stemming" ("Die Stimmung") des niederländischen Radiosenders Limburg 1 hatte Zimmermann von einer Art Anweisung gesprochen, nach der sie gehalten sei, Merkels Flüchtlingspolitik zu unterstützen und Probleme (mit den Flüchtlingen) in einer "mehr positiven Art anzugehen". Auf die Frage des Moderators, ob Anweisungen festgeschrieben seien, sagte Zimmermann: "Im Prinzip nicht, aber wir sind natürlich ein öffentlich-rechtlicher Sender, das heißt, es gibt verschiedene Kommissionen, die bestimmen, wie unser Programm aussehen muss. Und wir sind natürlich sehr wohl angewiesen, ein bisschen pro Regierung zu berichten." Ein Sturm der Entrüstung brach über die WDR-Journalistin herein."
..."Zimmermann Genau das ist ja der Punkt. Unausgesprochen haben sich fast alle Journalisten über Jahre einen Maulkorb auferlegt, so wie auch die Polizei und die Politik. Wir haben doch alle die Tatsachen verschwiegen, political correctness falsch verstanden."
..."Zimmermann Ja, wenn man den ganzen Talk hört, dann hört man auch, dass ich unterbrochen wurde. Niemals gab es senderintern Anweisungen, merkelfreundlich zu berichten. Nur, es gibt auch eine gefühlte Wirklichkeit. Ich habe das eben so empfunden, dass man als Journalist in diesen Monaten, als die Flüchtlinge kamen und manche dann auch straffällig wurden, nicht allzu kritisch berichten sollte."
Wäre schön, wenn jetzt der russische Journalist Ivan Blagoy auch klarstellt, wie er es mit Pressefreiheit so hält, oder ob er auch "von oben" gegängelt wird
Re: Pressefreiheit Schein und Sein
Verfasst: 02 Feb 2016, 20:04
von Berlino10
Wolfgang Herles, ehem. Leiter des ZDF Hauptstadtstudios über regierungsfreundlichen Journalismus von heute:
DeutschlandRadio
“Wir gehen der Agenda auf den Leim. Und es gibt tatsächlich, das muss ich an dieser Stelle doch nochmal sagen, Anweisungen von oben. Auch im ZDF sagt der Chefredakteur: Freunde, wir müssen so berichten, dass es Europa und dem Gemeinwohl dient. Da braucht er in Klammern gar nicht mehr dazusagen, wie es der Frau Merkel gefällt.
Solche Anweisungen gibt es und gab es auch zu meiner Zeit. Es gab eine schriftliche Anweisung, dass das ZDF der Herstellung der Einheit Deutschlands zu dienen habe. Und das ist was anderes als zu berichten was ist. Wir durften damals nichts negatives über die neuen Bundesländer sagen. Heute darf man nichts negatives über die Flüchtlinge sagen. Das ist Regierungsjournalismus. Das führt dazu, dass die Leute Vertrauen in uns verlieren. Das ist der Skandal.”
[youtube]a9WDLGk16vY[/youtube]
Re: Pressefreiheit Schein und Sein
Verfasst: 03 Feb 2016, 18:01
von Dietrich
Ja, ARD und ZDF sind schon in vieler Hinsicht eine Katastrophe. Heute oder Tageschau kann ich mir eigentlich nie bis zum Ende ansehen, weil ich spätestens bei den "hilfreichen und gut ausgebildeten Syrern die in den Flüchtlingsheimen leiden" sofort wegzappe.
Das die Berichterstattung jetzt pro Merkel ist, würde ich aber nicht mit einer pauschalen Pro-Regierung-Berichterstattung gleichsetzen. Wenn Merkel morgen plötzlich die Energiewende aussetzen würde, dann würde auch ARD und ZDF zum Generalangriff blasen. Regierungspolitik hin oder her.
Oder man erinnere sich an die Debatte über die Maut, die mit der CSU ja auch von einer Regierungspartei kam.
In letzter Zeit deckt sich der "gesellschaftliche Bildungsauftrag" der ÖR halt zufällig mit der Politik Merkels. Wobei im Zusammenhang mit "Refugees welcome" auch die SPD, Grünen und Linken ja die gleiche Politik machen würden.
Nur das Volk scheint im Moment etwas anders zu ticken.
Ob man diesen in meinen Augen selbstauferlegten "Bildungsauftrag" aber jetzt als fehlende Pressefreiheit auffassen sollte? Eher nicht. Dazu müsste man erst einmal nachweisen, dass eine gegensätzliche Berichterstattung Repressalien von Seiten der Regierung zur Folge hätte. In Bezug auf die ÖR mag das durch politische Verpflechtungen möglicherweise so sein (wobei auch hier - siehe oben - nicht unbedingt Pro-Regierung Vorraussetzung ist).
Insgesamt kann man aber auch genug Publikationen finden, in denen Merkels Politik nicht gut wegkommt. Die Kommentare im Politik-Teil der FAZ sind in der letzten Zeit meist nicht sehr nett.
Re: Pressefreiheit Schein und Sein
Verfasst: 03 Feb 2016, 18:08
von Berlino10
Dietrich hat geschrieben:
legten "Bildungsauftrag" aber jetzt als fehlende Pressefreiheit auffassen sollte? Eher nicht. Dazu müsste man erst einmal nachweisen, dass eine gegensätzliche Berichterstattung Repressalien von Seiten der Regierung zur Folge hätte. In Bezug auf die ÖR mag das durch politische Verpflechtungen möglicherweise so sein (wobei auch hier - siehe oben - nicht unbedingt Pro-Regierung Vorraussetzung ist).
Ex-ZDF-Chefredakteur über den großen Einfluss der Parteien auf das ZDF
[youtube]i2423aDq_hE[/youtube]
Re: Pressefreiheit Schein und Sein
Verfasst: 03 Feb 2016, 18:25
von Dietrich
Das ZDF ist auch öffentlich rechtlich. Von daher kein Widerspruch.
Und auch der EX-Redakteur wird sich nur über den Einfluss der Partei aufregen, die er gerade nicht unterstützt ;-)
Das nicht auf jedem Sender nicht auch die "Thesen" der Propagandaschau, von Sputnik, Compact oder den DWN gesendet werden, hat ja nichts damit zu tun, dass es keine Pressefreiheit gibt.
Wobei es natürlich durchaus ein Problem ist, dass gerade die Sender mit der meisten Reichweite und der (angeblich) größten Kompetenz im Bereich Nachrichten so sehr von den Parteien und vom Wohlwollen der Politik abhängen.
Aber wer will schon Nachrichten eines Senders ernst nehmen, wo in den Hauptnachrichten zwischen Flüchtlingen und DAX vom Dschungelcamp berichtet wird?
Re: Pressefreiheit Schein und Sein
Verfasst: 03 Feb 2016, 19:13
von Berlino10
Es ist ja nicht schwarz/weiß - Pressefreiheit ja/nein,
sondern es gibt mMn zu viel Einfluss der Parteien, die gerade auch in Zeiten grosser Koalitionen Einseitigkeit durchdrücken statt Vielfalt zu garantieren, zu viel Staatsnähe, das eigene Propaganda-Personal wird durchgedrückt. Heute kann man zu Recht auch in DEU von Staatsfernsehen sprechen, zumindest in den Haupt-Formaten. Und ein Minister in den Aufsichtsgremien ist ein Symbol dieser Perversion - über ihn soll auch kritisch berichtet werden (können).
Nachrichten müssten möglichst objektiv und frei von Propaganda sein, das sind sie aber nicht mehr. Die Bürger können sich hier nicht mehr ihre Meinung bilden. Klebers Giftgas- und Massenmörder Anti-Assad-"Thesen" etwa gehören in den Meinungsblock und nicht als angebliche Tatsachen in den Informationsteil. Genauso wenig wie unrecherchierte Behauptungen aus unseriösen Quellen - nur weil sie ins eigene Feindbild passen. Informationen dürfen nicht länger nach politischen Positionen selektiert werden. Der Kampagnen-Journalismus muss aufhören. Die Bürger erkennen das genau und vertrauen den Medien mehrheitlich nicht mehr.
Heute würden sowohl Politik als auch die Medien den Irak-Lügen der USA und ihnen in den Krieg folgen.
Re: Pressefreiheit Schein und Sein
Verfasst: 03 Feb 2016, 19:26
von Dietrich
Da hast du mit Kleber aber jetzt auch schwere Geschütze aufgefahren.
Würdest du z.B. die DWN, Propagandaschau oder Compact als "möglichst objektiv und frei von Propaganda" bezeichnen, nur weil dort genau die Sachen genau so berichtet werden, wie du sie siehst?
Ich habe dann immer das Gefühl, da sitzen Leute in grauen Häusern und meinen, die anderen in den gelb-roten Häusern müssten auf jeden Fall auch noch blau und grün in ihrer Fassade zeigen.
Da bezeichnen Leute die (deutsche) Presse als Lügenpresse und bringen dann Links von DWN oder Sputnik.
Da bringen Leute immer und immer wieder die irakischen Massenvernichtungswaffen und wenn es um Putins Lügen zu den grünen Männchen geht, dann hat er es natürlich gaaanz anders gemeint, als er es wortwörtlich gesagt hat.
Re: Pressefreiheit Schein und Sein
Verfasst: 03 Feb 2016, 20:18
von Berlino10
Um Gottes Willen, nein, ... DWN lese ich nur, wenn ich auf einen Link dahin stosse, Propagandaschau ist kein Journalismus, sondern eine Sammlung mutmasslicher Propaganda mit meist unsachlichen Kommentaren, Compact lese ich gar nicht, Sputnik in dem sicheren Wissen, damit auch weniger Informationen als vielmehr den Russischen Standpunkt zu bekommen.
Ich nutze schon SPON, ZEIT .. aber auch die Filter der NDS, die ja auch meist die Mainstream-Presse zitieren, erkennbar kommentieren oder Meinungen veröffentlichen oder Russland.ru dekoder.org... In der Peripherie kann man bei uns noch sehr viel Informationen und konträre Diskurse finden, auch im ÖR - durchgehend verseucht sind nur die Hauptformate. Ich folge einigen Journalisten und Experten (von Heyden über Mangott bis Bidder) auf den Sozialen Medien und bekomme so Hinweise auf interessante Artikel.
Lügenpresse kolportiere ich normal nicht, weil Lügen nur selten zum Einsatz kommen - selbst der Perwij Kanal Bericht war ja i.e.S. nicht gelogen -sondern es dominieren einseitige Informations-Selektion, unseriöse Quellen, Halbwahrheiten ... bis hin zum Kampagnen-Journalismus.
Die "irakischen Massenvernichtungswaffen" sind nun einmal eine Kriegslüge, die 1 Mio. Tote hervorgebracht, eine ganze Region in den Krieg und die Welt in den IS-Terror getrieben hat. Putins Lüge über die "grünen Männchen" kann da ja nicht ganz mithalten, ... zugegeben hatte er sie später nur für den Wahltag, offensichtlich waren sie aber für jeden Nicht-Propaganda-Lemming schon vorher.
Re: Pressefreiheit Schein und Sein
Verfasst: 04 Feb 2016, 07:24
von Zejtnot
Ich halte diese Entwicklung auch für sehr bedenklich, möchte aber einen Gedanken in die Runde werfen: Hätte es die Europäische Union je gegeben, hätte man nur auf das Bauchgefühl des Volkes gehört? Letztendlich wurde die europäische Einheit von visionären Politikern vorangetrieben und von den Medien (damals gab es nur öffentlich-rechtlich) wohlwollend begleitet. Haben wir davon im Nachhinein betrachtet nicht profitiert?
Nur mal so als provokativer Ansatz. Ich würde meiner eigenen These selbst nicht uneingeschränkt zustimmen.
Re: Pressefreiheit Schein und Sein
Verfasst: 04 Feb 2016, 16:13
von Dietrich
Zejtnot hat geschrieben:Ich halte diese Entwicklung auch für sehr bedenklich, möchte aber einen Gedanken in die Runde werfen: Hätte es die Europäische Union je gegeben, hätte man nur auf das Bauchgefühl des Volkes gehört? Letztendlich wurde die europäische Einheit von visionären Politikern vorangetrieben und von den Medien (damals gab es nur öffentlich-rechtlich) wohlwollend begleitet. Haben wir davon im Nachhinein betrachtet nicht profitiert?
Nur mal so als provokativer Ansatz. Ich würde meiner eigenen These selbst nicht uneingeschränkt zustimmen.
Hätte es die europäische Union in DIESER FORM gegeben, wenn man nicht nur auf Politiker gehört hätte?
Anstatt sich Gedanken über wirkliche Probleme zu machen (was macht man mit einem Land, wenn es die Regeln derart stark verletzt, dass die ganze Gemeinschaft draunter leidet?), befasst man sich politisch mit absoluten Nebenkriegsschauplätzen (Angleichung hier, Glühbirnen dort, Maut woanders) und verpulvert seine Energie in selbstbeweihräuchernden Osterweiterungen.
Das ist als würde sich eine Firma nur auf Marketing und Kantine konzentieren, weil diese Dinge Spaß und Ruhm bringen, aber die Produktion und Finanzen vernachlässigen.