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Nicht alle Rechte in Europa sind Faschisten, aber...

Verfasst: 07 Mär 2016, 16:38
von Jenenser
Vergangene Woche wurde russisches Fernsehen bei uns in Thüringen, im doch kleinen Kaff Sonneberg, gesichtet. Es ging erneut um das Thema Flüchtlinge und warum AfD, Pegida auf dem Gebiet der ehemaligen DDR besonders aktiv ausgeprägt sind. Ein Europa-Korrespondent befragte Politiker, Psychologen, Historiker und kramte sogar im Fundus der bekannten Wartburg auf der Suche nach dem deutschen Charakter.

Dabei zitiert er einen amerikanischen Anthropologen, der bereits im Jahr 1943 Rezepte zur „Neutralisation der deutschen Aggressivität“ im Schubfach hatte, die im „Westen“ dann auch umgesetzt wurden.

Ich werde ja regelmäßig von Freunden und Bekannten aus RUS gefragt, was denn in DEU so los ist. Auch bei Reisen in Russland, im Zug zum Beispiel, wenn ich wie in einer Falle sitze und nicht um solche Fragen herum komme. Wie erklärt ihr die aktuelle politische Situation in DEU? Was antwortet ihr auf Fragen zum „deutschen Charakter“?

«Вести недели» с Дмитрием Киселёвым на телеканале Россия. Gestern Abend:
[youtube]1aUO07tWw9Q[/youtube]

Re: Nicht alle Rechte in Europa sind Faschisten, aber...

Verfasst: 07 Mär 2016, 18:49
von m5bere2
Jenenser hat geschrieben:Ich werde ja regelmäßig von Freunden und Bekannten aus RUS gefragt, was denn in DEU so los ist. Auch bei Reisen in Russland, im Zug zum Beispiel, wenn ich wie in einer Falle sitze und nicht um solche Fragen herum komme. Wie erklärt ihr die aktuelle politische Situation in DEU? Was antwortet ihr auf Fragen zum „deutschen Charakter“?
Ich kann immer nur antworten, dass ich seit der Flüchtlingskrise nicht in Deutschland war und daher auch keine Ahnung habe, wie es in Deutschland tatsächlich aussieht.

Aber die zunehmend braune Einstellung und Kommentare meiner ehemaligen Klassenkameraden und teilweise Familienangehörigen stoßen mir sauer auf...

In einem Monat gucke ich mir das an... Anfang April komme ich nach Thüringen, ziemlich genau ein Jahr nach meiner Abreise. Damals war unsere größte Sorge, mit der S-Bahn zum Berliner Hauptbahnhof zu kommen, ohne unsere damals 7monatige Tochter mit Masern anzustecken... das war damals noch das heißeste Thema... die Masern.

Re: Nicht alle Rechte in Europa sind Faschisten, aber...

Verfasst: 07 Mär 2016, 19:49
von Berlino10
m5bere2 hat geschrieben: Ich kann immer nur antworten, dass ich seit der Flüchtlingskrise nicht in Deutschland war und daher auch keine Ahnung habe, wie es in Deutschland tatsächlich aussieht.
Die Russischen Medien erzählen doch auch einen Haufen Scheiss, wie katastrophal es in DEU heute angeblich aussehe ...

Klar, das Erstarken der Rechten ist eine Scheisse, aber man muss auch mal die Kirche im Dorf lassen.
Augstein hat das in seiner SPON-Kolummne intelligent eingeordnet. Die zunehmende Verarmung, Ungerechtigkeit und Ausplünderung des Volkes durch die Finanzoligarchie ist die eigentliche Ursache für die weltweit zunehmende Unzufriedenheit mit dem korrupten und Gemeinwohl-schädlichen Establishment. Man kann das analytisch und sachlich angreifen wie Sanders / Wagenknecht oder hetzerisch verlogen wie Trump / Petry. Und natürlich ist der Osten davon viel mehr betroffen, ohne gewachsene Vermögensstrukturen wie in BW oder Bayern, wo für die Mehrheit der Menschen noch fast alles in Ordnung ist.
Die rechte Revolution prangert das Übel an, das uns der entgrenzte Kapitalismus beschert hat. Schöner wäre es, wenn die sogenannten etablierten Parteien die Warnung der Wähler endlich ernst nähmen - und das eigentliche Problem Deutschlands lösen würden: die Gerechtigkeitslücke. Mit Flüchtlingen hat das alles überhaupt nichts zu tun.

Die Rechten machen die Revolution, zu der die Linken nicht in der Lage waren. Matteo Salvini von der rechtsradikalen ENF-Fraktion im Europäischen Parlament hat die Linken schon in die Rumpelkammer der Geschichte verbannt. Er tönt, nicht die Linken, sondern die Rechten seien heute der "Champion der Arbeiterklasse".

Re: Nicht alle Rechte in Europa sind Faschisten, aber...

Verfasst: 07 Mär 2016, 23:08
von Wladimir30
Jenenser hat geschrieben: Wie erklärt ihr die aktuelle politische Situation in DEU? Was antwortet ihr auf Fragen zum „deutschen Charakter“?
Ich bin ebenfalls zu selten in DEU, um kompetent zur derzeitigen Situation zu antworten. Zum deutschen Charakter? Der hat sich in den 20 Jahren, seit ich hier bin, stark geändert. Ich spüre es sehr deutlich, wenn ich meiner Heimatstadt bin oder Freunde besuche. Sprich da kann ich wenig zu sagen. Leider.

Was ich sage, ist nur, dass mir die derzeitige Situation um die Flüchtlinge überhaupt nicht gefällt (vorsichtig ausgedrückt).

Re: Nicht alle Rechte in Europa sind Faschisten, aber...

Verfasst: 08 Mär 2016, 00:22
von Jenenser
Berlino10 hat geschrieben:Klar, das Erstarken der Rechten ist eine Scheisse, aber man muss auch mal die Kirche im Dorf lassen. Augstein hat das in seiner SPON-Kolummne intelligent eingeordnet.
Die Kolumne nennt sich: Erfolg der AfD – Die verwundete Demokratie.

Im russischen Fernsehbeitrag bemerkt der Korrespondent am Ende eher spöttisch, dass eigentlich alle Kräfte in Deutschland überzeugt sind, mit ihrem Handeln die Demokratie zu schützen, angefangen vom interviewten Björn Höcke über AfD, Pegida und Merkel bis zu den „liberalen Medien“. Sicher unter Einbeziehung des „Ostens“ stellt er fest, dass es halt auf Grund der Historie ein unterschiedliches Verständnis dafür gibt.

Mit dieser Theorie würde übrigens für Jakob Augstein die Rolle als Oberlehrer wegfallen.
Berlino10 hat geschrieben:Die zunehmende Verarmung, Ungerechtigkeit und Ausplünderung des Volkes durch die Finanzoligarchie ist die eigentliche Ursache für die weltweit zunehmende Unzufriedenheit mit dem korrupten und Gemeinwohl-schädlichen Establishment. ...
Schwerer Stoff für ellenlange Diskussionen in den Studentenkneipen unserer Stadt!

Die Leute, die jedoch früh raus müssen, um zu arbeiten, wollen abends allerdings nur ihre Ruhe haben. Sie machen sich Sorgen um den Erhalt ihres kleinen Wohlstands, zu dem auch die persönliche Sicherheit zählt. Dieses Befinden ist gestört.

Aber noch mal zum russischen TV-Beitrag. Mich würde schon interessieren, ob das offizielle Russland im politischen Bereich Kontakte nach Deutschland sucht. Auf Partei- und/oder Organisationsebene, um seine Interessen umsetzen zu können. Beim Thema Sanktionen fallen mir eigentlich nur „Die Linke“ oder die AfD ein...

Re: Nicht alle Rechte in Europa sind Faschisten, aber...

Verfasst: 08 Mär 2016, 00:25
von Jenenser
m5bere2 hat geschrieben: Anfang April komme ich nach Thüringen, ziemlich genau ein Jahr nach meiner Abreise.
Ganz zufällig bin ich da auch in Thüringen! Wir haben sogar Verwandtschaft/ Bekanntschaft im SLF-Kreis!

Re: Nicht alle Rechte in Europa sind Faschisten, aber...

Verfasst: 08 Mär 2016, 15:04
von m5bere2
Berlino10 hat geschrieben:Die zunehmende Verarmung, Ungerechtigkeit und Ausplünderung des Volkes durch die Finanzoligarchie ist die eigentliche Ursache für die weltweit zunehmende Unzufriedenheit mit dem korrupten und Gemeinwohl-schädlichen Establishment.
Richtig. Und ich bin schockiert, das das, was im Kapitalismus seit hunderten Jahren funktioniert, noch immer funktioniert: die Bonzen halten sich die Wut des Pöbels von Hals, indem der Pöbel aufeinander neidisch gemacht wird oder ist.

In meinem Bekanntenkreis sind es z.B. ausschließlich die "weniger erfolgreichen" oder "weniger gebildeten", die die braunste Soße ablassen, nach dem Motto "der Deutsche muss sich genug den Arsch aufreißen aber diese Flüchtlinge!!".

Würden sie gemeinsam mit den Zuwanderern gegen die Ackermänner kämpfen, dann hätten alle genug. :-) Sie sind schließlich beide mehr oder weniger Opfer dieser Ackermänner und Spekulanten.

Re: Nicht alle Rechte in Europa sind Faschisten, aber...

Verfasst: 08 Mär 2016, 21:02
von saransk
m5bere2 hat geschrieben:Richtig. Und ich bin schockiert, das das, was im Kapitalismus seit hunderten Jahren funktioniert, noch immer funktioniert: die Bonzen halten sich die Wut des Pöbels von Hals, indem der Pöbel aufeinander neidisch gemacht wird oder ist.
Und wenn der Kessel doch mal überkocht, wird später die gleiche Soße wieder gekocht. Als man die meisten Könige geköpft hatte kamen die Kapitalisten an die Macht. Als diese dann die Welt in die Krise steuerten folgten in vielen Ländern die Kommunisten und die Nazis, etc. Und keiner war einen Deut besser als das was vorher abgeschafft wurde.
m5bere2 hat geschrieben:Würden sie gemeinsam mit den Zuwanderern gegen die Ackermänner kämpfen, dann hätten alle genug. :-) Sie sind schließlich beide mehr oder weniger Opfer dieser Ackermänner und Spekulanten.
Mag sein, das dann für alle genug ist. aber Du glaubst doch nicht, das dann auch wirklich alle das gleiche abbekommen werden.
Der Traum von heile Welt und alle haben sich lieb bis zum geht nicht mehr ist doch schon im Sozialismus jämmerlich verendet und hat Deutschland mit der momentanen Generation (als Spätfolge der 68er) doch nur einen Haufen Leistungsunwilliger Egoisten und "Gutmenschen" beschert, welche politisch nur dann aktiv werden wollen, wenn es an Ihrem Weltbild kratzt.
Die ganze Lügerei fängt doch schon an, wenn ein Präsident oder Staatsratsvorsitzender eine Steuererklärung abgibt, daß selbst der Finanzbeamte Mitleidstränen vergießt. Warum wohnt er dann nicht auch in einer drei oder vier Zimmer Wohnung wie alle anderen? Ausnahmen wie Vaclav Havel oder Helmut Schmidt nehme ich jetzt mal raus.

Daß der braune Sumpf bzw dessen Parolen sich besonders in bestimmten Bevölkerungsschichten schnell verbreiten, stimmt leider.Dies wird ja auch durch gezielte Falschmeldungen (siehe Fall Lisa) gefördert. Im Bereich Propaganda wird doch anscheinend schon wieder der nächste Wachwechsel vorbereitet. Parallelen zu George Orwells 1984 drängen sich mir da auf.

Re: Nicht alle Rechte in Europa sind Faschisten, aber...

Verfasst: 08 Mär 2016, 22:34
von Alex KA
Ich denke das Deutschland feindlich zu Russland eingestellt, aus meine eigene Erfahrung in Berlin, und auch meine russischsprachigen Bekannten dort. Natürlich ich habe auch nette Leute getroffen, aber viel weniger. Wir sind als Beute angesehen, unsere Bodenschätze, und auch Spezialisten. Ich wurde vor kurzem eingeladen zu eine Besprechung - Dänische Firma sucht Mitarbeiter in Russland für wenig Geld, vermutlich es wird ganze St.Petersburg durchsucht. Mitarbeiter müssen auch gut Englisch sprechen, um Dänen gut dienen zu können. Ehrlich gesagt in solche Mitarbeit sehe ich kein Potenzial, man hilft diesen Leuten eigenes Land auszubeuten, und schließlich bekommt nichts.. Außerdem man wird von denen immer als Stuck scheiße behandelt.. Es gibt hier viele solche Firmen die als russische getarnt sind, aber bezahlt und kontrolliert von Ausländern

Re: Nicht alle Rechte in Europa sind Faschisten, aber...

Verfasst: 08 Mär 2016, 22:54
von saransk
Alex KA hat geschrieben:Wir sind als Beute angesehen, unsere Bodenschätze, und auch Spezialisten
Jeder geht doch dahin, wo ihm für sein Wissen oder seine Kenntnisse mehr angeboten wird, oder er bessere Forschungsmöglichkeiten vorfindet (familiäre Gründe, die dies verhindern schließe ich mal aus).

Das ist doch der Grund für den Brain Drain von durchaus hochqualifizierten Wissenschaftlern aus Russland, oder auch von Polen nach England etc.

Und diese (Zukunfts-)Entscheidung einem Menschen zu verbieten oder einzuschränken geht dann doch wieder direkt in den der Diktatur.

Und Bodenschätze verkauft ein Unternehmer auch an den, der ihm am meisten dafür bezahlt. Patriotismus oder Protektionismus ist nun mal eine sehr schlechte Währung im internationalen Wirtschaftskreislauf.