Vielleicht brauchen wir aber auch ein Extraforum für Religion.
Ich habe ja schon einige Male Beiträge zu religiösen Themen gebracht, die allesamt kaum bis keine Resonanz fanden, oder die umgehend in andere Themenkreise umgeleitet wurden. Das Interesse an echter religiöser Diskussion ist in diesem Forum nicht sonderlich stark ausgeprägt, was ja auch an sich verständlich ist. In diesem Forum wird viel stärkeres Gewicht auf die gegenwärtige Situation mit ihren Alltagsbesonderheiten gelegt.
Einen Grund sähe ich jedoch, die religiöse Thematik grundsätzlich auch in diesem Forum zu beachten, denn anders als im "Westen", wo sehr früh eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche bewußt installiert und durchgesetzt wurde, wurde Derartiges in Russland nie gemacht (wenn man mal von den Zeiten des Sozialismus' absieht), und die Kirche hat immer eine besondere Rolle in der Geschichte des Landes gespielt. Es galt das geflügelte Wort "Dem Zaren gehört das Land, der Kirche das Volk". Für ein tieferes Verständnis des russischen Wesens (ich möchte den absolut überstrapazierten Begriff der russischen Seele vermeiden) ist ein Verständnis des Glaubens, der Grundlagen und der Bedeutung für das Selbstverständnis der Russen, schon notwendig. Wie gesagt, derartige Fragen spielen hier in der Regel keine Rolle.
Fazit: ein Extraforum zur Religion halte ich für wenig zielführend.
Zum Thema an sich. Sowohl der Artikel als auch das Photo zeigen ganz deutlich, dass es eindeutig nicht um religiöse Fragen geht, wenn schon der Präsident in zentraler Position dabei ist und wenn ständig Politiker und politische Standpunkte in der Vordergrund gerückt werden. Insbesondere die Aussage: ""Heute ist der Tag der endgültigen Erlangung der Unabhängigkeit von Russland" zeigt überdeutlich, woher der Wind weht.
Die Verachtung der russ.-orth. Kirche seitens der griech.-orth. Kirche ist nur verständlich, haben die Griechen ihre Vormachtstellung ("Das Zweite Rom") an Moskau ("Das Dritte Rom, und ein viertes wird es nicht geben") verloren. Gekränkte Eitelkeit, mehr nicht.
Und unwidersprochen ist wohl, das der schnelle Wiederaufbau der russischen Kirche nicht alleine durch Versprechen bewerkstelligt wurde.
Ich glaube, das hat auch niemand behauptet. Hier waren zwei Personen massgeblich beteiligt: B.N. Jelzin, der die Bedeutung der Kirche grundsätzlich erkannt und gefördert hatte und der damalige Patriarch Alexij II, der die Kirche als Institution sehr geschickt wieder aufgebaut hat. Ein Geben und Nehmen, wobei vieles, sehr vieles nicht sauber im religiösen Sinne gelaufen ist. Das ist allgemein bekannt.
Die orthodoxe Kirche ist in sich uneins wie die westlichen Kirchen auch. Man schaue sich nur die vielen offiziellen Kirchen an, die aus der urspr. evangelischen Kirche hervorgegangen sind. Die beiden bekanntesten Vertreter der orthodoxen Kirche in Russland sind die off. orthodoxe Kirche und die Altgläubigen. Diese getrennten Strömungen haben aber grundsätzlich mal nichts mit Staatsgrenzen zu tun. Wiewohl sind Kirchenspaltungen fast immer direkt durch politische Erwägungen wenn nicht bestimmt, so doch forciert. Die Abspaltung der orthodoxen von der ursp. katholischen Kirche ist ein frühes Beispiel, wo es weniger um Glaubensfragen ging (die wurden im Nachhinein stärker betont, um diese Spaltung zu rechtfertigen), sondern es ging um Missionierungsgebiete (und damit um [politischen] Einfluss).