Besonnene Analyse der Situation in der Ukraine
Verfasst: 16 Apr 2022, 12:16
Ich würde gern hier im Forum eine besonnenen Meinungsaustausch dazu führen, was hinter der "Spezialoperation" in der Ukraine steckt. Ohne Schaum vor dem Mund, ohne Hitler-Vergleiche, ohne pauschale Vorwürfe. Sondern wirklich sachlich hinterfragend. Bei groben Verstößen gegen diese Idee, werde ich radikal in die Kaffeebar auslagern.
Ich frage mich immer wieder, wieso es zu dieser Situation kam und was die Beweggründe sein könnten. Aktuell scheint ja vordergründig keine Seite irgendetwas gewonnen zu haben.
Nachfolgend meine Deutungsversuche. Wenn Ihr weitere habt, gern ergänzen. Gern auch Eure Gedanken zu meinen Varianten - aber wie schon gesagt, ohne irgendwelche Polemik. Ich würde mich über eine sachliche Abwägung von Gedanken freuen.
Variante Fehleinschätzung
Immer wieder liest man davon, dass die russische Führung wirklich daran geglaubt haben könnte, sie werden zumindest im russischsprachigen Teil der Ukraine mit Freude willkommen geheißen. Ein schneller Umsturz - quasi die Umkehr der 2014er Revolution - könnte gelingen. Die nachfolgenden Probleme im Rest des Landes könne man lösen, ähnlich wie es Kiew in Kharkiv oder Minsk in ganz Weißrussland gelang.
Dafür spricht, dass am ersten Abend bereits russische Hubschrauber über Kiew kreisten und dieses Ziel nahe schien. Ebenso der angeblich aus Versehen veröffentlichten Kommentar bei Ria Nowosti.
Die Sanktionen hätte man überstanden, so lange die Zahl der zivilen Opfer überschaubar geblieben wäre.
Es ist nicht unplausibel, dass sich um einen sehr lange regierenden Führer wie Putin zu viele Ja-Sager gesammelt haben und niemand den Mut hatte, davon abzuraten. Andererseits ist eine so grobe Fehleinschätzung auch wieder unlogisch.
Variante Eingriff so lange noch möglich
Russland vertritt die These, dass von außen mit Propaganda und Geld ein immer größerer Keil zwischen Brudervölker Ukraine und Russland getrieben würde. Wenn man es nüchtern betrachtet, ist dies sicher so - wobei man natürlich darüber streiten kann, wessen Schuld es ist. Aber das will ich hier nicht diskutieren.
Zweifelsohne kann Russland argumentieren - dass ein härteres Durchgreifen während der Revolution 2014 den heutigen Krieg verhindert hätte. Folgt man dieser Logik, so dreht sich die Spirale immer weiter und Russland könnte den gestarteten Konflikt als letzte Chance gesehen haben, noch zu reagieren. Bevor die Ukraine weiter aufrüstet, noch stärker wird, und ein Eingriff endgültig unmöglich wird. Dass es aktuell scheitert, wäre dann ein Zeichen dafür, dass es schon zu spät war.
Ziel wäre in dieser Variante gewesen, zu verhindern, dass "der Westen" irgendwann die Möglichkeiten hat, aktiv militärisch einen Regierungswechsel in Moskau zu unterstützen, wie in Bagdad, Kabul, Tripolis oder (gescheitert) in Damaskus.
Variante Ablenkungsmanöver Nordukraine mit Ziel Südukraine
Nicht auszuschließen, dass der Vormarsch Richtung Kiew nur ein Druckmittel war, um im Süden letztlich die eigentlichen Ziele - unabhängige DNR und LNR in den Grenzen der einstigen Oblaste - als Kompromiss zu erreichen, welchem alle zustimmen.
Hätten sie hingegen nur dort gekämpft, dann wäre hier eine Zustimmung zu Gebietsverlusten für die ukrainische Führung schlicht unmöglich, sie würden es politisch nicht überleben. Aber zu den Zeiten, als Kiew fast eingekreist war, hätte man es vielleicht als Lösung gesehen.
Dafür spricht, dass Russland der Ukraine zwischenzeitlich Wortbruch nach den letzten Gesprächen in Istanbul vorwirft, ohne ins Detail zu gehen. Es könnte bedeuten, dass der Rückzug rund um Kiew als erstes Entgegenkommen vereinbart wurde, nun aber Kiew einen Rückzieher von weiteren Gesprächen macht.
Variante drohender Angriff der NATO / Giftgasforschung / Atomwaffen
Dass die USA auch mit ukrainischen Universitäten im Bereich Kampfmittel geforscht haben, ist bekannt. Was genau dies bedeutet, ist strittig.
Im World Wide Schwurbelnetz kursieren Theorien, dass in es unter Mariupol 50 km geheimer Gänge gäbe, in denen NATO-Offiziere festsitzen würden, etc.
Bekannt ist, dass Selensky bei der letzten Münchner Sicherheitskonferenz um Atomwaffen gebeten hat, nachdem Russland die Grenzen verschoben hat und damit das Budapester Abkommen (atomare Abrüstung der Ukraine im Gegenzug zu territorialer Anerkennung durch Russland) hinfällig ist. Es wurde wohl nicht widersprochen.
Ebenso habe ich schon die Variante gehört, dass es fixe Planungen gegeben hätte, Russland am 26.4. anzugreifen - weswegen Amerika auch so genau gewusst hätte, wann Russland zuschlägt. Diese Stellungen hätte demnach Russland beim Erstschlag zerstört, weswegen man sie nicht mehr nachweisen könnte.
Meine Formulierungen zeigen vermutlich schon, dass ich persönlich diesen Thesen wenig Glauben schenke, aber in so eine Liste der Varianten gehört es rein.
Variante Amerika schwächt Russland und Europa wirtschaftlich, China schaut zu
Wenn man es ganz nüchtern betrachtet profitieren aktuell vor allem Amerika und China.
Amerikas Militärbündnis ist sich einig wie nie, und hat neue spannende Beitrittskandidaten. Die Aufrüstungsziele, von denen auch die amerikanische Industrie profitieren wird, wurden deutlich hochgeschraubt. Wirtschaftlich wird Europa durch höhere Energiepreise leicht geschwächt, während Amerika durch Energieexporte gestärkt wird.
Der seit 2000 wieder erstarkte Konkurrent Russland wird politisch und wirtschaftlich völlig isoliert. Die Stimmung ist mies wie zuletzt in den 1970er Jahren und eine nochmalige Erholung wie die letzten 20 Jahre ist aktuell kaum vorstellbar.
China schaut ruhig zu: Als Markt wird Russland bedeutender, da China die Sanktionen nur toleriert, aber kaum beachtet. Russische Rohstoffe wird China nun wesentlich einfacher bekommen, dank der geografischen Nähe und fehlender anderer Abnehmer.
Ist Russland hier eventuell nur leichtsinnig über das Stöckchen gesprungen, welches Amerika provozierend hingehalten hat?
Variante Amerika dezimiert Russlands militärische Schlagkraft
Dieselbe Idee, nur aus militärischer Sicht: Für Amerika läuft es militärisch ideal ... fremde Soldaten dezimieren mit altem NATO-Schrott einen der größten Feinde. In Friedenszeiten hätte es niemals eine Chance gegeben, eine so entscheidende Dezimierung von Russlands Armee zu erreichen, nicht einmal mit Abrüstungsverträgen.
Nun verschießen die Russen ihre ganzen Iskander, verlieren Schiffe, von den Verlusten an Land (Panzer, Generäle, einfache Soldaten) ganz zu schweigen. Während die NATO keinen einzigen Soldaten einsetzt und nur größtenteils ausgediente Waffen meist noch auf Kredit an die Ukraine abgibt.
War dies vielleicht die ganze Idee? Aber wieso hat Russland diese Lunte nicht gerochen?
Ich frage mich immer wieder, wieso es zu dieser Situation kam und was die Beweggründe sein könnten. Aktuell scheint ja vordergründig keine Seite irgendetwas gewonnen zu haben.
Nachfolgend meine Deutungsversuche. Wenn Ihr weitere habt, gern ergänzen. Gern auch Eure Gedanken zu meinen Varianten - aber wie schon gesagt, ohne irgendwelche Polemik. Ich würde mich über eine sachliche Abwägung von Gedanken freuen.
Variante Fehleinschätzung
Immer wieder liest man davon, dass die russische Führung wirklich daran geglaubt haben könnte, sie werden zumindest im russischsprachigen Teil der Ukraine mit Freude willkommen geheißen. Ein schneller Umsturz - quasi die Umkehr der 2014er Revolution - könnte gelingen. Die nachfolgenden Probleme im Rest des Landes könne man lösen, ähnlich wie es Kiew in Kharkiv oder Minsk in ganz Weißrussland gelang.
Dafür spricht, dass am ersten Abend bereits russische Hubschrauber über Kiew kreisten und dieses Ziel nahe schien. Ebenso der angeblich aus Versehen veröffentlichten Kommentar bei Ria Nowosti.
Die Sanktionen hätte man überstanden, so lange die Zahl der zivilen Opfer überschaubar geblieben wäre.
Es ist nicht unplausibel, dass sich um einen sehr lange regierenden Führer wie Putin zu viele Ja-Sager gesammelt haben und niemand den Mut hatte, davon abzuraten. Andererseits ist eine so grobe Fehleinschätzung auch wieder unlogisch.
Variante Eingriff so lange noch möglich
Russland vertritt die These, dass von außen mit Propaganda und Geld ein immer größerer Keil zwischen Brudervölker Ukraine und Russland getrieben würde. Wenn man es nüchtern betrachtet, ist dies sicher so - wobei man natürlich darüber streiten kann, wessen Schuld es ist. Aber das will ich hier nicht diskutieren.
Zweifelsohne kann Russland argumentieren - dass ein härteres Durchgreifen während der Revolution 2014 den heutigen Krieg verhindert hätte. Folgt man dieser Logik, so dreht sich die Spirale immer weiter und Russland könnte den gestarteten Konflikt als letzte Chance gesehen haben, noch zu reagieren. Bevor die Ukraine weiter aufrüstet, noch stärker wird, und ein Eingriff endgültig unmöglich wird. Dass es aktuell scheitert, wäre dann ein Zeichen dafür, dass es schon zu spät war.
Ziel wäre in dieser Variante gewesen, zu verhindern, dass "der Westen" irgendwann die Möglichkeiten hat, aktiv militärisch einen Regierungswechsel in Moskau zu unterstützen, wie in Bagdad, Kabul, Tripolis oder (gescheitert) in Damaskus.
Variante Ablenkungsmanöver Nordukraine mit Ziel Südukraine
Nicht auszuschließen, dass der Vormarsch Richtung Kiew nur ein Druckmittel war, um im Süden letztlich die eigentlichen Ziele - unabhängige DNR und LNR in den Grenzen der einstigen Oblaste - als Kompromiss zu erreichen, welchem alle zustimmen.
Hätten sie hingegen nur dort gekämpft, dann wäre hier eine Zustimmung zu Gebietsverlusten für die ukrainische Führung schlicht unmöglich, sie würden es politisch nicht überleben. Aber zu den Zeiten, als Kiew fast eingekreist war, hätte man es vielleicht als Lösung gesehen.
Dafür spricht, dass Russland der Ukraine zwischenzeitlich Wortbruch nach den letzten Gesprächen in Istanbul vorwirft, ohne ins Detail zu gehen. Es könnte bedeuten, dass der Rückzug rund um Kiew als erstes Entgegenkommen vereinbart wurde, nun aber Kiew einen Rückzieher von weiteren Gesprächen macht.
Variante drohender Angriff der NATO / Giftgasforschung / Atomwaffen
Dass die USA auch mit ukrainischen Universitäten im Bereich Kampfmittel geforscht haben, ist bekannt. Was genau dies bedeutet, ist strittig.
Im World Wide Schwurbelnetz kursieren Theorien, dass in es unter Mariupol 50 km geheimer Gänge gäbe, in denen NATO-Offiziere festsitzen würden, etc.
Bekannt ist, dass Selensky bei der letzten Münchner Sicherheitskonferenz um Atomwaffen gebeten hat, nachdem Russland die Grenzen verschoben hat und damit das Budapester Abkommen (atomare Abrüstung der Ukraine im Gegenzug zu territorialer Anerkennung durch Russland) hinfällig ist. Es wurde wohl nicht widersprochen.
Ebenso habe ich schon die Variante gehört, dass es fixe Planungen gegeben hätte, Russland am 26.4. anzugreifen - weswegen Amerika auch so genau gewusst hätte, wann Russland zuschlägt. Diese Stellungen hätte demnach Russland beim Erstschlag zerstört, weswegen man sie nicht mehr nachweisen könnte.
Meine Formulierungen zeigen vermutlich schon, dass ich persönlich diesen Thesen wenig Glauben schenke, aber in so eine Liste der Varianten gehört es rein.
Variante Amerika schwächt Russland und Europa wirtschaftlich, China schaut zu
Wenn man es ganz nüchtern betrachtet profitieren aktuell vor allem Amerika und China.
Amerikas Militärbündnis ist sich einig wie nie, und hat neue spannende Beitrittskandidaten. Die Aufrüstungsziele, von denen auch die amerikanische Industrie profitieren wird, wurden deutlich hochgeschraubt. Wirtschaftlich wird Europa durch höhere Energiepreise leicht geschwächt, während Amerika durch Energieexporte gestärkt wird.
Der seit 2000 wieder erstarkte Konkurrent Russland wird politisch und wirtschaftlich völlig isoliert. Die Stimmung ist mies wie zuletzt in den 1970er Jahren und eine nochmalige Erholung wie die letzten 20 Jahre ist aktuell kaum vorstellbar.
China schaut ruhig zu: Als Markt wird Russland bedeutender, da China die Sanktionen nur toleriert, aber kaum beachtet. Russische Rohstoffe wird China nun wesentlich einfacher bekommen, dank der geografischen Nähe und fehlender anderer Abnehmer.
Ist Russland hier eventuell nur leichtsinnig über das Stöckchen gesprungen, welches Amerika provozierend hingehalten hat?
Variante Amerika dezimiert Russlands militärische Schlagkraft
Dieselbe Idee, nur aus militärischer Sicht: Für Amerika läuft es militärisch ideal ... fremde Soldaten dezimieren mit altem NATO-Schrott einen der größten Feinde. In Friedenszeiten hätte es niemals eine Chance gegeben, eine so entscheidende Dezimierung von Russlands Armee zu erreichen, nicht einmal mit Abrüstungsverträgen.
Nun verschießen die Russen ihre ganzen Iskander, verlieren Schiffe, von den Verlusten an Land (Panzer, Generäle, einfache Soldaten) ganz zu schweigen. Während die NATO keinen einzigen Soldaten einsetzt und nur größtenteils ausgediente Waffen meist noch auf Kredit an die Ukraine abgibt.
War dies vielleicht die ganze Idee? Aber wieso hat Russland diese Lunte nicht gerochen?