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Wie integriert Ihr Euch?
Verfasst: 01 Dez 2005, 17:48
von Xottabych
Hallo miteinander,
nicht zuletzt aufgrund der juengeren Diskussion zum Thema "Europa ist krank" wuerde mich sehr interessieren, inwieweit Ihr (die Emigranten unter uns) Euch an die russische Gesellschaft anpasst (bzw. fuer die Russen hier: an die deutsche Gesellschaft). Ist das ueberhaupt noetig? Was bereitet Euch Schwierigkeiten?
Schoenen Gruss!
Verfasst: 05 Dez 2005, 00:16
von willi
Hallo Waldmeister,
Kompliment, hast du gefickt eingeschädel!
Da haben wir uns doch tagelang heiss geredet und jetzt bei der Gegenfrage - steht tagelang, jeder schaut mal rein aber alle schweigen beschämt und haben nichts dazu zu sagen. Nu da, kalt am Arsch erwischt...
Die Frage ist ja durchaus berechtigt. Also was tue ich für die Integration...?
Ehrlich gesagt nicht viel. Integration heisst ja eigentlich "am sozialen Leben teilnehmen", Fussball, Vereine, diskutieren über das neue 600er Mercedes Cabrio,... was auch immer. Somit habe ich mich genau genommen schon in Deutschland nur bedingt integriert. Und was mache ich im Ausland. Eigentlich auch nichts, zumindest nicht aktiv.
Klar das man auf dem Stadtfest oder samstags auf dem Markt einkauft um ein wenig Präsents zu zeigen aber arg viel weiter reichts halt auch nicht.
Nun, bin Minimalist und als solcher fällt man zumindest nicht negativ auf, ist doch auch schon mal was, lass uns das mal nicht klein reden!
Verfasst: 05 Dez 2005, 12:10
von Dietrich
Pro Integration:
Ich habe eine Russin geheiratet, spreche 95% des Tages (ausser mit meiner kleinen Tochter) nur russisch.
Ich kaufe auf dem Rinok oder beim Gastronom, fahre Bus und Metro. Trinke russisches Bier und esse fuer mein Leben gerne geraeucherten Kaese und Vobla.
Contra:
Ich sitze abends nicht 'na ploschade" und trinke Bier mit meinen Towarischi.
Ich trage Schuhe die vorne rund auslaufen. Gehe nie mit Trainigshose auf die Strasse und habe einen Rucksack und kein kleines Taeschchen.
Ausserdem rotze ich nicht alle 2 meter auf den gehweg, rauche nicht und fluchen tu ich auch recht wenig....
Verfasst: 05 Dez 2005, 19:08
von Xottabych
Ich fand eine allgemeine Anpassung an russische Gepflogenheiten auch ziemlich unproblematisch, bisher zumindest.
Die russische Sprache zu sprechen ist im Falle „Deutsche in Russland“ auch die Regel, denke ich, weil es ja nur Vereinzelte gibt (ich meine natuerlich nicht die Russlanddeutschen). Damit ist, nebenbei bemerkt, schon mal ne Menge fuer Integration getan.
Kleidung, auf die Strasse spucken… na ja, das sind halt solche Kleinigkeiten. Ich selbst achte da mehr drauf, um mich nicht als Zielscheibe hervorzuheben (ohne das jetzt vertiefen zu wollen, aber ich weiss schon, wovon ich spreche).
Meine Erfahrung: Das Zusammenleben mit den Leuten hier in RUS ist fuer mich immer dann problemlos, wenn ich Diskussionen mit Russen um Themen von Politik und Gesellschaft vermeide. Alle Gespraeche ueber Fussball, Frauen, Essen, Bier, Witze erzaehlen…Smalltalk im allgemeinen – das ist alles kein Problem. Aber: Wenn sich das Gespraech dann doch in Richtungen Politik und Wertvorstellungen bewegt, wird’s auch jedes mal schwierig! Zumindest geht’s mir so.
Und gerade dann wird es ja interessant, weil es um abstraktere Themen der persoenlichen Identitaet geht. Hier mache ich selbst auch die groessten Zugestaendnisse in Sachen Integration, und darauf lief meine Frage eigentlich hinaus.
Beispiele:
- lasse ich mich auf Diskussionen ein wie „Zigeuner sind alle kriminell“, oder „Frauen an den Herd“ oder „Auslaender sind Parasiten“ oder „Russland ohne Hadschis“? Wann und wie vehement bin ich bereit, ueberhaupt Positionen zu vertreten (man will ja schliesslich nicht der besserwissende Westler sein)? Was tue ich, wenn jemand in der Runde damit anfaengt, gegen Juden zu hetzen? Integriere ich mich zumindest insoweit, als dass ich dem allgemeinen Tenor nicht widerspreche, obwohl ich anderer Meinung bin? Ich tue das zwar schon, aber irgendwann bin ich doch besser still, der Integration wegen.
Nicht falsch verstehen: Ich behaupte ausdruecklich nicht, dass alle Leute in RUS mit solchen Positionen aufwarten!!!
- Heirate ich meine(n) Verlobte(n) auch dann, wenn die Familie von mir verlangt, dass ich den Glauben wechseln muss?
- Gehe ich mit meinen Kollegen etc. in die Banja des Gemeinschaftsgefuehls wegen, auch wenn’s mir selbst dort vielleicht nicht gefaellt?
- Serviere ich meinen Gaesten Vodka?
- Tue ich ganz allgemein gesagt russischer, als ich eigentlich bin?
- Und inwieweit uebernehme ich die hier vorherrschenden Wertvorstellungen, sei es bewusst oder unbewusst?
Klar: Es ist immer eine Gratwanderung zwischen der eigenen Identitaet und Anpassung, und mit gesundem Menschenverstand klappt das ja auch! Aber ich habe selbst schon einige male auch schon recht unangenehme Situationen erlebt, besonders dann, wenn der Verstand nicht so schnell war. Oder wenn ich eben NICHT dazu bereit war, die eigene Meinung zu verschweigen, mich also ein Stueck weit selbst zu verleugnen.
Verfasst: 06 Dez 2005, 21:29
von willi
Tja, das leidige Problem mit der Sprache...Bin zwar schon über ein Jahr da aber ohne DDR-Vergangenheit, mit deutscher Wohngemeinschaft, Dolmetscher am Arbeitsplatz und Freundin die Englisch spricht sind das ja auch nicht unbedingt gute Voraussetzungen. Abends spät von der Arbeit heimkommen, dann erstmal Nahrungsbeschaffung, da geht nicht viel. Bring immer noch keinen geraden Satz zusammen aber ernte doch immer wieder Anerkennung wenn ich's mal versuche. Mit anderen Sprachen ist es mir leichter gefallen aber waren eher die Umstände,- allein in fremder Umgebung und ohne Dolmetscher.
Was Politik anbetrifft hab ich mir in jungen Jahren auch den Mund fusselig geredet aber mittlerweile lass ich es auch sein. Geht ja nicht. Wie will man einem Afrikaner erklären was Schnee ist...
Da ist der Informationsstand schon viel zu unterschiedlich zu, was haben die Leute in der Schule gelernt, was geben die Medien her, welcher Bildungsstand und welche Informationen sind ihnen überhaupt zugänglich. Kann man ihnen aber auch keinen Vorwurf draus machen.
Im Gegensatz dazu die "frei Welt"... denke da nur mal dran dass mir in Amerika ein Ingenieur stolz zuhause die Toilette zeigt mit dem Hinweis dass es fliessend Wasser gibt, und bei Bedarf sogar warm! Nein, gibt's in Deutschland nicht! Dafür laufen die Frauen morgens mit Krügen auf dem Kopf in farbenfrohen Gewändern zur Wasserstelle. Ehrlich gesagt, ein Anblick den ich nicht missen möchte.
Verfasst: 08 Dez 2005, 14:56
von Dietrich
waldmeister hat geschrieben:I
- lasse ich mich auf Diskussionen ein wie „Zigeuner sind alle kriminell“, oder „Frauen an den Herd“ oder „Auslaender sind Parasiten“ oder „Russland ohne Hadschis“? Wann und wie vehement bin ich bereit, ueberhaupt Positionen zu vertreten (man will ja schliesslich nicht der besserwissende Westler sein)?
Das kommt darauf an mit wem man zusammen ist. Mit wildfremden natuerlich nicht. Aber wenn ich die Leute kenne... wieso sollte ich da nicht meine Meinung sagen?
waldmeister hat geschrieben:
Was tue ich, wenn jemand in der Runde damit anfaengt, gegen Juden zu hetzen? Integriere ich mich zumindest insoweit, als dass ich dem allgemeinen Tenor nicht widerspreche, obwohl ich anderer Meinung bin?
Also zustimmen werde ich da wohl nicht. Und wenn ich sehe das Argumente nichts bringen, dann schweige ich und denke mir meinen Teil.
waldmeister hat geschrieben:- Heirate ich meine(n) Verlobte(n) auch dann, wenn die Familie von mir verlangt, dass ich den Glauben wechseln muss?
War bei mir nicht so, aber ich haette es nicht getan! Und wenn es sogar die Verlobte 'verlangt'.... soll das etwa Liebe sein?
waldmeister hat geschrieben:
- Gehe ich mit meinen Kollegen etc. in die Banja des Gemeinschaftsgefuehls wegen, auch wenn’s mir selbst dort vielleicht nicht gefaellt?
Ich gehe lieber mit meiner Frau in die Banja!
waldmeister hat geschrieben:- Serviere ich meinen Gaesten Vodka?
Wenn sie gerne welchen trinken.... warum nicht! Muss ich allerdings erst kaufen... habe keinen zuhause!
waldmeister hat geschrieben:- Und inwieweit uebernehme ich die hier vorherrschenden Wertvorstellungen, sei es bewusst oder unbewusst?
Wenn ich fuer mich entscheide, dass diese Vorstellungen gut und richtig sind... dann vielleicht. Sonst nicht. Aber das geht mir bei typisch deutschen Wertvorstellungen auch so (hoffe ich zumindest!)
Also verleugnen werde ich mich nicht....
Aber ich werde auch nicht mit meinen 'ueberlegenen deutschen Wertvorstellungen' durch die Gegend ziehen und versuchen die Leute zu missionieren!
Dietrich
Verfasst: 08 Dez 2005, 18:12
von 7punkt
hc_blacki hat geschrieben:Dietrich hat geschrieben:
Ich gehe lieber mit meiner Frau in die Banja!
Wir auch......
Meinste jetzt etwa ......Dietrichs Frau?

Verfasst: 08 Dez 2005, 22:29
von Simone
Sichtweise einer Deutschen zum Thema Integration:
Ich bin nicht mit einem Russen verheiratet, sondern mit Deutsch-Mann hier und trotzdem recht gut integiert. Wir sprechen deutsch daheim und sitzen bei ARD und ZDF in der ersten Reihe. Wir leben seit über drei Jahren hier als sogenannte "Expats". Und?
Ich kaufe auf dem Rinok ein und fahre jeden Abend Schwarztaxi - und das alles zu (niedrigeren) Preisen, die die meisten meiner russischen Arbeitskollegen gar nicht kennen. Ich muß bei den GAIs nix zahlen und fahre auf den Magistralen immer 120km/h+ und genauso chaotisch wie die Jungs hier. Und?
Ich denke, es ist wichtig, bei all dem Treiben hier sich treu zu bleiben. Klar bin ich eine Njemka und das ist eher von Vorteil, denn wir Deutschen genießen hier ja so einen Bonus. Ich spreche so gut Russisch, daß ich in
allen Lebenslagen sehr gut durchkomme - natürlch grammatikalisch nicht perfekt und mit Akzent. Und?
Ich habe die Menschen hier sehr gerne. Es braucht eine Weile, ehe sie sich öffnen und aus sich raus gehen, doch dann wird es so wunderbar.
Jeder muß einfach seine Nische in dieser großen Stadt finden und dort das beste drauss machen. Russen und Deutsche sind sehr verschieden, aber diese Unterschiede darf man belächeln und die eigenen auch kritisieren, doch wenn man hier lebt, sollte man nur, die potiven Gegensätze sowie unsere Gemeinsamkeiten betonen - dann wird das Leben auch lebenswert.
Integration hängt zu 100% von einem selbst ab - man muß es nur wollen.
Verfasst: 09 Dez 2005, 13:02
von Sibirier
Simone hat geschrieben:
Integration hängt zu 100% von einem selbst ab - man muß es nur wollen.
So sehe ich das auch.
Verfasst: 13 Dez 2005, 14:02
von Xottabych
2 Ergaenzungen haette ich noch:
- Internationale Ehen sind ein postiver Sonderfall. Oder? Ich meine, man wird ja quasi automatisch in Bekanntenkreise und in die Familie eingefuehrt. Da sind die groessten Huerden wahrscheinlich schon mal ueberwunden?
- Es kommt glaube ich sehr darauf an, ob man nur ein einzelner Auslaender unter vielen Einheimischen ist; und falls nicht, inwieweit man sich trotzdem aktiv(!) um soziale Kontakte zur einheimischen Gesellschaft bemueht.
Ich finde, ein guter Gradmesser fuer Integration ist die Anzahl einheimischer guter Bekannter/Freunde (also solche, die man auch mal einlaedt, nicht Arbeitskollegen u.a.). Auf Essgewohnheiten, Kleidung usw. kommts nur in zweiter Linie an.
Beispiel:
Meine georgischen Nachbarn braten sich auch staendig Maultaschen an, fahren BMW, kaufen im Supermarkt ein, interessieren sich fuer Fussball, schauen irgendwelchen Kaese im Fernsehen an (auf deutsch), gehen in Hollywood-Filme, grillen auf dem Balkon etc etc… Sie unterhalten sich auch mit anderen Leuten auf Deutsch, ziemlich gut sogar. Auch von sich aus. Jedoch nur, wenn gerade kein anderer Georgier (zur Not auch sonstiger Ukrainer, Litauer…) in der Naehe ist.
Sie haben aber keine deutschen Freunde/Bekannte (ausser mir – weil ich anscheinend wisse, wie man bei ihnen – also der ehem SSSR – lebe… Am Rande: Hab ich da vielleicht in Russland mir schon irgendwelche Denkmuster angeeignet, ohne es zu merken…?).
Also, obwohl sie genau das gleiche tun wie fast alle anderen Menschen in Deutschland, auch am sozialen Leben teilnehmen, Deutsche Bekanntschaften haben, sind sie trotzdem nicht in die deutsche Gesellschaft integriert. Sie werden im Gegenteil eher mit Strinrunzeln betrachtet! Das merken die aber nicht, weil Konfrontationen ausbleiben!
Andersherum beobachte ich immer wieder, dass einzelne Auslaender sich am allerbesten integrieren. Das sind dann auch meistens die, die ich selbst zu meinen naeherern Bekannten zaehle. Oder sie sind bzw. werden fuerchterlich einzelgaengerisch.
Natuerlich haengt es in diesem Fall auch sehr von der Veranlagung ab. Wer sich allgemein schwer tut im Umgang mit Menschen, fuer den wird’s ja wohl in nem fremden Land noch komplizierter. Da ist es wahrscheinlich gerade egal, ob man von Stuttgart nach Bielefeld, oder von Deutschland nach Russland umzieht.
Irgendwer hatte im „Europa“-Thread mal das Beispiel der polnischen Einwanderer ins Ruhrgebiet erwaehnt, als Beispiel fuer eine gelungene Integration. Ich hab den Eindruck, eine volle Integration in diesem Sinne hat fuer sich selbst unter den hier Anwesenden niemand vor, oder hab ich da was falsch verstanden? Und daran, sich seine kulturellen Wurzeln erhalten zu wollen, ist ja auch nichts auszusetzen.
Aber gut, ich gehe mal davon aus, dass die hier Anwesenden „Einwanderer der 1. Generation“ sind, bzw. im Zweifel auch nach ein paar Jahren nach Deutschland zurueckziehen wollten.
Jetzt waere evtl. noch interessant zu erfahren, ob bei den Kindern ebenfalls noch die deutsche Kultur mit anerzogen werden soll. Also bewusst meine ich!
Na ja.
Es ist jedenfalls sehr erfreulich, dass Ihr Euch selbst als relativ gut integriert empfindet. Das kann aber auch daran liegen, dass von Euch noch niemand in eine ernsthafte interkulturelle Konfliktsituation geraten ist (a la Kopftuchstreit, Religionsunterricht, unfreiwillige Ghettobildung, gesellschaftliche Benachteiligung…).
Kein Missverstaendnis! Ich machs genau so wie Ihr, versuche, mir die Rosinen aus beiden Welten herauszupicken. Aber wollen hoffen, dass das so easy bleibt. Wer weiss, in welche Richtung sich Russland entwickeln wird?
Ich denke, solange es nur vereinzelte Einwanderer aus Deutschland in Russland gibt, wird’s kaum problematisch werden. Aber wehe, es kommt doch mal zu Problemen! Dass sich niemand wundert, wenn man Kindern oder Enkeln vorwirft, immer noch nicht zu echten Russen geworden zu sein…
Schoenen Gruss!