Und einen (laengeren) Bericht auf deutsch aus der "Jungen Welt".
Dafuer braucht man eigentlich ein login, aber bei Google im Cache konnte man den Bereicht auch so lesen....
»Hitler kaputt«
Kaum ein junger Deutscher kennt den konkreten Ursprung der Worte
Der Ausspruch »Hitler kaputt« hat gute Chancen, im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verschüttzugehen. Umfragen unter deutschen Studenten der Sozial- und Geisteswissenschaften (insbesondere der Zeitgeschichte und der Osteuropawissenschaften), spontan organisiert in den Jahren 2000 und 2001 an Universitäten in Leipzig, Münster und Berlin, ergaben einen ernüchternden Befund. 33 von 60 der vornehmlich 19- bis 25jährigen hatten die Worte so noch nie gehört; weitere zwölf stellten zum Ursprung bzw. zum historischen Zusammenhang nur vage Vermutungen an. Es mag an den eindeutigen historischen Bezügen liegen, die Weiterverwendung und häufigen Gebrauch unmöglich machen. »Hitler kaputt« wurde nicht zur Redewendung, es hat nichts von einer Metapher. Doch gilt das heute so ausschließlich nur für den deutschen Sprachraum. Im Russischen wird der Ausdruck ausnahmsweise auch einmal metaphorisch benutzt, zum Beispiel anstelle von »Ende«, »Alles verloren« oder »Das Spiel ist aus.« Das soll witzig klingen und wird in der Regel auch so aufgefaßt. In Deutschland hört man die Formel nur im historischen Kontext und auch das immer seltener.
Die Berührungsängste gehen auf die Tatsache zurück, daß die Worte an einen unrühmlichen Abschnitt deutscher Geschichte erinnern, an das katastrophale Ende eines grausamen, verbrecherischen deutschen Staates. »Hitler kaputt« steht für die militärische Niederlage der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg und den von außen erzwungenen politischen Zusammenbruch des »Dritten Reiches« unter Adolf Hitler, für die Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus durch die alliierten Siegermächte im Mai 1945. Diese allgemeine Sinngebung vermag hierzulande jeder vorzunehmen, der den Namen Hitler historisch einordnen kann. Zugleich kennt 55 Jahre nach Kriegsende kaum ein junger Deutscher den konkreten Ursprung der Worte. Viele vermuten einen Zusammenhang zu Hitlers Selbstmord am 30. April 1945. Nur etwa jeder Siebte der im Geschichtsstudium Stehenden kann Situationen rekonstruieren, in denen diese Worte einst fielen. Demgegenüber scheint für die übergroße Mehrheit der älteren Deutschen, vor allem für jene, die das Kriegsende in Ost- und Mitteldeutschland miterlebt haben, zweifelsfrei festzustehen: »Das haben die Russen gesagt, als sie 1945 in Deutschland einmarschiert sind.« Das ist richtig, doch es ist nur die halbe Wahrheit.
Der kauderwelschende »Iwan«
In Deutschland nahm und nimmt man an (und selbst die nichtinformierten Studenten äußerten Vermutungen vor allem in dieser Richtung), der Ausdruck gehe auf »die Russen« oder zumindest auf des Deutschen nicht mächtige Kriegsgegner Nazideutschlands zurück. Der kauderwelschende »Iwan« bestimmt das Bild, das, wie gesagt, real Erlebtes und massenhaft Weiterberichtetes durchaus wirklichkeitsgetreu wiedergibt. Doch warum hat das kollektive Gedächtnis der Deutschen kaum solche Bilder bewahrt, die heute noch unter den Kindern und Enkeln der »Iwans« kursieren? Umfragen unter russischen Jugendlichen ergaben nämlich markante Unterschiede zu den Überlieferungsspuren in Deutschland. Nicht nur, daß dieses Wortpaar selbst jungen Russen fast ausnahmslos bekannt ist. Die meisten von ihnen verbinden mit »Hitler kaputt« auch eine mehr oder weniger bildhafte historische Szenerie, die nicht allein auf der sinnfälligen Kombination der Wortinhalte fußt. Das Bemerkenswerteste aber ist, daß ein Großteil der Befragten solche Szenen im Kontext des Zweiten Weltkrieges beschreibt, in denen diese Worte von Deutschen gesprochen werden. 32 von 76 Studenten der Geschichtswissenschaften in der zentralrussischen Stadt Woronesh, mehrheitlich 19 bis 23 Jahre alt, rekonstruierten einen deutschen Ursprung des Ausspruches beziehungsweise hielten in ihren frei strukturierten Antworten (auch) Episoden fest, wo »Hitler kaputt« aus einem deutschen Munde kam. Im deutschen Gedächtnis fehlen solche Episoden fast gänzlich. Zur unterschiedlichen Erinnerungsleistung kommt also eine inhaltliche Differenz in der Überlieferung hinzu.
Ist nun die mittlerweile blasse deutsche Erinnerung obendrein noch beschädigt, oder ist die starke und bildhafte russische zusätzlich mit falschen Anekdoten bestückt? Wer sagte wann zu wem und unter welchen Gegebenheiten tatsächlich zum ersten Mal »Hitler kaputt«? In Rußland wird gelegentlich vermutet, der Ausspruch ginge auf Lewitan, den legendären Sprecher von Radio Moskau, zurück (1); eine andere häufig anzutreffende Erklärung lautet, der Deutsche Generalfeldmarschall Paulus hätte die Worte bei der Kapitulation seiner Armee vor Stalingrad als erster ausgerufen (2). Beides ist Legende. Die Historiographie nennt bisher kein Einzelereignis, welches als Schlüsselbegebenheit gelten kann. Sie kennt keine konkrete Person, die den Ausspruch in Umlauf brachte. Folglich muß die Frage nach dem Ursprung der Wortverbindung eine nach den allgemeinen historischen Konstellationen sein, wobei sprachlich-kulturellen Aspekten Beachtung zu schenken ist.
Memoirenliteratur und Belletristik taugen als Quellen nur bedingt, denn jedes Nachkriegswerk steht im Verdacht, die zeitlichen Abläufe zu verklären. Zeitgenössische sowjetische Publizistik verwendete den Begriff, soweit überschaubar, nicht vor 1942. Daß er noch zu Beginn der Kämpfe auf deutschem Boden, also Anfang 1945, vielen Rotarmisten nicht geläufig war, geht aus sowjetischen Soldatenbriefen der letzten Kriegsmonate hervor. Sie bezeugen außerdem, daß der Sinn der Worte von einem Russen nicht einmal zu erraten ist. Wenn Frontsoldaten ihren Angehörigen schrieben, die besiegten Deutschen würden nun »Hitler kaputt« rufen, so folgte dem Bericht nicht selten die Erläuterung in muttersprachlicher Übersetzung: »Hitler kaputt« bedeute »Konec Gitleru« (»Hitler ist am Ende« oder »Schluß mit Hitler«). Und tatsächlich, das bei Kriegsende allen Soldaten der Roten Armee bekannte »kaputt« kommt - entgegen deutschen Vorstellungen - im Russischen gar nicht vor. Es war vor dem Krieg weder im Alltagsvokabular noch in Kultur und Propaganda irgendeiner slawischen Sprache in Gebrauch. Als Beleg dafür kann sogar die Art und Weise seiner Verwendung in der hier besprochenen Kombination dienen. Ein Russe, der das Wort »kaputt« mit »Ende« zu übersetzen gelernt hat, wird im guten Russisch sagen »Gitleru kaputt.« Die russische Grammatik fordert die Verwendung des Dativs. Genau mit dieser Deklination wurden im Krieg auch andere Worte an den fremden Begriff »kaputt« gebunden, wobei in der Regel die Konnotation erhalten blieb. Viktor Nekrassow (3) läßt seine Rotarmisten im 1951 erschienenen Roman »In den Schützengräben von Stalingrad« nach Bekanntwerden eines erfolgreichen Angriffs sowjetischer Einheiten sagen: »Faschistam kaput« und »Nemcam kaput«. Erst nach vielfacher Wiederholung wurde das fremde Wort den Siegern so geläufig, daß sie es auch in unpolitische Sinnzusammenhänge einzubauen bereit waren. Das hierzulande ebenfalls für typisch russisch gehaltene »maschinka kaput« ist eine (von wem eigentlich?) rationell abgeleitete und formell abgewandelte Kombination. Viele Russen meinen, dies sei gutes Deutsch, Deutsche meinen, es sei gutes Russisch.
Ein Blick in Wörterbücher zeigt, daß Â»kaputt« außer im Deutschen nur in verwandten nordeuropäischen Sprachen existiert. Im Niederländischen heißt es »kapot«, im Dänischen »kaput« und im Schwedischen »kaputt« [kapü’t]. Es kam im 17. Jahrhundert aus dem Französischen ins Nordhochdeutsche als ein Ausdruck des Kartenspiels: »faire qn. capot« - jemanden verlieren machen, jemandem jeden Stich abstechen; »etre capot« - ohne Stich sein. Landsknechte verwendeten es schon bald auch im Zusammenhang mit »töten« oder »besiegen«. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte es seine Vulgarität verloren. Im Deutschen fand es breite Anwendung als Adjektiv für Dinge des Alltags, Körperteile, ja sogar Gemütszustände. Es bedeutet noch heute: entzwei, zerschlagen, kraftlos, erschöpft, ruiniert, am Ende sein. Doch keiner unserer südlichen oder östlichen Nachbarn kennt es, nicht einmal die Sorben.
Nachdem nun geklärt ist, daß Â»Hitler kaputt« keine russische Schöpfung sein kann, bleibt zu ergründen, auf welche Weise es im soldatischen Wortschatz der Rotarmisten Aufnahme fand. In den Katalog deutschsprachiger Kommandos, den sowjetische Gefechtsaufklärer und Voraustrupps an der Front erlernen mußten (wie etwa das gleichfalls legendäre »Chendechoch« - »Hände hoch«) gehörte »Hitler kaputt« nicht. Russische Zeitzeugen berichten, sie hätten es von Soldaten aus mit Deutschland verbündeten Armeen vernommen, etwa von Italienern, nachdem diese übergelaufen oder in Gefangenschaft geraten waren. Auch im Italienischen hat »kaputt« keine wortstammähnliche Entsprechung. Indes war es dort gerade im Kontext expressionistischer Endzeitbeschreibungen nicht unbekannt, spätestens seit Curzio Malapartes (4) Roman »Kaputt« (1944). Andererseits ist es mehr als nur denkbar, daß Sätze wie »Unsere Truppen sind am Ende. Hitler ist kaputt« auch im vertraulichen Gespräch zwischen kriegsmüden deutschen Landsern fielen. Noch in deutschen Schützengräben oder im Kessel, auf der Flucht oder in der Gefangenschaft, wo der zweite Satz dann auch - vielleicht um das Verb verkürzt - von russischen Wachposten aufgeschnappt worden sein konnte.
Und erinnert das Kürzel nicht irgendwie auch an typisch deutsche Sprachverstümmelungen, mit denen sich dümmlich-arrogante Fremdsprachenignoranten einem Ausländer nähern nach dem Motto: Ich Jane, du Tarzan? So nämlich wäre die Entstehung des Ausspruchs als Parole erklärlich: Ein deutscher Soldat steht einem »Iwan« gegenüber, gelangt - freiwillig oder nicht - in dessen Gewalt und signalisiert die Bereitschaft, sich zu ergeben. Es gilt, das nackte Leben zu retten. Wie macht man sich nur rasch verständlich? Der Deutsche ruft: »Hitler kaputt«. - Diese Szene ist kein Phantasieprodukt. Sie ist es, die in der kollektiven Erinnerung der östlichen Sieger am häufigsten und markantesten aufleuchtet, wenn nach der Entstehungsgeschichte von »Hitler kaputt« gefragt wird. »Das sagten deutsche Soldaten, wenn sie sich ergaben«, erfährt man allenthalben. Sowjetische Literatur und Film haben diese Begegnung später vielfach nachgestellt, dabei gelegentlich auch die Dimension überhöht. Als Propagandabild ohne realen Hintergrund hätte sie sich jedoch kaum gehalten.
Deutsche Überläuferparole?
Gleichwohl, als deutsche Überläuferparole fand »Hitler kaputt« im Krieg keine massenhafte Verbreitung. Die noch vor 1945 in sowjetische Gefangenschaft Geratenen schreiben die Worte in ihren Erinnerungen auch eher Russen zu. Erst in der wechselseitigen Rezeption und Multiplikation unter Rotarmisten erlangte die Chiffre Bekanntheit. 1945 kam sie nach Deutschland zurück, wo man sich eine Überläufersituation natürlich nicht vorstellen wollte, und wo im übrigen keiner geglaubt hätte, daß solch eine Wortkonstruktion russischer Herkunft gar nicht sein kann. Jetzt verhieß sie aus dem Mund des Feindes »Der Krieg ist aus.« Und so wurde sie auch Legende, zumindest für die Überlebenden aus der deutschen Kriegsgeneration.
Nachtrag: Witzigerweise fand die neue deutsche Erfahrung kurze Zeit nach dem Krieg sogar in Neuauflagen altehrwürdiger Sprachkundewerke ihren Niederschlag. In der 16. Auflage des Etymologischen Wörterbuches der deutschen Sprache von Friedrich Kluge und Alfred Götze, erschienen 1953 in Berlin, wird behauptet, das Wort »kaputt« wäre vom Deutschen in östliche Sprachen gelangt. Das ist nun wieder eine typisch deutsche Übertreibung. Von einer Aufnahme etwa ins Russische kann keine Rede sein.
(1) Der 1914 geborene Lewitan war seit 1931 Rundfunksprecher im Allunionsradio, in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges verlas er die Meldungen des Sowinformbüro, sprach während Direktübertragungen vom Roten Platz, großer Meetings und Politveranstaltungen in Moskau. Seine Stimme wurde Legende.
(2) Der deutscher Generalfeldmarschall Paulus (1890-1957) war ab Januar 1942 Oberbefehlshaber der 6. Armee, mit der er im November 1942 bei Stalingrad eingeschlossen wurde und in Gefangenschaft ging; er schloß sich dem Nationalkomitee Freies Deutschland an.
(3) Der russische Schriftsteller und Romancier (1911-1987), lebte seit 1974 in Paris.
(4) Der italienische Schriftsteller, eigentl. Kurt Erich Suckert, lebte von 1898 bis1957.
* Aus: Kurt Pätzold, Manfred Weißbecker (Hg.): Schlagwörter und Schlachtrufe I. Aus zwei Jahrhunderten deutscher Geschichte. Militzke Verlag, Leipzig 2002. 352 S., 24 Euro