Seite 1 von 11
Rußland hat nichts an seiner Stärke verloren
Verfasst: 23 Apr 2006, 21:43
von Anonymous
Auch wenn wenig aus Moskau verlautet worden ist, heißt nicht, das Moskau untätig ist, momentan verlaufen massive Verhandlungen mit dem Iran, Anreicherung hin oder her, der Iran hat seine Wirtschaftspolitik sowieso nach Osten ausgelegt. Die Preiserhöhungen für Öl sind von den Monopolen manipuliert worden. In keinem deutschen Tank befindet iranisches Erdöl!
Rußland wird nie den Iran opfern, die Vergangenheit spricht Bände.
Es wird keinen Erstschlag gegen den Iran geben.
Kalter Krieg ist billiger als Angriff, siehe leere Kassen!
einen schönen Tag
Verfasst: 24 Apr 2006, 12:44
von ein Mann zum verlieben
Es ist kaum zu glauben, aber folgenden Artikel habe ich heute in der Zeitung "DIE WELT"

gefunden:
Respekt für Rußland
Wohin driftet Rußland? Droht dem Land ein "postmoderner Sowjetismus"? Sind die Staatsreformen Putins ein Zeichen von Cäsarenwahn? Belegt die Ausschaltung des Oligarchen Chodorkowski eine galoppierende Zerlegung des Rechtsstaats? Und wie sind die Manöver des Energiekonzerns Gazprom zu werten, der als Inkarnation pausbäckig-nationalistischer Industriepolitik gesehen wird? Die westlichen Diagnosen fallen einhellig bis eindeutig aus: Rußland droht zu einem autoritären Rüpelstaat mit imperialen Ambitionen zu werden.
Die Verurteilungen sind überzogen, in manchen Fällen ungerecht. Instruktiv bleibt der Fall Chodorkowski. Der Oligarch, der sich im Westen als mutterteresahafte Friedenstaube inszenierte, war ein rabiater Geschäftsmann, der sich sein Yukos-Imperium dank behördlicher Duldung zu fragwürdigen Tiefstpreisen zusammenkaufte und Konkurrenten mitleidlos aus dem Weg schaffte. Vor allem aber kreuzte er die Wege Putins, indem er im großen Stil Duma-Abgeordnete schmierte, um sich so eine parteienübergreifende Veto-Macht gegen den Präsidenten zu sichern. Man stelle sich vor, wie man im Westen auf einen Industriellen reagieren würde, der bündelweise Dollarscheine an Parlamentarier verteilt zum Aufbau einer demokratisch nicht legitimierten Schattenherrschaft. Putin mußte Chodorkowski stoppen, das war richtig. Falsch waren der im Sowjetstil inszenierte Schauprozeß und die plumpe Zerschlagung des Konzerns.
Als vergleichbarer Image-Gau erwies sich das Vorgehen der Firma Gazprom in der Ukraine. An sich war der Vorgang legitim. Die Ukraine hatte auf Grund eines moskaufreundlichen Regimes von russischer Entwicklungshilfe in Form von Billig-Gas profitiert. Nach dem von der EU blauäugig mitorchestrierten Wahlsieg eines Putin-Gegners in Kiew reagierte der Kreml, wie alle Regierungen handeln würden, wenn sie sich einem feindselig gestimmten Regime gegenübersehen: Man beschloß, die politisch motivierten Preisrabatte aufzuheben und das Gazprom-Gas nach Marktpreisen anzubieten. Womit die Russen nicht gerechnet hatten, war die Heuchelei der Europäer. Ironischerweise hatte Brüssel Moskau aufgefordert, die subventionierten Gaslieferungen zu beenden. Als Putin genau dies tat, wurde er von den gleichen Leuten aufs Schärfste gerügt.
Der Fehler, wenn man so will, lag darin, daß weder der Präsident noch Gazprom-Chef Miller die Reaktionen voraussahen und mit einer Erklärungsoffensive unterliefen. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Motive plausibel zu machen, doch die russische Funktionärselite, die unter der sowjetischen Käseglocke aufwuchs, scheiterte abermals an den Erfordernissen zeitgemäßer Öffentlichkeitsarbeit. Fairerweise bleibt anzumerken, daß die Russen oft auch böswillig mißverstanden werden. Gazprom-Chef Millers jüngste Äußerungen, seine Firma werde sich bei anhaltender politischer Obstruktion durch die EU wohl oder übel nach anderen Absatzmärkten umsehen müssen, wurden dieser Tage zur "Drohung" hochgeschrieben. Was unternehmerisch verständlich ist - weshalb soll ein Konzern in widrigem Gelände investieren? - geriet im Mißtrauens-Klima zum Anlaß einer antirussischen Kampagne.
Sicher: Rußland ist kein Musterland des Rechtsstaats, und Putin ist kein "lupenreiner Demokrat", wie Ex-Kanzler Schröder behauptete. Zum Glück nicht. Putin ist das Resultat einer historischen Entwicklung, die sein Land an einen Punkt führte, an dem Ordnung vor Demokratie und Autorität vor Rechtsstaatlichkeit rangieren. Bevor man das verurteilt, sollte man sich vergegenwärtigen, welche Herausforderungen zu bestehen waren. Als Putin sein Amt antrat, drohte Rußland auseinanderzufallen. Es gab Sezessionsbewegungen. Das Volksvermögen wurde unter Jelzin an eine haarkleine Schicht von Oligarchen verteilt, die zusehends politische Ambitionen offenbarten. Das organisierte Verbrechen wucherte bis in höchste staatliche Hierarchien. "Die brandig gewordenen Glieder des Staates", resümierte vor gut 150 Jahren der Philosoph Hegel, "sind mit Lavendelwasser nicht zu heilen." Die geschützte Kanalinsel England brauchte Jahrhunderte, um sich von einer Art mittelalterlichem Afghanistan zu einer konstitutionellen Monarchie zu zähmen. Dem zerklüfteten Landkoloß Rußland wird nach Ewigkeiten zaristischer Bevormundung und sowjetischen Staatsterrorismus die gleiche Leistung in Rekordzeit abverlangt.
An Putin werden verquere Maßstäbe angelegt. Nichts gegen die zivilisierende Wirkung guter Ratschläge, aber der Westen tendiert in seinem universalen Demokratisierungswollen zu Selbstgerechtigkeit und mangelhafter Konsistenz. Gerade die EU ist von einer derartigen Unzahl demokratischer Defizite gekennzeichnet, dass ihre weltweiten Demokratiebenotungen bizarr anmuten. In Deutschland durften keine Volksabstimmungen über die Maastrichter Verträge, den Euro und die EU-Verfassung stattfinden, weil man "falsche" Resultate fürchtete. Zahlreiche andere europäische Staaten haben ihre Völker demokratisch teilentmündigt, wenn es um europapolitische Belange geht. Trotzdem werden an Rußland laufend Idealforderungen herangetragen, die man selbst bei sich zu Hause kaum erträgt.
Ist es wirklich sinnvoll, in dem von islamistischen Extremisten heimgesuchten Dagestan Volksabstimmungen abzuhalten? Will man russische Teilstaaten, in denen milliardenschwere Semikriminelle jeden Wähler kaufen können, mit Urnengängen zwangsbeglücken? In welche Widersprüche sich der demokratieselige Westen verstrickt, haben kürzlich die Wahlen in Palästina gezeigt, wo durch einwandfreie Verfahren Terroristen an die Macht kamen. Hier irrt US-Präsident Bush, hier irren seine Einflüsterer: Die Demokratie ist nicht die Voraussetzung, meistens ist sie das Resultat funktionierender Ordnungen, die unter Umständen auch durch autoritärere Phasen gehen (müssen).
Wenn Bundeskanzlerin Merkel in dieser Woche in Tomsk mit Putin über den Iran und Energiepolitik spricht, sollte sie sich nicht von antirussischen Populismen leiten lassen. Der herrenreiterliche Impuls verkennt den Weg, den das havarierte Land bereits zurücklegte. Putin hat einer auseinanderkrachenden Staatsruine Stabilität verschafft. Er hat Rußland als Nationalstaat rekonstruiert, in dem sich die "rule of law" und wirklich demokratische Entwicklungen vollziehen können. In seine Amtszeit fällt eine gewaltige Wohlstandsmehrung, die breiteren russischen Schichten zugute kommt. In Ansätzen ist es ihm gelungen, den unheilvollen Primat der Ideologie und der Politik zugunsten einer Entfesselung der Marktwirtschaft zu brechen. Noch vor wenigen Jahren hat man darüber gerätselt, ob das marode, mit verrostenden Atomraketen bestückte Rußland das Schicksal der Weimarer Republik ereilen würde. Heute präsidiert Putin einen Staat, in dem keine mitteleuropäischen Verhältnisse herrschen, der in vielem naiv, tolpatschig und mit einem Hang zur präventiven Dauerbeleidigung auftritt, aber als verläßliche und erstaunlich gefestigte Mittelmacht dasteht. Die Russen haben nicht die Belehrungen, sondern den Respekt des Westens verdient. Sie sind ein natürlicher Partner Deutschlands, ein Vorposten der Marke Europa.
Wie gesagt, kaum zu glauben, dass in der "freien westlichen Presse" sowas gibt.
Verfasst: 24 Apr 2006, 13:20
von Uwe
Guter Artikel. Hätte von mir sein können.
Gibt meine Meinung wieder.
Verfasst: 24 Apr 2006, 13:32
von achim
ein Mann zum verlieben hat geschrieben:Es ist kaum zu glauben, aber folgenden Artikel habe ich heute in der Zeitung "DIE WELT"

gefunden:
Respekt für Rußland
Da soll noch mal einer behauptene eMzv waere ueberfluessig.
Verfasst: 24 Apr 2006, 13:48
von Langhof
Ein sehr guter Artikel.
Auch ich finde meine meinung wieder!
Jens
Verfasst: 24 Apr 2006, 14:09
von Kultgrieche
Endlich mal ein guter Artikel über Russland, der meine Meinung widerspiegelt und nicht das übliche plump-naive antirussische Gekreische darstellt, wie es manche infantilen Möchtegernrusslandspezialisten von sich geben.
Verfasst: 24 Apr 2006, 14:12
von Xottabych
Ein Mann zum Verlieben widerlegt seine eigene These der gleichgeschalteten Westpresse...?

Was ist bloss passiert???
Ein guter Artikel.
Verfasst: 24 Apr 2006, 15:48
von ein Mann zum verlieben
waldmeister hat geschrieben:Ein Mann zum Verlieben widerlegt seine eigene These der gleichgeschalteten Westpresse...?

Was ist bloss passiert???
Ich denke, dem Autor dieses Artikels droht die sofortige Kündigung

. Aber im Ernst: Wie oft findet man in der "freien westlichen Presse" solche Artikel? Die Antwort ist bekannt...
Verfasst: 24 Apr 2006, 20:51
von Dimomann
Erstaunlich guter Artikel der zeigt das "Demokratie" ein sehr allgemeiner Begriff ist den jeder Staat - " mit Recht " - nach seinem Verständnis deffiniert und das sollte verdammt nochmal endlich auch von europäischen und amerikanischen Politikern begriffen werden. Gegen den verlängerten Arm der Mafia " Berlusconi " hat erstaunlicherweise fast niemand in Europa opponiert und wo der demokratisch gewesen sein soll ist mir bis heute völlig rätselhaft. Aber, Italien zählt doch wohl als demokratisches Land oder ? Er kann nicht einmal anständig verlieren.
Gruß Dimomann
mit einem Satz gesagt ...
Verfasst: 24 Apr 2006, 20:59
von Anonymous
Sicher: Rußland ist kein Musterland des Rechtsstaats, und Putin ist kein "lupenreiner Demokrat", wie Ex-Kanzler Schröder behauptete. Zum Glück nicht.
... Putin ist ein ehemaliger KGB Agent und Schröder ein gewöhnlicher "Schmarotzer" ... was hat man anderes erwartet
