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Preis-Apartheid: Strafe für den falschen Pass?

Verfasst: 19 Jun 2006, 13:58
von Paul
Verehrte Russland-Aktuell-Redaktion,

die von Ihnen aufgegriffenen höheren Preise für Ausländer sind - wie ich aus eigener Erfahrung in St. Petersburg weiß - durchaus ärgerlich und unangenehm.

Allerdings vermag ich Ihrer Qualifikaktion derselben als "Rassismus" und "Apartheid" nicht beizupflichten. Letzterer Begriff bedeutet Rassentrennung, welche hier zweifellos nicht vorliegt (es gibt nicht verschiedene Museen für ethnische Russen und Nicht-Russen). Rassismus stellt auf biologische Ungleichheiten ab, die im vorliegenden Fall jedoch ebenfalls nicht als Begründung der Preisunterschiede herangezogen werden. In RU wird ja maßgeblich auf die Staatsbürgerschaft als - völkerrechtlich durchaus zulässiges - Unterscheidungskriterium abgehoben (wie die im konkreten Fall überprüft wird, ist eine zweite Frage):
Internationales Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung von 1965 (Russland ist seit 1969 Vertragspartei) hat geschrieben:Art. 1

(1) In diesem Übereinkommen bezeichnet der Ausdruck "Rassendiskriminierung" jede auf der Rasse, der Hautfarbe, der Abstammung, dem nationalen Ursprung oder dem Volkstum beruhende Unterscheidung, Ausschliessung, Beschränkung oder Bevorzugung, die zum Ziel oder zur Folge hat, dass dadurch ein gleichberechtigtes Anerkennen, Geniessen oder Ausüben von Menschenrechten und Grundfreiheiten im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder jedem sonstigen Bereich des öffentlichen Lebens vereitelt oder beeinträchtigt wird.

(2) Dieses Übereinkommen findet keine Anwendung auf Unterscheidungen, Ausschliessungen, Beschränkungen oder Bevorzugungen, die ein Vertragsstaat zwischen eigenen und fremden Staatsangehörigen vornimmt.
Mithin muß ich die - scheinar unklare - Verwendung von Modebegriffen wie "Rassismus" durch Frau Beitzer kritisieren. "Differenzierung" dürfte deutlich passender sein, allerdings auch über weniger Erregungspotential verfügen.

Zur verfassungsrechtlichen Frage der Gleichstellung von In- und Ausländern vermag ich mich jetzt mangels echter Kompetenz nicht auszulassen, allerdings legt der Wortlaut von Art. 19 der Verfassung der RF ein solches Verbot nicht unbedingt nahe. (Hier wäre auch die Frage des Adressaten zu klären: nur Staatsorgane oder auch Private [Drittwirkung].)

Mit freundlichen Grüßen,
Paul

Verfasst: 19 Jun 2006, 17:29
von manuchka
Ach komm, Blacki, motz doch nicht gleich. Wenn man es genau nimmt, dann hat der gute Mensch doch recht. Außerdem ging es nicht um einen Forumbeitrag, sondern das ist ein Leserbrief. Hier darf jeder seine Meinung sagen... :wink:

Verfasst: 19 Jun 2006, 17:59
von Glider
Für mich geht das mit den gespaltenen Preislisten in die gleiche Richtung eines nicht vorhandenen Unrechtsbewusstseins wie die Schachtel Pralinen, damit der Mensch auf einer Behörde das ohne Verzögerung tut, wofür er da ist.
Es tut mir ausserordentlich Leid, aber ich kann weder für die Schmiere noch für gespaltene Preislisten überhaupt ein Verständnis aufbringen.
Solange derartige Bräuche vorhanden sein werden, braucht man sich über Investitions- oder gar Rechtssicherheit gar nnicht erst auszulassen.
So verständlich es erscheinen mag, die vermeintlich gut verdienenden Ausländer abzuzocken, desto unsäglich ist es für die Förderung eines wirtschaftlichen oder juristischen Klimas.

Verfasst: 19 Jun 2006, 18:25
von Dietrich
manuchka hat geschrieben:Wenn man es genau nimmt, dann hat der gute Mensch doch recht.
Auf den ersten Blick vielleicht.
Aber da kommt wieder die Frage auf, wo man da die Grenze ziehen moechte. Bei 30 Euro Differenz fuer eine Eintrittskarte?
Oder Fahrkarten fuer Busse und Metro?
Oder koennte man nicht vielleicht zu den Berufverkehrszeiten nicht sogar die Busse und Metro ganz fuer Auslaender sperren, damit es fuer die Russen nicht ganz so voll ist, schliesslich haben die ja mit ihren Steuergeldern dafuer bezahlt.
Oder grundsaetzlich einige Abteile in den Zuegen nur fuer Russen reservieren.
Kommt das wem bekannt vor? Ich sage nur Sued-Afrika!

Und das aller-aller-typisch russische an der ganzen Sch.. ist wieder mal die ungenaue Definition, WER denn jetzt Auslaender ist und warum. Vor allem wegen einer Begruendung. Steuerauslaender? Nee, wer hier Steuern zahlt ist trotzdem Auslaender, obwohl er den Kram mitfinanziert. Also ist wieder mal Tuer und Tor geoeffnet fuer "Auslegungen", Schikane und die uebliche Abzocke....

und eben das finde ich ganz und gar nicht O.K.

...ganz davon abgesehen das es erst recht nicht in das Bild Russlands passt, welches es im Ausland gerne haette!

Dietrich

Verfasst: 19 Jun 2006, 18:31
von manuchka
Dietrich hat geschrieben:
manuchka hat geschrieben:Wenn man es genau nimmt, dann hat der gute Mensch doch recht.
Auf den ersten Blick vielleicht.
Ich meinte eigentlich auch nur die Begriffe.. von wegen Rassismus und so, die treffen es vielleicht nicht ganz...

Verfasst: 19 Jun 2006, 18:35
von Xottabych
Mit "Rassismus" haben die Ausländer-Sonderpreise tatsächlich nichts zu tun. So etwas nennt man normalerweise "Diskriminierung".

Das ist wirklich keine Art, Touristen zu empfangen. Andernorts gibt man sich wenigstens die Mühe, den Anschein zu erwecken, den Touristen als wilkommenen Gast zu empfangen, und nicht nur dessen Geld.
Wirklich ein unschönes Überbleibsel aus der Zeit der Devisenwirtschaft.

Gibt es solche Praktiken eigentlich noch in anderen Ländern?

Konsequenterweise sollte man als Tourist natuerlich Petersburg gänzlich meiden, sonst wird sich das ja nie ändern. Schließlich gibt es noch viele andere schöne Stadte auf dieser Welt.

Aber wer wird schon so ein Prinzipienreiter sein?

Verfasst: 19 Jun 2006, 19:32
von Ralph
Also da werfe ich mal Ägypten in den Ring. Was da mit Touristen passiert, dagegen ist Moskau noch harmlos. Hier ist der aktuelle Währungskurs immer wie in der alten DDR 1:1, 1 Pfund = 1 $, €, £ usw, tolle Spanne 8) .

Aber die ganze Sache sehe ich ein wenig defiziler. Ein Tourist aus West Europa kann auch schon mal 5 Euro Eintritt bezahlen. Ein Einheimischer kann schon an 1 Euro Eintritt scheitern. Ich sehe es in Ägypten immer wieder, Reisende aus allen Ländern, kommen, staunen und meckern über die Preise. Speziell so eine gewisse "akademische" Reisegruppe aus dem Süden Deutschlands ist mir immer wieder unangenehm aufgefallen in dieser Beziehung. Zahlen über 3000 Euro für 14 Tage und regen sich über 2,50 Euro mehr Eintritt auf. :lol:

Wenn ich in Urlaub fahre und de Preis für eine Dienstleistung ist
für mich in Ordnung zahle ich diese auch. Das der Einheimische weniger zahlt und ich seinen günstigeren Preis dadurch eventuell quersubventioniere, finde ich gut. Es ist alles eine Frage der Verhältnissmässigkeit. Schlechtes Beispiel ist klar die Türkei, hier wird immer der Tourist abgezockt. Ganz schlimm sind diese 150 Euro Butterfahrten in ein 5* Hotel an der Küste, incl Teppichfabrik, Schmuckfabrik usw. Für mich ist die Türkei als Urlaubsland erst einmal erledigt zumindestens in den Touristengebieten. Die denken dort wirklich das der Tourist ein Goldesel ist.

Meine Meinung

Ralph

Verfasst: 19 Jun 2006, 19:43
von Paul
hc_blacki hat geschrieben:Sagt wer...? Ein Tourist der ein bis zweimal in Petersburg war?
Was hat die Klärung von Begriffen und ein kurzes Abtasten der Rechtslage mit der Anzahl der absolvierten Rußlandaufenthalte zu tun?


@ all:
Auch ich habe über die vergleichsweise hohen Touristenpreise gestöhnt und würde lieber heute als morgen ihre Abschaffung sehen.
Diese Unterscheidungen (oder, für die Lateiner, Diskriminierungen :)) anhand der Staatsbürgerschaft sind aber
a) weder "Rassismus" noch "Apartheid" und
b) IMHO rechtlich nicht unzulässig (lasse mich insoweit aber gern von Fachkundigen korrigieren).
Dies und unsere gemeinsamen Wünsche sind nun einmal zwei verschiedene Paar Schuhe.

VG Paul

Verfasst: 19 Jun 2006, 20:04
von Paul
Dietrich hat geschrieben:[...] Kommt das wem bekannt vor? Ich sage nur Sued-Afrika!
Es ist nun einmal grundsätzlich zulässig, zwischen eigenen und fremden Staatsangehörigen zu unterscheiden. So gibt es beispielsweise im deutschen Grundgesetz Grundrechte, auf die sich nur Deutsche berufen können (z.B. Art. 8, 9, 11, 12, 16 GG) und sog. Jedermanngrundrechte, welche auch Ausländern zustehen (z.B. Art. 1-7, 10, 13, 14 GG).
Sorry, aber das hat weder in D noch in RU etwas mit der Rassentrennung in Südafrika zu tun.
Dietrich hat geschrieben:Also ist wieder mal Tuer und Tor geoeffnet fuer "Auslegungen", Schikane und die uebliche Abzocke....
Wie ein Prof. von mir einmal zu sagen pflegte: Nicht nur ein Gesetz, sondern jeder Text ist auslegungsbedürftig, auch ein Liebesbrief. :)

manuchka hat geschrieben:Wenn man es genau nimmt, dann hat der gute Mensch doch recht.
Danke, Manuchka! :blumen:

BG Paul