Eine Tüte Höflichkeit..........
Verfasst: 23 Sep 2006, 15:07
Eine Tüte Höflichkeit für St. Petersburg, bitte!
Ich war in St. Petersburg und das ist passiert: Am ersten Tag war ich überwältigt von den unzähligen wunderschönen alten Gebäuden, Kathedralen und Schlössern. In St. Petersburg steht wirklich ein historisches Gebäude neben dem anderen – ich wusste gar nicht, was ich als erstes fotografieren sollte. Im Katharinenpalast, wo u.a. das Bernsteinzimmer zu sehen ist, war ich etwas enttäuscht. Da, wo einst Blattgold war, ist jetzt goldene Farbe, und das wirkt leider ein wenig wie ein Rubinring aus Plastik – kitschig und angemalt. Das nachgebildete Bernsteinzimmer ist auch nicht annähernd so schön, wie das verschollene Geschenk Deutschlands an Russland, von dem ja noch Fotos existieren.
Am zweiten Tag wurde meine Aufmerksamkeit plötzlich auf ein ganz anderes Phänomen als die wunderschönen Gebäude gelenkt. Ich wurde zum Detektiv auf der Suche nach den netten Menschen der Stadt. St. Petersburg könnte so viel mehr Charme haben, wenn die Menschen freundlicher wären. Viele halten St. Petersburg für die schönste Stadt Europas. Ich sage: Ja, wenn ein paar lebenslustige Italiener durch die Straßen liefen!
Angefangen hat mein Detektiv-Dasein bei einer Bootstour auf der Newa. Ich habe extra ein paar klassische Worte in Russisch gelernt: Bitte, danke, guten Tag und auf Wiedersehen. Auf dem Boot sage ich freundlich "sdrastwujtje" – keine Antwort. Also lege ich nach, sage zu der Frau dahinter: "dobry djen". Wieder nichts. Ich setze mich neben den Eingang, um zu sehen, ob es nur mir als Ausländer so geht – aber nein. Russen kommen und gehen und sagen kein Wort. Sie setzen sich und lauschen anderthalb Stunden der Frauenstimme, die ganz vorn vom Boot die Sehenswürdigkeiten der Stadt beschreibt. Am Ende der Tour verabschiedet sie sich mit den Worten: "Einen schönen Tag noch in St. Petersburg". Und – nichts. Kein Applaus, kein Danke, kein Mucks. Alle strömen raus – aber stumm! Selbst der Bootsjunge, der den Frauen über die wacklige Schwelle hilft, hört kein Danke. Nur ich, als kleiner Höflichkeits-Detektiv, sage es immer und immer wieder: "spassiba, spassiba, spassiba" – doch Antwort gibt es nicht. Mit jedem ignorierten Danke verliert St. Petersburg für mich an Glanz. Umso mehr freue ich mich, als ich wieder am Flughafen in Deutschland ankomme und fast alle Menschen super nett sind.
Dann überkommt mich der Gedanke: Würde ich auch so werden? Hält man Höflichkeit durch, wenn man sie nur gibt und nie zurückbekommt? Und warum sind die Menschen dort so merkwürdig drauf? Gab es für sie einmal bessere Zeiten, die sie sich zurückwünschen? Wie den Zarismus oder gar den Kommunismus? Oder liegt es vielleicht am oft so rauen Wetter? Für mich ist St. Petersburg nicht die schönste Stadt Europas – eher Barcelona, Hamburg, Dresden oder Florenz. Denn für die Schönheit zählt nicht nur das Äußere, sondern auch die inneren Werte! Wie im richtigen Leben, so auch bei einer Stadt.
Liebe Grüße und einen schönen Tag noch!
Ihre Joey Grit Winkl
Quelle: Bunte
Ich war in St. Petersburg und das ist passiert: Am ersten Tag war ich überwältigt von den unzähligen wunderschönen alten Gebäuden, Kathedralen und Schlössern. In St. Petersburg steht wirklich ein historisches Gebäude neben dem anderen – ich wusste gar nicht, was ich als erstes fotografieren sollte. Im Katharinenpalast, wo u.a. das Bernsteinzimmer zu sehen ist, war ich etwas enttäuscht. Da, wo einst Blattgold war, ist jetzt goldene Farbe, und das wirkt leider ein wenig wie ein Rubinring aus Plastik – kitschig und angemalt. Das nachgebildete Bernsteinzimmer ist auch nicht annähernd so schön, wie das verschollene Geschenk Deutschlands an Russland, von dem ja noch Fotos existieren.
Am zweiten Tag wurde meine Aufmerksamkeit plötzlich auf ein ganz anderes Phänomen als die wunderschönen Gebäude gelenkt. Ich wurde zum Detektiv auf der Suche nach den netten Menschen der Stadt. St. Petersburg könnte so viel mehr Charme haben, wenn die Menschen freundlicher wären. Viele halten St. Petersburg für die schönste Stadt Europas. Ich sage: Ja, wenn ein paar lebenslustige Italiener durch die Straßen liefen!
Angefangen hat mein Detektiv-Dasein bei einer Bootstour auf der Newa. Ich habe extra ein paar klassische Worte in Russisch gelernt: Bitte, danke, guten Tag und auf Wiedersehen. Auf dem Boot sage ich freundlich "sdrastwujtje" – keine Antwort. Also lege ich nach, sage zu der Frau dahinter: "dobry djen". Wieder nichts. Ich setze mich neben den Eingang, um zu sehen, ob es nur mir als Ausländer so geht – aber nein. Russen kommen und gehen und sagen kein Wort. Sie setzen sich und lauschen anderthalb Stunden der Frauenstimme, die ganz vorn vom Boot die Sehenswürdigkeiten der Stadt beschreibt. Am Ende der Tour verabschiedet sie sich mit den Worten: "Einen schönen Tag noch in St. Petersburg". Und – nichts. Kein Applaus, kein Danke, kein Mucks. Alle strömen raus – aber stumm! Selbst der Bootsjunge, der den Frauen über die wacklige Schwelle hilft, hört kein Danke. Nur ich, als kleiner Höflichkeits-Detektiv, sage es immer und immer wieder: "spassiba, spassiba, spassiba" – doch Antwort gibt es nicht. Mit jedem ignorierten Danke verliert St. Petersburg für mich an Glanz. Umso mehr freue ich mich, als ich wieder am Flughafen in Deutschland ankomme und fast alle Menschen super nett sind.
Dann überkommt mich der Gedanke: Würde ich auch so werden? Hält man Höflichkeit durch, wenn man sie nur gibt und nie zurückbekommt? Und warum sind die Menschen dort so merkwürdig drauf? Gab es für sie einmal bessere Zeiten, die sie sich zurückwünschen? Wie den Zarismus oder gar den Kommunismus? Oder liegt es vielleicht am oft so rauen Wetter? Für mich ist St. Petersburg nicht die schönste Stadt Europas – eher Barcelona, Hamburg, Dresden oder Florenz. Denn für die Schönheit zählt nicht nur das Äußere, sondern auch die inneren Werte! Wie im richtigen Leben, so auch bei einer Stadt.
Liebe Grüße und einen schönen Tag noch!
Ihre Joey Grit Winkl
Quelle: Bunte