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Tod und Nihilismus
Verfasst: 09 Jan 2007, 12:17
von Alekz
Hallo! Ich heisse Alexandra, komme aus Deutschland, aber wohne und arbeite seit September 2006 in Moskau. Ich arbeite hauptsaechlich mit Englaendern zusammen und hatte daher bisher leider noch keine Gelegenheit, viele Russen kennenzulernen. Die Stadt ist total genial und faszinierend, aber ich hab mal ne Frage, die mir vielleicht jemand von hier beantworten kann. Warum sind die Russen so nihilistisch drauf und haben ne viel hoehere Todestoleranz als die Deutschen? Oder kommt nur mir das so vor? Wenn sich hier Leute betrinken, dann nicht, weil wochenendliches Komasaufen allgemein belustigend ist. Das ist hier ne richtig traurige One-Man-Show-Angelegenheit. Man sagt immer, klar, die Russen haben ja auch nichts zu Lachen, aber sind diese alten Kommunismusklischees nicht mittlerweile ueberholt?
Waere toll, wenn jemand mich aufklaeren koennte.
Immer noch auf der Suche nach der russischen Seele...
Alekz
Re: Tod und Nihilismus
Verfasst: 09 Jan 2007, 12:47
von Dave
Alekz hat geschrieben:Ich arbeite hauptsaechlich mit Englaendern zusammen und hatte daher bisher leider noch keine Gelegenheit, viele Russen kennenzulernen.
Hallo Alekz
Wie willst Du denn beurteilen können, in welchem Verhältnis die "Russen"
zum Tod und zum Alkoholkonsum stehen?
Ich kenne doch schon etwas mehr "Russen" und kann Deinen Eindrücken
nicht beipflichten:
1. Trinken die "Russen" nicht alleine und
2. selten bis nie, ohne dazu etwas zu Essen.
Und was die armen Schicksalstrinker auf der Strasse angeht, davon sehe
ich in Deutschland jedes Mal mindestens genau so viele...
Dave
Verfasst: 09 Jan 2007, 13:08
von Alekz
Klar, stimmt schon, Dave. Musste meine "Russlandkenntnisse" bisher eigentlich immer Artikeln und meiner eigenen Beobachtung entnehmen, bzw. dem, was anderen Leuten hier auch aufgefallen ist.
Ich weiss nicht, ob jemand der in Russland lebenden die Zeitung The Exile kennt, eine (damalig) ziemlich kontroverse und- in den Augen vieler- geschmacklose Alternativzeitung, die Anfang der 90er von nach Russland gezogenen und russenfanatischen Amis gegruendet wurde. Sie haben ein Buch ueber ihre Erfahrungen und die Entwicklung ihrer Zeitung geschrieben, in 15 Jahren tut sich natuerlich ne Menge. Sie erwaehnen zum Beispiel den- verglichen mit dem Westen- eher sorgenlosen Umgang mit Drogen, Alkohol und Geschlechtskrankheiten. Ich fragte ja deshalb, weil das auch schon ne Weile her ist und weil sich die meisten hier wohl viel besser als ich mit der Stadt und der Mentalitaet der Leute hier auskennen.
Ich hoere immer von der beruehmten russischen Seele, zweifle aber immer, ob man ne Mentalitaet auf ne Nation ueberhaupt so anwenden kann, weil man es im Grunde immer nur mit Individuen zu tun hat. Trotzdem assoziiert man generell mit Russland doch schon oft was Depressives, Nihilistisches, Farbloses und Tristes (und sei es nur das Wetter und die Literatur, die solche Bilder ausloesen), was ja fuer viele wiederum grade der Anreiz ist. Anyways, schweife etwas aus.
Auf jeden Fall sehe ich in Deutschland eher die "Penner" sich auf der Strasse betrinken. Aber hier scheint das schon eher durch mehrere Gesellschaftsschichten zu gehen, wenn auch nicht unbedingt auf der Strasse, sondern in der Metro/Restaurants etc.
Alekz
Verfasst: 09 Jan 2007, 13:18
von Kroschka
Alekz hat geschrieben:
Auf jeden Fall sehe ich in Deutschland eher die "Penner" sich auf der Strasse betrinken. Aber hier scheint das schon eher durch mehrere Gesellschaftsschichten zu gehen, wenn auch nicht unbedingt auf der Strasse, sondern in der Metro/Restaurants etc.
Alekz
Dem stimme ich zu.
Mache zurzeit ein Praktikum in einem Moskauer Architekturbuero. Hier wird jeden Tag nach Fereiabend kraeftig getrunken.
Verfasst: 09 Jan 2007, 14:12
von Xottabych
Hallo Alekz,
Alekz hat geschrieben:Ich hoere immer von der beruehmten russischen Seele, zweifle aber immer, ob man ne Mentalitaet auf ne Nation ueberhaupt so anwenden kann, weil man es im Grunde immer nur mit Individuen zu tun hat.
Das denke ich allgemein auch. Es gibt zwar schon Mentalitätsunterschiede wie zwischen allen Kulturen, und gerade Russen haben mich immer wieder darauf hingewiesen, dass sie keine "Europäer" seien, jedes Volk nationale Eigenheiten besäße usw. Ich glaubve aber, dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen viel entscheidender sind.
Zum Alkoholismus: Der ist meines Empfindens nach zumindest viel stärker sichtbar als in Deutschland. Nicht unbedingt in den Städten, aber auf dem Land wars teilsweise krass! Auch scheint in Russland der Konsum harter Drogen ein wesentlich ernstzunehmenderes Problem darzustellen.
Davon abgesehen konnte ich aber keine "Todessehnsucht" oder ähnliches entdecken. Ein paar Depressive gibts natürlich überall.
Verfasst: 09 Jan 2007, 14:13
von Zeppelin
Hallo Alekz,
Deine Fragen sind in der Ethnologie und Sozialwissenschaft schon häufig erörtert worden, weil es in der Tat auffällige Phänomene sind.
Ob man die Russen tatsächlich als so viel nihilistischer als andere bezeichnen kann, mag ich nicht bewerten.
Was jedoch die überdurchschnittlich Toleranz von Gewalt und Tod angeht, erklärt man dies nach vorherrschender Meinung mit der ethnisch-kulturellen Herkunft der Völker, aus denen sich das russ. Volk entwickelt hat: Zum einen die ausgewanderten nordischen Europäer, die man mehr oder weniger als ehem. Wikinger bezeichnen kann, zum anderen die Ost- und Südostasiaten. In beiden Gruppen zählte von jeher ein Menschenleben nicht gerade viel, wohingegen Mut, Stärke und absoluter Kampfeswille bis zum letzten Blutstropfen zugunsten der Gemeinschaft und ihrer Anführer zu den höchsten Tugenden zählten und zählen.
Alles andere wird bis in die Gegenwart als Feigheit und Schwäche verachtet.
Das ganze korrespondiert dann mit einer ausgeprägten Helden-, Opfer- und Trauerkultur.
Die Geschichte Russlands hat diese Grundeigenschaften auch immer wieder reproduziert - eine Geschichte, die wie kaum eine andere vom Kampf ums Überleben, vom Erobern und Erobertwerden geprägt ist - was im zweiten Weltkrieg dann schließlich seinen traurigen Höhepunkt gefunden hat.
Auch die positiven Impulse von Zaren wie Peter I. und Katarina der Großen haben dem humanistischen Gedanken der Aufklärung vom Menschen als Maß aller Dinge nicht wirklich zum Durchbruch verhelfen können.
Man kann das heute noch an dem weitgehenden Mangel an Fähigkeit zur Selbstorganisation in Form von Parteien, Verbänden, Parlamenten etc. erkennen. Statt dessen sehen sich der überwiegende Teil der Russen als Einzelkämper in einer allg. feindseeligen Umgebung, deren soziale Sicherheit vor allem im Verband der Familie, Verwandten, Freunde und ggf. Nachbarn besteht.
Und so lange man eben meint, dass List, Gewalt und Tücke letzlich die zuverlässigeren Verbündeten sind, wenn man im Leben nicht zu kurz kommen möchte, ist das eben eine "self fulfilling prophecy".
Letztere mündet dann regelmäßig in dem, was Du als nihilistisch bezeichnen magst: Ewiger Kampf macht müde und einsam.
Ebenso erklärt dies, dass die Symbole für Wohlstand und Überlegenheit in der russ. Gesellschaft so hoch im Kurs stehen: Dickste Autos, teuerste Klunker, größenwahnsinnige Paläste, bla bla bla.
Es gibt auch eine anerkannte soziologische Theorie aus der empirischen Kommunismusforschung, die aus der Frage entstand, warum sich auf der ganzen Welt von den eigentlich schon uralten kommunistischen Ideen - die u.a. auch die russ. MIR prägen - letzlich nur und zumindest zeitweilig Systeme der leninistisch-stalinistischen Gewaltherrschaftsform haben durchsetzen können, die heute quasi automatisch mit dem Begriff Kommunismus assoziiert werden. Und dies wo sich doch die Kommunisten gern selbst immer als die höchsten Verächter von Gewalt bezeichneten, Gewalt jedoch stets als "Mittel zum Zweck" der Abschaffung von Gewalt propagierten und legitimierten.
Diese Theorie besagt nun, dass derartige System vor allem auf der Basis eines dem russisch-asiatischen Menschenbildes und Selbstverständnisses errichtet worden sind: Gleichzeitig militant und fürsorglich bis auf die Knochen - oder wie auch immer man diese Deine bezeichnen möge.
Stalin, Mao, Kim Il Sung, Fidel Castro, Ho Chi Min ... waren / sind alle darauf angewiesen, dass es eine hinreichend große Soldateska unter der eigenen Bevölkerung gibt, die sich leicht gegen bürgerlich-demokratisch humanistische Tendenzen von innen und außen mobilisieren lässt und dabei vor nichts zurückschreckt.
Und wohl jeder ehemalige Soldat wie ich wird die Frage kennen, die so einsam macht und einen dabei ggf. auch allein ins Glas starren lässt: "Was hätte ich getan? Präventiver Erstschlag bei Drohung eines Angriffs - oder abwarten bis es Opfer gibt und seinen Leuten dann in die Augen sehen müssen?"
Natürlich wird nicht jeder meine Meinung teilen. Oft werden ja auch persönlich, ganz private Erfahrungen für verallgemeinerbar gehalten.
Grüße,
Zeppelin
Verfasst: 09 Jan 2007, 14:51
von Saboteur
hierzu kann ich ein gutes Buch empfehlen: Die Sowjetmenschen, Soziogramm eines Zerfalls, Juri Lewada, dtv ISBN: 9783423029643
Zur russischen Seele kann ich nur sagen dass ich denke das es ein Konstrukt der westlichen Welt /Deustchlands ist. Ich kann mit dem Begriff "russische Seele " überhaupt nichts anfangen. Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede aber da so einen Zirkus drum zu machen finde ich albern... Es wird ja auch nicht von der französichen oder lichtensteinischen bzw. us- amerikanischen Seele gesprochen...
Albernn ist auch die Tatsache das bei irgendwelchen Russland Reportagen so oft irgendwelche schwere klassische Muski gespielt wird. Der größte Blödsinn war neulich als ein Birkenhain im Winter gefilmt wurde: O- Ton: "Die russiche Natur ist schön, schön und traurig" Was soll dieser Schwachsinn??? Aber ist wohl Offtopic
Verfasst: 09 Jan 2007, 15:32
von manuchka
Zeppelin, zu deinem - interessanten - Beitrag wollte ich gern anmerken, dass man nicht alles, was z.B. in Westeuropa als gut und richtig empfunden wird, haargenau so auf andere Länder mit anderem kulturellen Hintergrund - in diesem Fall Russland - übertragen kann. Das betrifft das westliche Demokratiemodell und auch den "humanistischen Gedanken der Aufklärung vom Menschen als Maß aller Dinge". Ich z.B. finde, dass genau dieser Gedanke viel, viel Schaden angerichtet hat, nicht nur in Russland, und auch über die Reformen von Peter I. kann man unterschiedlicher Meinung sein.
Verfasst: 09 Jan 2007, 16:15
von Zeppelin
@ saboteur: Danke für den Literaturtip. Besitzt Du das Buch und könntest es mir evtl. mal ausleihen? Kaufen möchte ich es mir nicht extra.
Vielleicht kann man sich bei der Gelegenheit mal zu einem Berliner Ableger des Forumtreffens zusmmenfinden?
Ansonsten pflichte ich Dir bei, was die verkitschte Darstellung des Russlandbildes in vielen Fernsehdokus betrifft. Aber nicht anders sind ja viele Berichte über Las Vegas, Texas sowie dem vermeintlichen "Leben wie Gott in Frankreich" etc.
Und von den Klischees mit denen Deutschland in anderen Ländern behaftet ist, will ich gar nicht erst anfangen: Alpen = "Heidi..."
Oder gar Italien = Spagetti, Mafia und Olivenöl.
Also lassen wir das besser.
Schade ist nur, dass im dt. Fernsehen parktisch keine russ. Gegenwartsfilme bzw. Fernsehproduktionen mehr zu sehen sind. Denn nach Erzählungen meiner Frau gibt es ja da einiges Interessante und Unterhaltsame - vor allem aus dem Bereich der Komödie, was eigentlich Klassikersstatus verdient hätte. Wer assoziiert hier mit Russland schon Ulk, Klamauk, Selbsironie etc. über all die familiären Dramen des täglichen Lebens?
@ manuchka: Vielen Dank für Deinen Hinweis. Freut mich, wenn mein Beitrag als informativ verstanden wird. Zumindest war dies meine Absicht.
Es ist mir durchaus klar, dass jedes Volk die Regierung hat, die es verdient und eben den Preis dafür zahlt - so zynisch das klingen mag. Einflüsse von außen sind da eher kontrafunktional, wenn sie nicht aus eigenem Bedürfnis aus dem Inneren dieses Volkes aufgegriffen und angewendet werden.
Ich bin der Geschichte Deutschlands und Westeuropas jedoch dafür dankbar, dass UK, Schweiz und Frankreich nebst Niederlande und nicht zu letzt Italien den Germanen und Teutonen den Weg in Zivilistion, Kultur und Demokratie gewiesen haben.
Deine These mit der vermeintlichen oder tatsächlichen Nichtübertragbarkeit von Ideen die sonstwo auf der Welt entstanden sind auf andere Länder lasse ich daher einfach mal so stehen und bleibe dabei, zu helfen, wo und wenn ich kann - sofern es eben erwünsch ist.
Wir hatten das Thema hier früher schon mal: Was brächte es schon, meinen kelinen Schwager Ramil irgendwie aus Russland zum Schutz vor den Tortouren des Militärdienstes herauszubringen.
Seinen Schulkameraden und Freunden wäre damit nicht geholfen! Da unterstütze ich doch lieber jene Leute, die sich für die Einrichtung eines zivilen Wehersatzdienstes einsetzen. So könnte man denn auch das Problem lindern, was wir im Thread "Armut in Russland..." haben.
Das permanente Beschwören "Geht nicht, weil es nicht geht!" und statt dessen punktuell spenden, bringt doch rein gar nix - außer vielleicht für die Gewissensberuhigung.
Naja, nix für Ungut
Zeppelin
Verfasst: 09 Jan 2007, 16:40
von Saboteur
Zeppelin hat geschrieben:@ saboteur: Danke für den Literaturtip. Besitzt Du das Buch und könntest es mir evtl. mal ausleihen? Kaufen möchte ich es mir nicht extra.
Vielleicht kann man sich bei der Gelegenheit mal zu einem Berliner Ableger des Forumtreffens zusmmenfinden?
Ansonsten pflichte ich Dir bei, was die verkitschte Darstellung des Russlandbildes in vielen Fernsehdokus betrifft. Aber nicht anders sind ja viele Berichte über Las Vegas, Texas sowie dem vermeintlichen "Leben wie Gott in Frankreich" etc.
Und von den Klischees mit denen Deutschland in anderen Ländern behaftet ist, will ich gar nicht erst anfangen: Alpen = "Heidi..."
Oder gar Italien = Spagetti, Mafia und Olivenöl.
Also lassen wir das besser.
Schade ist nur, dass im dt. Fernsehen parktisch keine russ. Gegenwartsfilme bzw. Fernsehproduktionen mehr zu sehen sind. Denn nach Erzählungen meiner Frau gibt es ja da einiges Interessante und Unterhaltsame - vor allem aus dem Bereich der Komödie, was eigentlich Klassikersstatus verdient hätte. Wer assoziiert hier mit Russland schon Ulk, Klamauk, Selbsironie etc. über all die familiären Dramen des täglichen Lebens?
Ja klar ist Russland nur ein Beispiel von vielen ab er bei Russland ist es sooo extrem übertrieben. Vielleicht kommt es mir nur so vor oder es liegt daran das im Winter scheinbar mehr Russland Reportagen gesendet werden. Die Beste Reportage die ich jemals über Russland gesehen habe war eine NoComment Aufnahme von Sotschi... das ist bestimmt schon 2 Jahre her und seit dem suche ich sie weil ich sie gerne nochmal sehen möchte...
Das Buch leihe ich dir gerne mal aus. Die Idee mit dem Berliner Forumtreffen finde ich gut. Wer ist denn noch alles aus Berlin???