Zeppelin hat geschrieben:Vor allem interessieren mich schienengebundene Systeme.
Prinzipiell setzt man in Russland noch immer auf den Ausbau der Metros.
Moskau und Petersburg bauen weiter an ihren Netzen. Nachdem man in Moskau gemerkt hat, dass der Straßenbau der 90er kein Mittel gegen den Stau war, besinnt man sich auch wieder auf die Metro. An der hellgrünen und dunkelblauen Linie wird wieder reell gearbeitet - nach einer langen Pause in den 90ern. Auch Piter baut nun wieder an der fünften Linie.
Eine alte sowjetische Regel war, dass jede Stadt mit über einer Million Einwohnern eine Metro verdient. Deswegen wurden in den 80ern Metros in Samara, Nischni Nowgorod, Samara und Nowosibirsk gebaut, ebenso in Dnepopetrowsk und Donjezk. Angefangen wurden Metros in Omsk, Kasan, Krasnojarsk, Ufa sowie Tscheljabinsk. Nun besitzen einige dieser Städte eine Minimetro mit fünf bis 13 Stationen, diese sind aber absolut nicht rentabel, da kein echtes Netz existiert und die Linien nur im Zentrum fahren. Die Schlafbezirke sind nicht angebunden und für einen Weiterbau dort hin fehlt das Geld.
Für all diese Städte sind jeweils drei bis fünf Linien geplant. Aber dazu muss man wissen, dass früher Moskau 50 Prozent des Metrobaus bezahlt hat, heute kommen jedoch nur noch 20 Prozent vom Kreml und 80 Prozent müssen die Stadt oder der Oblast aufbringen. Der Bau einer (!) Metrostation verschlingt etwa das komplette (!) Jahresbudget einer kleinen Millionenstadt - damit sind echte Erweiterungen vollkommen illusorisch, denn Kindergärten, Schwimmhallen, Verwaltung und Straßen müssen ja auch bezahlt werden.
Eine Ausnahme war Kasan, hier hat Moskau die Regel gebrochen und mehrere Jahre das gesamten föderale Budget für Metrobau verbuddelt. Deswegen ging woanders noch weniger voran.
Stadtbahnkonzepte sind in Russland noch nicht populär. Damit wären also moderne Straßenbahnen gemeint, die nur im Zentrum die teuren Tunnel nutzen und außerhalb auf einfachen oberirdischen Strecken fahren. Der Bau einer vernünftigen (!) oberirdischen Strecke kostet rund 1 % einer Tunnelstrecke. Von den Betriebskosten (Wasser abpumpen!) ganz zu schweigen.
Es gibt kleines Stadtbahnkonzept in Kiew sowie die Schnellstraßenbahn von Wolgograd. (Dort weil sich die Stadt zwar entlang der Wolga rund 40 Kilometer hinzieht, also ein schnelles Verkehrsmittel braucht. Aber 900.000 Einwohner waren halt nicht genug für eine Metro.)
Ebenso eine Vernetzung von Elektrischkas mit der Metro scheitert wohl an den unterschiedlichen Zuständigkeiten. Obwohl es sehr sinnvoll wäre. Überhaupt gibt es keine Beispiele vernünftig ausgebauter Elektrischkas, also mit Taktfahrplan und funktionierender Vernetzung zu Metro etc.
Straßenbahnen sind im Moment auf dem absteigenden Ast und werden fast überall zurückgedrängt. Die Modernisierung des Wagenparks und der Gleise ist teurer als die Investition in Busse. Und da meist sowieso nur ein Wagen die Gleise entlangschleicht ist die Akzeptanz eh geringer - was wiederum die Stilllegung legitimiert. (Im Gegensatz zu Deutschland, wo der Fahrgast lieber Bahn als Bus fährt. Warum weiß auch niemand.) Zudem sieht man die Straßenbahn wie auch in den 70ern in Deutschland als Stau-Ursache.
Trolleybusse sehen manche Stadtväter als Lösung, weil sie in der Stadt keine Abgase produzieren. Dennoch fehlt das Geld, Fuhrpark und Leitungen auf dem Stand zu halten - die O-Busse werden immer langsamer. Ferner führen Falschparker zu Verspätungen. Deswegen halte ich objektiv nicht viel von Trolleybussen, auch wenn ich sie natürlich subjektiv mag.
Städtische Busse ...
Zeppelin hat geschrieben:Dass man sich da vor allem auf private Sammeltaxis bzw. Kleinbusse konzentriert, ist mir schon klar. Finde ich aber als äußerst suboptimale Lösung.
Im Grunde wird mit diesen privaten Anbietern die Investition von der Stadt hin zu den privaten verlagert. Anfangs war das gut, weil es somit für Eilige eine gute Alternative gab. Inzwischen ziehen sich die Städte aber immer mehr zurück. In Novosibirsk fahren die städtischen Busse in manchen Bezirken nur noch alle 40 Minuten. Die privaten - anfangs als Ergänzung gedacht - bekommen ein Monopol und können die Preise immer mehr diktieren.
Manche Städte erkennen die Probleme und versuchen den Markt nun etwas zu ordnen. Zum Beispiel verlangt Novosibirsk bei der Lizenzverlängerung inzwischen moderne Busse statt dieser unsäglich lauten, engen und dreckigen PASiki, die im Moment fahren. Aber das Preisproblem bekommen sie nicht in den Griff.
Grundsätzlich fehlt in Russland der Wille, den ÖPNV zu attraktivieren: Es gibt keine Busspuren, der motorisierte Individualverkehr ist mangels Parkgebühren zu billig und eine attraktive Vernetzung der Verkehrsmittel ist nicht zu finden. Es gibt keine Verkehrverbünde (einheitliche Tickets) und so weiter.
Wer Interesse hat, dem schicke ich auch gern mal meine Diplomarbeit zu: "Konzepte zur umweltverträglichen Entwicklung des Verkehrs in sibirischen Großstädten am Beispiel Nowosibirsk".