Seite 1 von 4
russisches Bildungssystem
Verfasst: 12 Feb 2007, 01:18
von Sanja
Hallöchen,
hätte interessehalber einfach mal Fragen zum russischen Schulsystem.
Nach den tollen Pisa Studien hier entsteht ein herrlicher Leistungsdruck auf Lehrer, Eltern und klar die Schüler.Wobei ich das ganze Lernsystem in Frage stelle - vor allem die Pädagogik die dahinter steckt.
Kann jemand etwas über das russische Bildungssystem, Pädagogik und Schulalltag....berichten?

Re: russisches Bildungssystem
Verfasst: 12 Feb 2007, 10:24
von Zejtnot
Mir fehlt der Gesamtüberblick, aber ein paar Theorien habe ich dennoch:
These 1: Gute Ausbildung, die Leute haben danach eine gute Allgemeinbildung.
These 2: Die eigene Sprache wird noch hoch geschätzt. Jeder Russe hat wenigstens ein Buch aller russischen Meister gelesen. Ich musste in der Schule nie Goethe lesen.
These 3: Die Lehrer sind unterbezahlt. Viele Lehrer müssen aus finanziellen Gründen in zwei Schichten arbeiten - dementsprechend können sie sich kaum gut vorbereiten.
Verfasst: 12 Feb 2007, 12:04
von Kultgrieche
Ergebnisse der PSIA-Studie aus dem Jahr 2000:
http://www.mpib-berlin.mpg.de/pisa/ergebnisse.pdf
Die Russische Föderation schneidet miserabel ab! Ein Land auf dem Weg ins Schwachmatentum, wenn man den Zahlen und Auswertungen Glauben schenken kann.
Meine Frau war Grundschullehrein in Nishnij Nowgorod. Sie erinnert sich geren an die Zeit als Lehrerin dort zurück, ihre Schüler waren motiviert, es gab keine Integrationsproblematik, sie erhielt Anerkennung seitens der Eltern. Aber das Gehalt war unterirdisch schlecht.
Jetzt unterrichtet sie an einer deutschen Grundschule: Das Gehalt ist gut, aber die Eltern sind ziemlich desinteressiert, was ihre Kinder angeht, zudem kommt hier noch die Problematik mit den unterschiedlichen "Migrationshintergründen", wie es neudeutsch heißt, hinzu.
Verfasst: 12 Feb 2007, 15:06
von Zeppelin
Einen Überblick möchte ich mir auch nicht anmaßen. Doch ich habe mich mit sehr vielen Leuten (hier) unterhalten, die das russ. Schulsystem durchlaufen haben.
Meine Frau ist ebenfalls Lehrerin (für Deutsch und Englisch) aus RUS und hat dort zeitweilig in 7. bis 9. Klassen diese Fächer unterrichtet.
Ferner hat sie ihren Weg ohne nennenswerte familiäre Unterstützung, ohne 'gute Beziehungen' usw. über viele harte Klippen gemacht.
Aus allem was mir insgesamt berichtet wurde, und was ich an jungen Leuten aus RUS hier beobachten kann, ist folgendes:
M.E. ist das Bildungssystem sehr auf Auslese ausgerichtet, die einerseits eine recht schmale Bildungselite und andererseits eine breite mittel- bis schwach gebildete Schicht hervorbringt.
Was dabei fehlt, ist etwas, dass man mit einem Realschulabschluss vergleichen könnte.
Zu den russ. Abiturienten kann ich sagen, dass sie oft in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern sehr stark sind, zum Teil auch in Sprachen und Literatur.
Aber das ist auch Ergebnis eines ziemlichen Drills, den ich z.B. so nicht hätte ertragen können/wollen.
Doch wer das überstanden hat, fühlt sich oft sehr oberschlau. Das kommt daher, dass den Leuten durch die Schule zwar viel Wissen vermittelt wird, aber zu wenig, was daran fraglich ist. (So ähnlich war auch die Schule in der DDR.)
Das korrespondiert dann auch mit erheblichen Defiziten in den Geistes- und Sozialwissenschaften, was die Betroffenen aber oft abstreiten bis auf's Messer. Sie gehen schlicht und einfach davon aus, dass das was sie gelernt haben stimmt, und sonst gar nix.
Sie finden es auch völlig unakzeptabel, dass ein in RUS erworbenes Abi allein, in D keine Hochschulzugangsberechtigung darstellt.
Um hier auf eine Uni zu kommen, braucht mann meist dazu noch einige Semester an einer russ. Hochschule.
Hat mans dann geschafft, und studiert hier, gibt es oft dicke Tränen, wenn die Noten nicht mehr so sprudeln, wie einst gewohnt. Ein weiteres Problem ist für viele, sich aus dem Kurssystem einen eigenen Studienplan zusammenstellen zu müssen, weil einem ja nicht gesagt wird: "Nach dies, mach jenes und in den Prüfungen wirst Du nur gefragt, was auch in den Lehrveranstaltungen behandelt wurde."
Aber es gibt wirklich auch viele, die daran nicht verzweifeln, sondern auch zu echten Leistungsträgern werden.
Wenn man es nicht bis zum Abi in RUS schafft, sind die Perspektiven nicht so toll. Es gibt zwar so etwas, wie eine Facharbeiterausbildung, aber dabei werden dem Vernehmen nach nur allgekeine Grundfähigkeiten nebst einer Menge Theorie vermittelt, aber dann kann man sich nur mit viel Ehrgeiz und Talent in einem Betrieb 'hocharbeiten', bekommt - wenn man glück hat - die eine oder andere Weiterbildung auf Spezialgebieten, aber so etwas wie Industrie- uder Handwerksmeister gibt es meines Wissens gar nicht.
Hochschulabsolventen fehlt es dagegen oft an praktischen Fähigkeiten, wenn sie nicht selbst irgendwie dafür sorgen, sich diese nebenher selbst irgendwie zu verschaffen. Das sorgt dann für gegenseitiges Unverständnis zwischen Ingenieuren und Arbeitern.
Allgemein kann ich sagen, dass die Schule in vielen Punkten sehr autoritär ausgerichtet ist, weil die Lehrer so die mangelnden Motivationsmöglichkeiten kompensieren, die bei Weitem nicht nur aus ihrer katastrophalen Unterbezahlung erwachsen, sondern auch durch die mangelnde Ausstattung der Schulen mit Lehrmitteln, eine völlig scholastische Methodenausbildung an den pädagogischen Hochsschulen und die leider verbreitete Einstellung, dass nur durch Drill Wissen vermittelt werden kann.
Nur wenn man Glück hat, gerät man an wirklich engagierte Lehrer/innen, die sich trotz allem um indivieduelle Förderung einzelner Kinder kümmern.
Dieses Glück wurde u.a. meiner Frau zuteil und nur so hat aus ihr werden können, was sie heute ist. Daneben hat sie wunderbare Eltern, die ihr in den meisten Fächern inhaltlich zwar nicht wirklich helfen konnten, aber für die Ausbildung ihrer Kinder wirklich alles zurückgestellt haben.
Damit wären wir bei dem Vergleich zur Situation in D, der eigentlich unmöglich ist, weil er auf allen Ebenen hinkt. Ich war u.a. einige Jahre Elternsprecher an einem Berliner Gymnasium und dabei vor allem darüber entsetzt, welches Desinteresse Eltern der Ausblidung ihrer Kinder oft entgegenbringen. (Über die Ursachen dafür mag ich mich hier nicht auslassen.)
Man ist zwar auch hier sehr stolz auf seinen Nachwuchs, aber ich bezweifle, dass Kindern in den hiesigen Durchschnittsfamilien der gleiche Stellenwert zuteil wird, wie in entsprechenden russischen Familien - gleich welcher Volkszugehörigkeit.
Am russ. Schulsystem bemängele ich neben den schlechten Bdingungen für Lehrer vor allem, dass es wenig zu selbständigen Problemlösungen durch die Schüler jenseits vorhandener Standards beiträgt. Daraus resultiert m.E. die größte Entwicklungsbremse des Landes.
Was ich aber schon häufig registeirt habe ist, dass Kinder russ. Aussiedler hier in Schulen oft zu den Klassenspitzen gehören. Das ist nicht verallgemeinerbar, aber eben auch nicht selten.
Gruß,
Zeppelin
PS: @admin: vielleicht sollte man diesen Thread auch ins Disskussionsforum oder nach Wissenswertes verschieben?
Re: russisches Bildungssystem
Verfasst: 12 Feb 2007, 16:26
von Oletsch
Zejtnot_ hat geschrieben:Ich musste in der Schule nie Goethe lesen.
und wenn nicht Goethe, was dann sonst musstest Du lesen??

Oder war das so, dass ihr nur die Rezensionen gelesen habt?
Also wir mussten nicht nur ein Buch von den Klassikern lesen, sondern mehrere, wirklich ganz viele. darunter waren leider auch "sozialistische Klassiker" ;-)
Gruß
Oletsch
Re: russisches Bildungssystem
Verfasst: 12 Feb 2007, 16:45
von Zejtnot
Oletsch hat geschrieben:und wenn nicht Goethe, was dann sonst musstest Du lesen??
Deutsch Grundkurs. Nix gelesen.
Kann mich an "Kabale und Liebe" (Schiller) entsinnen, habe ich mir aber nur von einem Freund erklären lassen, denn ich fand es doof. Ferner dieses Werk ... von wem war es denn ... über Kopernikus. Und "Effie Briest", au weia.
Ich finde es aber einfach schlecht, das Goethe eben nicht Pflicht war. Auch wenn ich es damals gut fand.
Verfasst: 14 Feb 2007, 17:20
von Rotech
Das schlimme ist hier in Moskau, wenn du Geld auf den Tisch legst, kannst du dein Kind von der ersten bis zur 11 Klasse auf eine gute Schule schicken, anderst ergeht es dehnen die pro Monat nicht diese Mittel haben. Es ist kurios, aber hier macht jede Schule irgenwie was es will. Schule Nr.1 ab 3 Klasse eine Fremdsprache, Schule Nr.2 ab 1 Klasse eine Fremdsprache und dann ab der 4 die zweite. Die Tochter einer guten Bekannten (beide Russen) hat ab 1 eine Fremdsprache, dann ab 3 die zweite, ab 7 Klasse die dritte. Weiterhin legen die Schulen unterschiedliche Schwehrpunke, bezueglich der Stundenanzahl der einzelnen Faecher.
rotech
Verfasst: 14 Feb 2007, 20:49
von zimdriver
Ich weiß ja nicht, ob ich vielleicht schon zu alt für das Thema bin. Das mit dem Geld will ich jedoch nicht so stehen lassen.
Ohne Geld auf den Tisch gibt's in der Schule in der 4. Klasse vernünftigen Unterricht, Hausaufgaben, Zensuren- alles so, wie ich mir Schule vorstelle. Englisch oder Deutsch als Fremdsprache, die zweite kommt dann ab 5. Klasse.
Gut, da ist wahrscheinlich nicht allzuviel Selbsterfahrungskram, Projektarbeit und Kindergewerkschaft dabei, aber das muß auch nicht sein. Wer das braucht, kann Geld anfassen und in eine der englischsprachigen Schulen schicken oder sich einreihen für die deutsche Schule.
Die Bildung ist mathelastig, naturwissenschaftlich unterstützt. Es wird ausnehmend viel Kunstunterricht gemacht, Sportunterricht gibt's auch.
Was will man mehr?
Vergleichen kann ich nur britische und russische Schule. In der britischen Schule wurde mehr gespielt und gescherzt. Höchst unangenehm war die liberale Reaktion der Lehrer zu rassistisch gefärbten Verhalten eines Jungen aus neureicher wichtiger Familie. Die russische Schule ist eher mit früherer DDR-Schule, im positiven Sinne, zu vergleichen. Leistungsdruck ist hier fühlbar, aber auch sehr mütterliche, besorgte Lehrerinnen.
Meine Traumkombination wäre, in Russland die Schule abzuschließen und anschließend in Deutschland noch 11. bis 13. bis zum Abitur durchzuziehen.
Verfasst: 15 Feb 2007, 14:05
von Zeppelin
Zim,
in den meisten Punkten stimme ich Dir zu.
Nicht aber darin, dass alle 'normalen' Schulen das anbieten (vor allem Sprachen), was Du schreibst.
Auf keinen Fall ist das in Städten wie Omsk, Ufa oder Kazan' so. Von ganz kleinen Städten und Dörfern mal ganz zu schweigen.
Da gibt es zwar durchaus ein Grundangebot, aber man frage lieber nicht nach dem Niveau.
Dafür gibt es aber einige wenige Schulen, auf die eein enormer Andrang herrscht, den entweder die Eltern mit viel Geld bewältigen, oder einige sehr leistungsstarke Schüler mit Spitzennoten. Das gilt insbesondere für die Lyzeen.
Und in viele Studiengängen ist ein 'Abi' von einer solchen Schule mit entsprechend hohem Abschluss Mindestvoraussetzung, um einen kostenlosen Studienplatz zu ergattern. So haben es z.B. meine Frau und einige unserer Freunde gemacht, die nie das Geld dafür hätten aufbringen können.
Manche bekommen 'sogar' ein staatliches Stipendium in der gigantischen Höhe von um die 350,- Rubel...
Und das solche Leute dann natürlich allen Grund haben stolz zu sein, wenn sie es auch noch schaffen, das sog. "rote Diplom" (das ist etwa so wie "cum laude") zu bekommen, ist für mich sehr verständlich.
Um so enttäuschter sind sie dann, wenn ihre Berufsabschlüsse hier und anderswo im Westen nicht bzw. nur zum Teil anerkannt werden.
Zeppelin
Verfasst: 15 Feb 2007, 14:41
von Zejtnot
Also den Sprachunterricht kann man in Russland wirklich meist vergessen. Die pädagogischen Unis haben kein Geld und die Studenten erst recht nicht. Viele künftige Sprachlehrer in der Provinz haben so nie die Chance, in das Land, dessen Sprache sie unterrichten sollen, mal mit den eigenen Augen zu sehen. Ohne Praxis vor Ort fühlen sie die Sprache aber nicht.
Die erste Sprache ist meist noch ganz OK, aber viele lernen Deutsch und Englisch. Ich war an Unis in Kursen "Zweite Unterrichtssprache Deutsch" - da war mein damaliges Russisch besser als deren Deutsch, obwohl ich mich bei weitem nicht in der Lage fühlte, jemandem Russisch zu lehren. Die Studenten waren im letzten Studienjahr und sollten wenige Monate später in Schulen als Deutschlehrer eingesetzt werden.
Fazit: Die Sprachausbildung ist meist ganz schlecht. Man lernt jahrelang und kann am Ende nicht reden sondern nur auswendig gelernte Phrasen.